VERLAGE Den Kopf eingezogen
Schön, dass sich zumindest einer freut. Eine »sensationelle Entscheidung« sei das, jubelt »Welt«-Chef Wolfram Weimer, eine »historische Weichenstellung« gar, die einem »Befreiungsschlag für die 'Welt'« gleichkomme.
Heidi Siebert hingegen ist deutlich weniger enthusiasmiert: »Die Stimmung ist regelrecht depressiv«, klagt die Betriebsratsvorsitzende der »Berliner Morgenpost«, »alle ziehen den Kopf ein, weil sie Angst haben, dass es sie trifft.«
Die Sorge ist berechtigt. Seit Donnerstag vergangener Woche wissen die etwa tausend Mitarbeiter von »Welt« und »Berliner Morgenpost«, dass ihre Jobs akut gefährdet sind. Im kommenden Jahr will der Springer-Verlag ("Bild«, »Hörzu") die Redaktionen und Verlage der beiden Blätter zusammenlegen und dabei etwa 260 Stellen einsparen.
Als alleiniger Chefredakteur wird dann »Welt«-Chef Weimer, 37, das Doppelblatt leiten, sein Kollege Herbert Wessels von der »Morgenpost« muss gehen. Neuer Herausgeber soll ausgerechnet der bisherige ZDF-Intendant Dieter Stolte, 67, werden, der es in seiner 20-jährigen Amtszeit immerhin geschafft hat, seinen Sender vor allem bei Senioren beliebt zu machen.
Wortreich versucht der designierte Konzernchef Mathias Döpfner seitdem, die eigene Entscheidung schönzureden: Die »Bündelung der journalistischen Kompetenzen« erhöhe die »Qualität der beiden Zeitungen« und sei das »Fundament für eine Marketing- und Qualitätsoffensive«.
Einen Punkt verschweigt der frühere »Welt«-Chefredakteur in seinen Ausführungen dagegen gern: Für die traditionsreiche »Berliner Morgenpost« bedeutet die Fusion nach 103 Jahren das Ende ihrer publizistischen Selbständigkeit. Fortan wird das Blatt wesentliche Teile (Politik, Wirtschaft, Feuilleton) von der »Welt« übernehmen.
»Dabei liegt das Problem doch bei denen und nicht bei uns«, sagt »Morgenpost«-Betriebsrätin Siebert. Allein in diesem Jahr wird die »Welt« voraussichtlich 100 Millionen Mark Verlust machen, bei der »Morgenpost«, die im vergangenen Jahr noch 20 Millionen Mark Gewinn erwirtschaftete, sind es noch nicht einmal 2 Millionen Mark Verlust.
Schon lange suchen die Springer-Strategen in Berlin und Hamburg nach einer Lösung für ihr seit Jahrzehnten hochdefizitäres Vorzeigeblatt. Jetzt sind sie sich sicher, die Antwort gefunden zu haben.
Nach internen Berechnungen wird die Fusion ab 2003 pro Jahr etwa 50 Millionen Mark an Personalkosten einsparen, gleichzeitig rechnen die Verlagsmanager mit erheblichen Zusatzeinnahmen durch eine gemeinsame Anzeigenvermarktung der beiden Blätter.
Endlich, so hoffen sie, wird die »Welt« damit den beiden großen überregionalen Konkurrenten »Süddeutsche Zeitung« und »FAZ« ebenbürtig. Zusammen mit der »Morgenpost« habe sie dann genügend Leser für den überregionalen Stellenmarkt und bundesweite Kampagnen von Markenartiklern.
Die Wettbewerber sehen die Herausforderung gelassen. »Die Strategie macht überhaupt keinen Sinn«, sagt »FAZ«-Verlagschef Jochen Becker, »denn die Leser der 'Morgenpost' sind von ihrer Struktur her wohl eher für Schweinebauchanzeigen empfänglich.«
Seit Sommer schon hat eine hochkarätig besetzte Springer-Projektgruppe (Arbeitsname: Alpha) immer wieder alle Optionen durchgespielt, mit denen man das Defizit der »Welt« verringern könnte. Die Fusion mit einer dazugekauften Regionalzeitung? Unmöglich, das Kartellamt hätte nicht mitgemacht. Zulieferungen für verschiedene Provinzblätter? Zu kompliziert.
Die Fusion mit der »Morgenpost« blieb als einzige Möglichkeit. Denn auch das Berliner Lokalblatt steckt in der Krise. Seit Jahren schon verliert die Zeitung an Auflage. Der Zeitungsmarkt der Hauptstadt gilt als der härteste der Republik. Vergebens versuchte sich die »Morgenpost« mit überregionalen Themen zu profilieren - die Leser spielten nicht mit.
Die Springer-Manager rechnen fest damit, dass sich womöglich schon in zwei Jahren die Konkurrenz in Berlin dramatisch verschärfen wird. Szenario Nummer eins: Die Essener »WAZ«-Gruppe kauft von Gruner + Jahr ("Stern«, »Geo") die »Berliner Zeitung« und verwandelt sie in ein populäres Billigblatt. Szenario Nummer zwei: »Berliner Zeitung« und »Tagesspiegel« fusionieren.
Bei beiden Szenarien »hätten wir einpacken können«, sagt ein hochrangiger Springer-Mann, aber jetzt »sind wir in der Offensive«.
Doch in der Branche wird bezweifelt, dass die gewagte Strategie aufgeht. Zu unterschiedlich sind die Zielgruppen der beiden Zeitungen: Während die »Welt« in der Liga der Großen mitspielen möchte, verfügen drei Viertel der »Morgenpost«-Leser weder über Hochschulabschluss noch Abitur. Und so ist die Zusammenlegung der beiden Blätter vor allem für die »Welt« eine lebensnotwendige Blutspende - doch möglicherweise mit der falschen Blutgruppe.
KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN, FRANK HORNIG