UNTERNEHMEN Der große Bluff
Der Chef des maladen AEG-Konzerns setzte alles auf eine Karte und gewann: Am Dienstag vergangener Woche gelang Walter Cipa der Bluff des Jahres.
Knapp eine Stunde dozierte der AEG-Lenker vor den staunenden Journalisten im Frankfurt Euro-Crest Hotel noch einmal über die Weitsicht seines »Konsolidierungsplanes«, den er bereits 1976 auf den Weg gebracht hatte. Alles sei richtig gewesen, höchstens von übelwollenden Presseleuten in den Dreck gezogen worden.
Selbst den Verlust von fast einer Milliarde Mark für 1979 -- einmalig in der deutschen Industriegeschichte -- verkaufte Cipa als reinigenden Abgang: Damit sei nun alles überstanden, schon. 1980 werde der Konzern »mit ein bißchen Glück« sich der Gewinngrenze nähern.
Fast beiläufig -- die Versammelten hatten sich von ihrer Verblüffung ob so viel Eigenlobs noch nicht erholt -- ließ Konzernlenker Cipa schließlich wissen, daß er seine heilenden Hände von dem Unternehmen zurückziehen werde. Denn der Kraftakt zur Rettung des Konzerns habe natürlich Porzellan zerschlagen; so was schaffe »weder Freude noch Freunde«.
Tags darauf durfte Cipa in den Zeitungen nachlesen, was er sonst fast nie gefunden hatte: Lob für den unerschrockenen Kärrner, der den Ruhm der Sanierung großmütig einem Neuen überläßt.
Ein starker Abgang, so schien es. In Wahrheit war es das letzte Gefecht eines gescheiterten Spitzenmanagers, dem seine versteinerte Selbstgefälligkeit keinen anderen Abschied erlaubte. Denn die AEG, so ein westdeutscher Industriechef am Tag nach der AEG-Pressekonferenz, »war noch nie in so schlechter Verfassung wie jetzt«.
Und das war spätestens seit Anfang der Woche klar, als der AEG-Aufsichtsrat über die Zukunft des Konzerns zu Rate saß.
Zunächst sah alles nach einer glatten Routinesitzung aus. Die geplante Finanzspritze -- eine Entwertung des Aktienkapitals und die Zuführung neuer Mittel durch ein Bankenkonsortium (SPIEGEL 47/1979) -- wurde einstimmig abgesegnet.
Spannend wurde es erst, als Cipa das Wort nahm. Die Räte erwarteten von ihm ein schlüssiges Bündel von Vorschlägen, wie weitere Verluste im laufenden Geschäft verhindert werden könnten.
Das aber konnte Cipa, wie schon in den Vorjahren, auch diesmal nicht überzeugend bieten. Sein langatmiger Vortrag diente vor allem der eigenen Rechtfertigung: Nicht er, sondern lediglich widrige Umstände seien der Grund für die AEG-Misere.
Nun werde alles besser, versprach der Konzernchef vage. Und er schickte gleich die Drohung hinterher, daß ohne die Entlassung von 13 000 AEG-Werkern die Kur nicht anschlagen werde.
Kein Wunder, daß vor allem die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat Cipas Vortrag als unverschämt bewerteten. Sie hatten schon zuvor erklärt, daß sie über Massenentlassungen nur dann verhandeln würden, wenn zugleich ein schlüssiges Sanierungskonzept vorgelegt würde -- das aber fehlte.
Was der gescheiterte Sanierer versäumt hatte, lieferte dann ein anderer nach: Nicholas Hayek, Chef der Züricher Engineeririg-Firma Hayek. Seit Anfang Oktober hatte die Hayek-Truppe im Auftrag des Dresdner-Bank-Chefs und designierten Aufsichtsrats-Oberen Hans Friderichs die AEG bis auf die Grundmauern durchleuchtet.
Mit wachsender Verblüffung und Verbitterung hörten die Aufsichtsräte, daß in der AEG offenbar kaum ein Bereich zufriedenstellend funktionierte. Im Materialeinkauf, in der Lagerhaltung, im Verkauf und in der Produktion wurden selbst primitivste Regeln der Betriebswirtschaft mißachtet. Die Fehler im Auslandsvertrieb -- einem der stattlichsten AEG-Minusmacher -- rechnete Hayek bis in die einzelnen Tochtergesellschaften nach.
Auch Cipas Gewinnprognose und seine Entlassungspläne zerpflückte der Schweizer mit Akribie. Aus der Verlustzone könne die AEG frühestens 1981 kommen, und bei den Entlassungen sei eine gemäßigtere Gangart angeraten: Nach den Recherchen der Hayek-Experten seien zunächst einmal 7400 Stellenkürzungen genug, weitere 1400 müßten noch geprüft werden.
Für einzelne Geschäftsbereiche schlug der Unternehmensberater gar Neueinstellungen vor. Nur so könnten Produkte mit hervorragenden Marktchancen endlich schnell genug auf den Markt gebracht werden.
Hayeks Vortrag erzielte Wirkung -- nur nicht bei Cipa. Ungerührt verwandelte der ehemalige Amateurboxer die böse Punktniederlage im Aufsichtsrat am nächsten Tag in einen strahlenden Sieg.
Die überraschende Ankündigung seines Rückzugs aus der AEG brachte dagegen die Aufsichtsräte in eine mißliche Situation. Denn was sie ursprünglich vorhatten, wird ihnen nun nicht mehr glücken -- in Ruhe nach einem Nachfolger für Cipa zu suchen.
Nun muß Friderichs den neuen AEG-General unter dem Sperrfeuer interessierter Gruppen auswählen. In der allgemeinen Aufregung, meinte ein Insider Ende letzter Woche, »versucht jeder, ein Stück von der AEG zu schnappen«. Und dabei könnte, so seltsam das klingt, der neue AEG-Lenker manchem nützlich werden.
»Das schafft nur einer, der aus dem Unternehmen kommt«, urteilt Manfred Lennings, Chef der Gutehoffnungshütte (GHH), über die Erfolgschancen für Cipas Nachfolger. Und Lennings hat auch schon jemandem im Auge: den Vorstandsvorsitzer der AEG-Telefunken Kabelwerke AG, Walter Birkhahn.
Für die Gutehoffnungshütte wäre ein Kabelfachmann in der AEG-Spitze sicher die richtige Lösung. Eine gedeihliche Zusammenarbeit der AEG-Kabelwerke mit der GHH-Tochter Kabelmetal schiene Lennings wünschenswert.
Daß nach Cipa zunächst eine Gruppe von AEG-Managern die Führung übernimmt, ist nicht ausgeschlossen. Neben Birkhan sind auch Finanzchef Horst Brandt und der Leiter des erfolgreichen Unternehmensbereichs Nachrichtentechnik Joost von Wrangel im Gespräch. Aber das Führungstrio wäre eine Übergangslösung.
Denn der neue Boß wird von draußen kommen. Vier Männer stehen inzwischen zur Wahl -- alle vier bislang Spitzenmanager deutscher Industrieunternehmen.