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LUFTFAHRT Der Frust fliegt mit

Schon wieder Ärger im Luftverkehr: Die von einer staatlichen Firma organisierte Kontrolle des Luftraums zeigt Schwächen und sorgt für massive Verspätungen.
• aus DER SPIEGEL 28/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bei Piloten und Fluglotsen in der Bundesrepublik gilt die Internet-Adresse atcnet.de seit Monaten als Geheimtipp. Auf der Website können die Flugzeugführer und Luftraumkontrolleure Erfahrungen austauschen, Verbesserungsvorschläge diskutieren oder ihrem Frust über die ständigen Verspätungen im Luftverkehr freien Lauf lassen.

Seit am 19. April neue Luftstraßen an Deutschlands Himmel geschaffen wurden, entwickelt sich der elektronische Chat-Club immer mehr zu einem Tribunal gegen die Führung der Deutschen Flugsicherung (DFS). Entnervte Fluglotsen prangern die permanente Arbeitsüberlastung an, der sie seit Einführung der neuen Rennstrecken über den Wolken ausgesetzt sind. »Wann stellt sich von den Verantwortlichen endlich mal einer hin«, wettert ein erboster Kontrolleur, »und gibt zu, dass in Sachen Personalplanung ... auf hoher Ebene Sch... gebaut wurde?« Andere Teilnehmer fordern den Rücktritt von Topmanagern der DFS.

Die 5200 Fluglotsen sind mehr als nur verärgert. Noch vor wenigen Wochen feierten Politiker, Airline-Manager und ihre Vorgesetzten die Neuordnung der Flugrouten über Deutschland als Quantensprung. Statt sich an fest installierten Drehfunkfeuern zu orientieren, sollten die Jet-Piloten mit Hilfe ausgefeilter Satellitensysteme ungeahnte Freiräume erschließen.

Durch die neuen Schnellstraßen am Himmel, jubelten Experten der DFS, werde Fliegen künftig schneller und sicherer. Auch das Verkehrsaufkommen, hieß es, könne um bis zu ein Drittel aufgestockt werden.

Doch die ehrgeizige Neuordnung des Luftraums erweist sich bislang als Flop. Weil es die DFS-Führung versäumte, zusätzliche Fluglotsen einzustellen, produziert das neue Kontrollsystem bislang vor allem eines: massive Verspätungen.

Allein bei der Lufthansa hat sich die Pünktlichkeitsrate im Mai gegenüber dem Vorjahr um 36 Prozent verschlechtert. Der Juni lief nur wenig besser. »Wartezeiten am Boden von bis zu 90 Minuten vor Anlassen der Triebwerke sind für unsere Passagiere leider keine Seltenheit mehr«, wetterte Lufthansa-Chef Jürgen Weber kürzlich auf der Hauptversammlung.

Der Lufthansa-Chef will die zusätzlichen Kosten von rund einer Million Mark pro Tag bei Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig einfordern. Schließlich, so Weber, trage der Bund als Eigentümer der DFS Mitverantwortung für das Chaos in der Luft und am Boden.

Doch seine Juristen bremsten den erbosten Lufthansa-Boss. Stattdessen schrieb Weber am 19. Juni einen unfreundlichen Brief an DFS-Chef Dieter Kaden, in dem er dem Topmanager Missmanagement und verfehlte Personalplanung vorwirft.

Der DFS-Chef selbst wollte sich gegenüber dem SPIEGEL vergangene Woche nicht zu den Vorwürfen äußern. Sein Sprecher Axel Raab leugnet aber nicht, dass es »Probleme gab«. Fluglotsen und Piloten, so Raab, müssten sich eben »erst an das neue System gewöhnen«.

In Wahrheit haben die Manager der Flugsicherung das gewaltige Wachstum des Flugverkehrs unterschätzt. Zudem wurden in den vergangenen Jahren viel zu wenig Fluglotsen ausgebildet. »Ein systematisches Rekrutierungsprogramm zur langfristigen Sicherung des Personalbedarfs ist nicht in Sicht«, rügte der neue Lufthansa-Generalbevollmächtigte Christoph Klingenberg erst neulich in einem Vortrag.

Die Betulichkeit der Flugsicherer müssen nun die Kunden und Mitarbeiter büßen. »Der Job ist komplexer, schwieriger und gefährlicher geworden«, sagt ein Düsseldorfer Fluglotse.

Weil die Jets nicht mehr wie an einer Perlenkette über festgelegte Kontrollpunkte geführt werden, ist der Zeit- und Arbeitsaufwand für die Überwachung der Flugsektoren deutlich gestiegen. »Statt uns auf einige wenige Verkehrsknoten zu konzentrieren«, klagt ein gestresster Lotse, »müssen wir durch die neuen Strecken nun viel mehr potenzielle Kollisionsbereiche im Auge behalten.«

Effizient nutzen ließen sich die neuen Routen am Himmel nur mit zusätzlichem Personal. Doch der Flugsicherung fehlen schon jetzt gut 200 Fluglotsen.

Um die Mitarbeiter nicht zu überfordern, schließt die Staatsfirma immer häufiger komplette Überwachungssektoren. Die Folge sind Staus am Boden und teure Warteschleifen in der Luft.

Branchenkenner erwarten, dass sich der Personalmangel in den nächsten Jahren eher noch verschärfen wird. Allein seit Jahresanfang mussten bei der Flugsicherung 17 Lotsen den Kontrolldienst quittieren, weil sie die alle zwei Jahre vorgeschriebene Gesundheitsprüfung nicht mehr schafften. Bis zum Jahr 2010 gehen zudem rund ein Drittel der Luftraum-Kontrolleure in Rente.

Nun rächt sich, dass es die Staatsfirma jahrelang nicht für nötig hielt, für den Job des Fluglotsen zu werben. Dabei ist die Tätigkeit anspruchsvoll und gut bezahlt.

Um eine der attraktiven Planstellen im Tower oder in den sechs Kontrollzentren zu ergattern, müssen die Bewerber ähnlich hohe Anforderungen erfüllen wie Lufthansa-Piloten. Die Kandidaten müssen räumlich denken können, topfit und extrem belastbar sein.

Wer die knallharte Auswahlprüfung schafft, und das sind nur zwischen fünf und zehn Prozent eines Jahrgangs, hat gegenüber angehenden Lufthansa-Piloten allerdings gewaltige Vorteile. Während die Cockpit-Anwärter rund 80 000 Mark selbst übernehmen müssen, erhalten die Lotsen-Azubis schon während ihrer extrem teuren dreijährigen Ausbildung ein Monatssalär von bis zu 4700 Mark.

Auch das spätere Gehalt kann sich sehen lassen. Berufsneulingen winken bei der Flugsicherung bis zu 11 500 Mark pro Monat. Dafür müssen die Jet-Kontrolleure allerdings Schicht- und Wochenenddienste in Kauf nehmen. Lufthansa-Co-Piloten müssen sich dagegen mit gut 6000 Mark Anfangsgehalt begnügen.

Welche Brisanz der Nachwuchsmangel birgt, hat die Bundesregierung in Berlin bereits erkannt. Bereits im vergangenen Dezember ließ Bundesfinanzminister Hans Eichel prüfen, ob die Fluglotsen-Firma ganz oder teilweise an neue Eigentümer wie die Lufthansa oder die Fraport AG verkauft werden kann.

Der Finanz- und der Verkehrsminister unterstützen den Plan. Sollte auch noch Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping zustimmen - er ist für die militärische Luftraumkontrolle zuständig -, könnte der Weg für einen Einstieg der Lufthansa bei der DFS schon bald frei sein. »Als weltweit operierender Luftfahrtkonzern«, meint ein Berater des Lufthansa-Chefs, »können wir doch nicht zulassen, dass unser Wachstum gefährdet wird, nur weil es zu wenig Fluglotsen gibt.« DINAH DECKSTEIN

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