TEXTILIEN Der gestörte Markt
Kauflustige Bundesbürger, die in den letzten Monaten Blusen für drei Mark, Oberhemden für sechs Mark und Morgenröcke, für zehn Mark erstehen konnten, werden sich dieser wohlfeilen Angebote nicht mehr lange erfreuen: Bundeswirtschaftsminister Erhard sah sich vor kurzem genötigt, die Hauptquelle dieser Schwemme billiger Textilien zu verstopfen. Er reduzierte den Gesamtwert der im ersten Halbjahr 1958 zulässigen Rohgewebe -Einfuhr aus den sogenannten Billigpreis -Ländern um rund Zwei Drittel auf 4,4 Millionen Mark.
Die Textilindustrie hatte sich gewaltig anstrengen müssen, um den Bundeswirtschaftsminister zu dieser drastischen Maßnahme zu bewegen. Professor Erhard empfand nämlich den preisdrückenden Zustrom vornehmlich japanischer und chinesischer Textilien als durchaus zweckmäßig im Sinne seiner Konjunkturpolitik. Deshalb dauerte es ziemlich lange, bis er sich zu der Einsicht bequemte, daß die billigen Einfuhren nicht nur als heilsames Preisregulativ wirken, - sondern die deutsche Textilindustrie allmählich ernsthaft in Bedrängnis, bringen.
Um dem Minister diesen Sachverhalt darzulegen, war bereits vor Wochen das Präsidium des Gesamtverbandes der deutschen Textilindustrie, 15 Mann stark, unter Führung seines Präsidenten Carl Neumann im Bundeswirtschaftsministerium angerückt. Ihr Auftragsbestand, so klagten die Textilfabrikanten, sei zur Zeit um rund 30 Prozent geringer als zur gleichen Zeit des vergangenen Jahres. Zahlreiche Baumwollwebereien und -spinnereien und auch die zellwollverarbeitenden Betriebe hätten bereits zur Kurzarbeit übergehen oder Arbeiter entlassen müssen - im Mai habe man etwa 22 500 Textilarbeiter nur 30 bis 35 Stunden in der Woche beschäftigen können. Der Minister müsse deshalb seine Importpolitik ändern.
Bevor hoch die Textilfabrikanten den Minister bedrängten hatte der württembergische Textilfabrikant und CDU-Bundestagsabgeordnete Hermann Finckh den Außenhandelsausschuß des Bundestages auf die mißliche Lage seines Berufsstandes hingewiesen. Finckh beklagte sich, daß die weitgehend liberalisierten (nicht kontingentierten) Einfuhren den westdeutschen Markt mit billiger Auslandsware überschwemmen.
In der Tat hat sich Westdeutschland in den letzten Jahren von einem Textil-Ausfuhrland zu einem Textil-Einfuhrland entwickelt. Im vergangenen Jahr beispielsweise blieb die Ausfuhr von Textilien um die Hälfte hinter der Einfuhr zurück.
Dieser fatale Wandel, so jammern die Textilindustriellen, sei nicht nur eine Folge der Zollsenkungen, mit denen die Bundesrepublik - den anderen Partnern weit voraus - schon seit längerer Zeit den Gemeinsamen Markt ansteuert, sondern vor allem eine Folge der Erhardschen Konjunkturdämpfungspolitik. Um dem Anstieg der Konsumgüter-Preise entgegenzuwirken, hatte der Minister im vergangenen Jahr den Billigpreis-Ländern, wie Japan und China, und auch den Amerikanern durch großzügige Import-Sonderausschreibungen eine Tür zum westdeutschen Konsumgütermarkt geöffnet. So konnten zum Beispiel aus Japan und Hongkong für 30,5 Millionen Mark Baumwollrohgewebe importiert werden. Die Wirkung dieser Importe war für einige Zweige der deutschen Textilindustrie verheerend. Mehrere Webereien gerieten in Zahlungsschwierigkeiten. Von 71 westdeutschen Strickhandschuhfabriken mußten 35 schließen: Etliche Millionen Handschuhe, die aus Hongkong gekommen waren, hatten den Markt für die deutschen Fabriken blockiert.
Allerdings waren an diesem Niedergang einzelner westdeutscher Textilindustriezweige weniger die regulären Einfuhren schuld als der unkontrollierte illegale Import. Die Billigpreis-Länder haben einen so starken Exportdrang, daß zum Beispiel die Japaner und Chinesen nach weiteren Möglichkeiten suchten, ihre Waren nach Westdeutschland einzuschleusen.
Dasselbe Bestreben haben auch Ostblock-Länder, die in Westeuropa Textilien zu Dumpingpreisen anbieten, um harte D-Mark zu kassieren. Als Importbrücke nach Westdeutschland dienen ihnen Länder, mit denen die Bundesrepublik weitgehend liberalisierten Handel treibt, vorwiegend Jugoslawien, Belgien und Holland.
Sagt der Geschäftsführer des Hauptverbandes Baumwollweberei, Dr. Kurt Klötzner: » Die Münchner Zollbehörden haben vor kurzen einen größeren Posten Baumwoll -Kretonne aus Belgien beschlagnahmen lassen, weil er nach den an den Warenstücken befestigten Etiketten einwandfrei aus Sowjetrußland stammte Ausländische Firmen bieten offen Gewebe an, die aus Rotchina oder aus Japan stammen, und verlangen Zahlung nach Holland oder Belgien, oder sie lassen die Rohgewebe im europäischen Ausland 'vorbleichen', um sie so zu nationalisieren.
»Wir können zahlreiche Beweise für solche Manipulationen, die ohne Zweifel nicht legal sind und in das Gebiet der Falschmünzerei gehören, vorlegen. Solche Importe zerrütten die Geschäftsmoral und den Markt und entziehen uns Arbeitsplätze; die Kurzarbeit ... und Arbeiterentlassungen sind die Folge.«
Am stärksten wirkte sich der Konkurrenzdruck auf die westdeutschen Baumwollwebereien aus. In den Fabriken staute sich die schwer absetzbare Ware, die Fabrikanten mußten Webstühle stillegen und Arbeiter entlassen. Im Münsterland, einem Schwerpunkt der Baumwoll-Rohwebereien und -Spinnereien, kam es zu Massenentlassungen.
Dem Groß- und Einzelhandel hingegen schwemmte die Hochflut von Auslandstextilien erhebliche Profite in die Kassen. Besonders die Warenhäuser konnten durch den Verkauf billiger Lockartikel aus Japan und Hongkong das sonst recht flaue Frühjahrsgeschäft beleben.
So setzte zum Beispiel der Hertie-Konzern die japanischen Blusen für 2,95 Mark bis 3,95 Mark das Stück und japanische Morgenröcke für 9,75 Mark (ungefüttert) bis 19,75 Mark (gefüttert) flott ab C. & A. Brenninkmeyer und Karstadt importierten vor allem billige Oberhemden aus Japan, die sie für 5,50 Mark das Stück feilboten.
Der Warenhauskrösus Helmut Horten ließ sich Lockartikel aus den USA kommen zum Beispiel Orlon-Damenpullover, die er mit Gewinn für 15 bis 25 Mark losschlug, während vergleichbare deutsche Erzeugnisse 25 bis 35 Mark kosten.
Die Textilindustriellen schickten inzwischen Kampfschriften nach Bonn, in denen es hieß: »Die deutschen Einfuhrzölle für Baumwoll- und Zellwollgewebe betragen sieben bis dreizehn Prozent des Warenpreises. Sie sind die niedrigsten in Europa; sie schützen die deutsche Arbeit nicht und sind kein Hindernis für die Einfuhr aus Asien und aus Staatshandelsländern (wie die Sowjet-Union, China und Jugoslawien).
Besonders scharfe Kritik am Bundeswirtschaftsminister übte der westfälische Fachverband der Baumwollweber; Erhards Konjunkturpolitik laufe darauf hinaus, »eine lebenswichtige Industriegruppe mit fast 200 000 Beschäftigten und weiteren indirekt Beschäftigten in etwa der gleichen Größenordnung nur deshalb aufzugeben oder durch weitere Einfuhrerleichterungen für ostasiatische oder Staatshandelsländer zu schwächen, um vielleicht vorübergehend eine überhaupt nicht ins Gewicht fallende Ermäßigung des allgemeinen Lebenshaltungskosten-Index' um bestenfalls Zehntel eines Prozents zu erreichen«.
Die Frage, warum die deutschen Webereien der ausländischen Konkurrenz nicht gewachsen seien, beantwortete der Baumwohlweber-Verband mit einer Expertise Über die Sozialstruktur in den Billigpreis -Ländern:
»Obwohl die deutschen Unternehmen größte Anstrengungen zur rationellsten Ausnutzung der Maschinen und zur höchsterreichbaren Arbeitsproduktivität in allen Herstellungsbereichen machen, können sich ihre Kosten nicht mit ostasiatischen Industrien mit einem Drittel oder zwei Fünfteln der bei uns gezahlten Löhne messen ...
»Ostasiens Vorsprung im Wettbewerb ist deshalb so überragend, weil er nicht nur in den absoluten Unterschieden zwischen den Personalkosten bei der Gewebeherstellung besteht, sondern sich auch noch in den niedrigeren Kosten für die Hilfs - und Betriebsstoffe, Energie, Maschinen, Vorerzeugnisse usw. niederschlägt. Ungehindert von sozialgesetzlichen Einschränkungen, können die Webstühle in Hongkong 24 Stunden täglich tätig sein. Die hieraus folgende bessere Ausnutzung der Maschinen wirkt sich ebenfalls als Wettbewerbsvorteil für Ostasien ans (bei uns ist Frauenarbeit in der Nachtschicht grundsätzlich untersagt).«
Nur widerwillig entschloß sich Ludwig-Erhard, Vater der freien Marktwirtschaft, seine Handelspolitik zu ändern. Den Ausschlag dazu gab schließlich ein Argument, das die nordrhein-westfälischen Textilindustriellen vortrugen: Die Kurzarbeit und die Massenentlassungen schwächten die Position der Regierungsparteien im Wahlkampf vor den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen. Die Opposition verbreite bereits in ihren Wahlversammlungen, die Krise in der Textilindustrie sei nur Vorbote einer demnächst ausbrechenden allgemeinen Wirtschaftskrise.
Darauf reagierte Erhard sofort. Er reduzierte die Globalausschreibung für die Einfuhr von Rohgeweben aus den Billigpreis -Ländern auf 4,4 Millionen Mark; außerdem teilte die Bundesregierung in diesen Tagen der jugoslawischen Regierung mit, daß die Bundesrepublik vom 1. Juli an
- nach Ablauf des deutsch-jugoslawischen Handelsabkommens - nicht mehr unbegrenzt Textilien aus Titos Land aufnehmen werde.
Die Einfuhr von Textilien aus den westeuropäischen Ländern und aus dem Dollarraum wird Erhard jedoch nicht einschränken: Eine Erhöhung der Textilzölle lehnte er kategorisch ab.
Fabrikant Finckh
... eine Grenze
Die Zeit, Hamburg
Der Zollschrankenwärter