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GLOBALISIERUNG Der hungrige Planet

Weizen, Mais, Milch und Fleisch erreichen Rekordpreise. Ein globaler Verteilungskampf um die besten Anbauflächen ist entbrannt - und zugleich ein Streit darüber, wie manche der Rohstoffe verwendet werden sollen: als Lebensmittel für die wachsende Weltbevölkerung oder als Biosprit?
• aus DER SPIEGEL 4/2008
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der holsteinische Geschäftsmann Hans Heinrich Driftmann kann anhand einer Packung Müsli die ganze Welt erklären. Zumindest seine Welt. Es ist die Welt der Agrarmärkte.

Driftmann greift sich ein Päckchen »Köllns kernige Multikorn-Flocken« aus dem Sortiment und liest die Liste der Zutaten vor: Hafer, Weizen, Gerste, Roggen. Dann zieht er Papiere mit Preistabellen aus einer Klarsichthülle und rechnet: Roggen plus 55 Prozent, Gerste 70 Prozent, Weizen 90 Prozent. Auch der Hafer ist innerhalb eines Jahres gegenüber der letzten Ernte erheblich teurer geworden, um 80 Prozent - ausgerechnet Hafer. Das schmerzt Driftmann besonders.

Seit zwei Jahrzehnten führt er die Kölln-Werke, bekannt für ihre Haferflocken und groß im Geschäft mit Müsli. Es ist ein alter Familienbetrieb, 1795 gegründet, im Zentrum von Elmshorn gelegen. Dort ragen mächtige Getreidesilos empor, turmhoch und himmelblau bemalt. Schon von fern sehen die Lasterfahrer, wohin sie ihre Ware liefern müssen. Wenn sie denn kommen.

Driftmann ist dankbar um jede Fuhre, die das Firmengelände erreicht. »Hundsmiserabel« sei die Haferernte ausgefallen, klagt er. Seine Einkäufer suchen auf der ganzen Welt nach Kontingenten, in Finnland, in Australien. Der Preis ist fast zweitrangig: »Das Problem ist die Verfügbarkeit«, sagt Driftmann.

Eigentlich müsste er gegenüber den Handelsriesen erheblich höhere Preise durchsetzen. Mehr als 20 Prozent wären wohl gerechtfertigt, meint er. Solche Sprünge würden die Verbraucher nicht

mitmachen, noch nicht: »Wir werden in den nächsten Jahren noch einige Preiserhöhungen bekommen«, erwartet er.

Es ist eine neue Erfahrung für den Agrarunternehmer - und zugleich eine verstörende Perspektive für Millionen Verbraucher: Seit Jahrzehnten sind sie es gewohnt, dass die Preise für Lebensmittel stabil bleiben oder sogar fallen. Doch seit der denkwürdigen Anzeigenkampagne ("Aldi informiert über bevorstehende Preiserhöhungen"), die im September bundesweit Aufsehen erregte, hat der Discountriese das Wendesignal gesetzt. Aldi hob die Preise von etwa 50 Artikeln an, umgehend folgten andere Ketten.

Inzwischen scheinen die Supermärkte fast alle Preisschilder ausgetauscht zu haben: für Brot und Butter, Milch und Käse, Schweinefleisch und Geflügel, Nudeln und Schokolade, Apfelsaft und Bier. Eine Preiswelle baut sich auf, sie hat die Inflationsrate auf den höchsten Stand seit 14 Jahren gehievt.

Manch einem Nachkriegsgeborenen, der nie magere Zeiten erlebt hat, mag jetzt erst bewusst werden, dass Lebensmittel einen Wert besitzen, einen existentiellen gar: Sie sind Mittel zum Leben, notwendige Ressourcen, die keinesfalls jederzeit und überall verfügbar sein müssen. Schon gar nicht zu garantiert niedrigen Preisen.

In diesem Jahr steht die Grüne Woche, die Berliner Agrarmesse, die Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) am Donnerstag vergangener Woche eröffnet hat, unter völlig neuen Vorzeichen: Jahrzehntelang leistete sich die industrialisierte Welt den fragwürdigen Luxus, weitaus mehr Milch, Butter oder Weizen zu produzieren, als ihre Bürger überhaupt verzehren konnten. Die Überschüsse wurden exportiert, sofern sich Abnehmer fanden, ansonsten wurden sie auf unbestimmte Zeit eingelagert - oder vernichtet.

Mit diesem Irrsinn ist es nun vorbei. Die Butterberge sind abgebaut, die Getreidehalden abgetragen, die Milchseen ausgetrocknet. »Die Ära der Überproduktion liegt hinter uns«, sagt Stephane Delodder, Agrarspezialist der Rabobank in Utrecht.

Die weltweiten Warenströme verschieben sich, sie sortieren sich neu. Erstmals entsteht ein wirklich globaler Agrarmarkt, angetrieben vom Ursprung allen Wirtschaftens: der Knappheit der Güter.

Weizen zum Beispiel ist so begehrt wie seit 30 Jahren nicht mehr. Die Bestände in der EU sind eingebrochen, von 14 Millionen Tonnen in nur einem Jahr auf eine Million.

In einer derart angespannten Lage kann die Meteorologen-Prognose einer Dürreperiode im wichtigen Exportland Australien genügen, um an den Warenterminbörsen der Welt ein kleines Beben auszulösen. Dort erreichen die Kurse ständig neue Rekordstände. Nichts erregt derzeit die Phantasien der Händler so sehr wie ein Scheffel Weizen oder ein Hektoliter Rapsöl.

Bei der aktuellen Aufregung um steigende Lebensmittelpreise dreht es sich freilich um weit mehr als nur ein paar Euro extra für Milch, Käse oder Brot. Es geht darum, wie die Menschheit in Zukunft mit Nahrung versorgt werden kann - und zu welchem Preis.

Wie soll die Landwirtschaft eine Welt ernähren, die jedes Jahr um 80 Millionen Menschen wächst? Eine Welt, die immer stärker klimatischen Extremen ausgesetzt ist? Und die vor allem nicht nur Nahrung für Menschen und Futter fürs Vieh benötigt, sondern zunehmend auch Kraftstoffe, die aus Pflanzen gewonnen werden?

Zu viel Bedarf, zu wenig Land: Die Welt hungert nach Agrarrohstoffen, doch jeder Hektar Ackerfläche lässt sich eben nur einmal bewirtschaften. Das ist das Dilemma.

Wo Mais steht, kann keine Kartoffel wachsen. Wo Gerste gepflanzt wird, ist kein Platz mehr für Hafer. Und wenn Raps in Biodiesel verwandelt wird, kann aus der Saat kein Speiseöl gepresst werden.

So schaukeln sich die Preise für die Feldfrüchte gegenseitig hoch. Die Furcht vor einer Rohstoffkrise wächst, die Angst davor, dass sich der aktuelle Engpass zu einer kapitalen Hungersnot auswächst.

»Wir brauchen unbedingt eine gute Ernte, damit sich die Lage entspannt«, sagt Klaus Schumacher, Chefvolkswirt von Toepfer International, einem großen Agrarhandelshaus mit Sitz in Hamburg. »Wenn das nicht geschieht, haben wir bald ein echtes Versorgungsproblem.«

Skeptischer noch beurteilt Kölln-Chef Driftmann die Aussichten, vor allem für die Entwicklungsländer, die einen Großteil ihrer Nahrungsmittel importieren müssen und wo viele Menschen ums tägliche Überleben kämpfen. »Ich fürchte, wir rutschen in eine Welternährungskrise«, mahnt er. »Das macht mir sehr große Sorgen.«

Das Weltwirtschaftsforum in Davos, wo sich ab diesem Mittwoch wieder die Elite versammelt, hat die Knappheit der Agrarrohstoffe als ein entscheidendes globales Risiko ausgemacht. »Das Welternährungssystem«, so die Veranstalter, »steht vor einer ernsten Bewährungsprobe.«

Die Vereinten Nationen warnen schon davor, dass in manchen Ländern deshalb

Unruhen ausbrechen könnten. In Mexiko gingen vor einem Jahr bereits Zehntausende auf die Straße, sie demonstrierten gegen die Preisexplosion bei Maismehl, dem Grundnahrungsmittel der Mexikaner.

Diese »Tortilla-Krise« war ein erstes Fanal jenes Verteilungskampfs, der dem Planeten bevorsteht: um die ertragreichsten Anbauflächen, die günstigsten Lieferkontrakte, das beste Saatgut.

Eine Debatte steht darüber an, wie die Menschen ihre Existenzgrundlage sichern können - ob sie zum Beispiel Gentechnik einsetzen sollen? Und wofür sie die wertvollen Agrarressourcen überhaupt nutzen wollen: als Ernährungsgrundlage für die Welt - oder auch als Treibstoff für den Tank? Brot oder Sprit? Oder geht beides: sich satt essen und sauber Auto fahren?

Die deutschen Landwirte beobachten die Diskussion mit Genugtuung. Bis vor kurzem noch zählten sie zu einer aussterbenden Gattung. Verhöhnt wurden sie als notorische Kostgänger der Brüsseler Wohlfahrtsbürokratie, als Profiteure einer absonderlichen Marktlogik: Je weniger Fläche die Bauern beackerten, desto mehr Geld kassierten sie.

Erstmals seit langem spüren die Bauern nun wieder dieses angenehme Gefühl: Sie werden gebraucht. Sie werden sogar geachtet. Und sie können Geld verdienen.

Sie investieren wieder, sie besorgen sich Kredite für Äcker, Lagerhallen oder Landmaschinen. Das Ernährungsgewerbe - nach Automobilfertigung, Maschinenbau und Chemie immerhin die viertgrößte Industrie in Deutschland - avanciert zur Wachstumsbranche. Bauernverbandspräsident Gerd Sonnleitner bejubelt die »neue Art von Bauernbefreiung«, seit Angebot und Nachfrage den Markt regieren - und die Verkäufer die Preise bestimmen.

»Sogar auf dem Mähdrescher habe ich Anrufe bekommen, ob ich noch Getreide hätte«, erzählt der Landwirt Hans-Jürgen Sandvoss, 57, von der vergangenen Ernte. Seit 26 Jahren bewirtschaften er und seine Frau den Hof im niedersächsischen Honerdingen, ein schmuckes Fachwerkensemble aus dem 17. Jahrhundert, seit Generationen im Besitz der Familie. Der Sohn soll die Tradition einmal fortführen.

Er ist 19, nach dem Fachabitur will er eine Lehre auf einem Hof machen und dann Landwirtschaft studieren wie früher seine Eltern. »Bis vor kurzem habe ich ihm davon noch abgeraten«, erzählt der Vater. Jetzt ermuntert er ihn dazu. Der Beruf hat wieder Zukunft.

Heute kann der Landwirt wie ein Unternehmer agieren. Sein Portfolio: Weizen, Raps, Roggen, Braugerste, Mais, Kartoffeln, Zuckerrüben. Er muss ahnen, welche Produkte demnächst nachgefragt werden, und entsprechend seine Felder bestellen, soweit es die Fruchtfolge zulässt.

Inzwischen gehen allein für die An-bauflächen beachtliche Summen über den Tisch. Die Bodenverwertungs- und Verwaltungsgesellschaft, eine Berliner Behörde, die ehemals volkseigene Äcker verpachtet oder verkauft, erzielt Rekorderlöse.

Im ersten Halbjahr 2007 kosteten in Sachsen-Anhalt landwirtschaftliche Flächen zum Verkehrswert im Schnitt 7400 Euro pro Hektar, 23 Prozent mehr als im Vorjahr. Im Westen, in Nordrhein-Westfalen etwa, werden zum Teil sogar über 25 000 Euro gefordert - und gezahlt.

Dort haben auch die Pachtpreise angezogen, an die 1000 Euro für den Hektar sind für kleinere Flächen keine Seltenheit mehr. »Wer heute als Landwirt in Pachtverhandlungen geht, der tut mir leid«, seufzt der NordLB-Fachmann Rüdiger Fuhrmann. Auch der Lingener Agrarberater Johann Kalverkamp hat beobachtet, wie die Preise in die Höhe schießen. »Boden ist das knappste Gut, das wir auf der Erde haben«, glaubt Kalverkamp.

Tatsächlich ist die Größe der Anbaugebiete nicht beliebig zu steigern. Die Fläche stagniert seit rund 30 Jahren weltweit bei etwa 1,5 Milliarden Hektar. Was in Russland oder Südamerika dazukommt, geht in Asien oder Europa verloren, für Siedlungsraum und Industriegebiete.

In China sind in einem Jahrzehnt acht Millionen Hektar Ackerland verschwunden. Zum Vergleich: In Deutschland werden insgesamt knapp zwölf Millionen Hektar bewirtschaftet.

Solche räumlichen Begrenztheiten wären zu verkraften, würde sich nicht gleichzeitig die Erdbevölkerung in atemraubendem Tempo vermehren. Wer 1950 geboren wurde, hat miterlebt, wie sich die Menschheit von 2,5 Milliarden auf jetzt 6,6 Milliarden mehr als verdoppelt hat.

Wächst die Zahl bis 2050 auf neun oder gar zehn Milliarden an, »kommt ein gigantischer Bedarf an zusätzlicher landwirtschaftlich erzeugter Biomasse auf die Welt zu«, warnt der Ulmer Mathematiker Franz Josef Radermacher, Mitglied des

Club of Rome: »Die Knappheiten werden sich dramatisch verschärfen.«

Zugleich verändern Millionen Menschen ihren Lebensstil und die Art, wie sie sich ernähren. Die neue Mittelschicht in Shanghai, Hanoi oder Jakarta will nicht länger nur von Reis und Bohnen leben, der Appetit auf Pizza und Pasta, auf Burger und Schnitzel wächst.

Der Fleischkonsum hat sich in den vergangenen 25 Jahren verdoppelt und nimmt weiter zu. Das Problem ist nur: Für ein Kilo Schweinefleisch benötigt ein Viehzüchter drei Kilo Futter, bei Rindfleisch liegt das Verhältnis sogar bei eins zu sieben. Ganz zu schweigen von den Unmengen an Wasser, ohne die das Getreide nicht gedeiht: Rund 900 Liter sind nötig, damit ein Kilo Futtermais entsteht.

In China fallen die neuen Essgewohnheiten besonders ins Gewicht. Noch zu Maos Zeiten verzehrte das Volk überwiegend pflanzliche Kost. Mit wachsendem Wohlstand haben die Chinesen ihren Speiseplan erheblich erweitert. Selbst die traditionelle Nudelsuppe reichern sie nun mit üppigen Fleischeinlagen an.

Aus heimischen Ressourcen wird das Riesenreich den künftigen Bedarf keinesfalls decken können. Die Volksrepublik lebt schon heute weit über ihre Verhältnisse. China hat ein Viertel der Weltbevölkerung zu ernähren, verfügt aber lediglich über zehn Prozent der Anbaufläche. Also kauft das Land die Weltmärkte leer.

In nur zehn Jahren haben sich die Einfuhren von Sojabohnen mehr als versiebenfacht. Die Maislieferungen aus dem Ausland stiegen allein 2006 um das 15fache.

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, da war China selbst ein bedeutender Exporteur von Futtermitteln. Doch damals war Rohöl noch bezahlbar und Klimawandel ein Thema, das höchstens einige Meteorologen bewegte.

Heute stehen die Energie- und die Klimakrise ganz oben auf der politischen Agenda, Kraftstoff auf Pflanzenbasis verheißt den Chinesen und der ganzen Welt einen Ausweg aus der Öko-Falle - freilich um den Preis, dass Agrarrohstoffe noch knapper und teurer werden.

Mit Milliarden fördern die Regierungen den Anbau von Energiepflanzen und den Aufbau von Produktionskapazität. In immer größeren Mengen wird Raps in Biodiesel verwandelt und Mais oder Zuckerrohr zu Ethanol destilliert.

Am Mittwoch will die EU-Kommission erläutern, wie sie ihre ambitionierten Klimabeschlüsse umzusetzen gedenkt. Wenn Europa es schaffen wolle, die CO2-Emissionen bis 2020 um 20 Prozent zu senken, »führt kein Weg an Biodiesel und Ethanol vorbei«, ist Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel überzeugt. Die Nachfrage nach der pflanzlichen Alternative wächst umso stärker, je höher der Ölpreis klettert - mit weitreichenden Folgen für Verbraucher.

Wandert das Getreide in den Tank statt auf den Teller, verteuern sich nicht nur die Nahrungs-, sondern auch Futtermittel wie etwa Silomais oder Sojabohnen. Damit steigen die Kosten für die Aufzucht von Vieh, was sich direkt auf die Preise für Rind- oder Schweinefleisch niederschlägt. Letztlich bestimmt der Ölpreis - um nicht zu sagen die Opec -, wie viel der Kunde im Supermarkt für ein Schnitzel zahlt.

Vor allem die Amerikaner setzen große Hoffnungen auf Biosprit, um weniger abhängig von den Förderstaaten am Persischen Golf zu sein. Im vorigen Jahr bauten sie so viel Mais an wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr.

Der Farmer Tim Recker, 43, und seine Kollegen in Iowa holen aus ihren Böden raus, was rauszuholen ist: »Wir sind Bauern. Wir wollen produzieren, produzieren, produzieren.«

Recker macht Mittag auf seinem Hof. Es gibt dicke Steaks und Dosenbohnen, zwischendurch summt das Mobiltelefon. Es ist eine Textnachricht mit den Getreidepreisen. Dreimal täglich empfängt Recker so eine SMS. Der Inhalt ist meist erfreulich.

Er und seine Nachbarn erleben ihr ganz persönliches Wirtschaftswunder. Ringsum erheben sich nagelneue Getreidesilos aus den Feldern. Die silbern glänzenden Lagertürme sehen wie Raketen aus und zeugen vom Zukunftsglauben ihrer Erbauer. »Wir sind das neue Texas« ist ein geflügeltes Wort hier, als könnte Biosprit einen vollwertigen Ersatz für Rohöl bieten.

Zur Erntezeit fährt Recker mehrmals täglich mit seinem Laster den Mississippi entlang, jeweils beladen mit 27 Tonnen Mais. Direkt am Flussufer befindet sich das unterirdische Lager eines Großexporteurs.

Dort nehmen Frachtschiffe das Schüttgut auf, es geht nach New Orleans und von dort durch den Panamakanal in alle Welt.

An solchen Umschlagplätzen wird klar, dass auch im Amerika von Google, Apple und Microsoft die traditionelle Agrarindustrie noch immer einen mächtigen Faktor darstellt. Eine Handvoll Konzerne beherrschen die ganze Welt.

Der größte ist Cargill, ein Familienbetrieb aus Minnesota, 1865 gegründet. Mit 158 000 Mitarbeitern und 88 Milliarden Dollar Umsatz spielt er in einer Liga mit Unternehmen wie BASF, Samsung oder Hewlett-Packard. »Wir sind das Mehl in euren Nudeln, das Salz auf euren Pommes und das Getreide in euren Tortillas, die Schokolade in eurem Dessert und die Süße in eurem Softdrink«, heißt es in einer Selbstdarstellung des Unternehmens.

Mit Archer Daniels Midland (ADM) und Bunge bildet Cargill den legendären ABC-Komplex. An ihm kommt keiner vorbei, der im globalen Geschäft mit nachwachsenden Rohstoffen mitspielen will. Die Agro-Multis kaufen Getreide und Ölsaaten von Bauern und Genossenschaften auf, sammeln es in eigenen Siloanlagen, trocknen und verarbeiten es. Sie verschiffen die Ware über ihre Verladeterminals und chartern Frachterflotten, um sie bis in die letzten Winkel der Welt zu transportieren.

Sie mahlen Weizen zu Mehl, verarbeiten Soja zu Futterschrot, und - derzeit besonders lukrativ - sie verwandeln Raps zu Biodiesel. Die größte Anlage in Europa, die Biodiesel-Produktion von ADM, befindet sich im Hamburger Hafen; wer über die Köhlbrandbrücke fährt, bemerkt sie sofort am penetranten Pommesgeruch.

So decken die Konzerne den ertragsstärksten Teil der Wertschöpfungskette ab: von der Ernte bis zum fertigen Produkt.

Der Schwerpunkt ihrer Geschäfte verlagert sich dabei mehr und mehr auf die Südhalbkugel.

Vietnam und Thailand etwa sind zu bedeutenden Exporteuren für Reis geworden, Indonesien und Malaysia haben sich einen Namen in der Pflanzenölproduktion gemacht, Indien und China führen große Mengen an Zucker aus.

Vor allem aber erlebt Südosteuropa eine Renaissance. Seit je liegt dort die Kornkammer Eurasiens. »Das Potential der Region am Schwarzen Meer ist enorm«, schwärmt Rabobank-Analyst Delodder.

Russland zum Beispiel avanciert zu einer Agrarsupermacht. Rund 20 Millionen Hektar Ackerland lägen noch brach, prahlte Landwirtschaftsminister Alexej Gordejew vor einem Jahr auf der Grünen Woche. Wenn Europa etwas benötige - kein Problem, Russland könne liefern, versicherte der Minister und beunruhigte die Zuhörer zugleich mit der Idee, mit der Ukraine eine »Getreide-Opec« zu verabreden.

Dort sind die Voraussetzungen für die Landwirtschaft mindestens genauso gut. Einst trugen die Nazis die »Schwarze Erde« tonnenweise ab und transportierten sie ins Reich. Der Boden ist so fruchtbar, dass die Bauern oft zweimal im Jahr ernten können.

Kein Wunder, dass in der Ukraine und anderen Ländern des ehemaligen Ostblocks ein wahrer Wettlauf um Ackerland begonnen hat. In Russland ist es unter reichen Oligarchen Mode geworden, im großen Stil Grund und Boden zu kaufen.

In diesen Staaten bleibt der Landerwerb meist den Einheimischen vorbehalten. Polen dagegen gehört zu den wenigen Ländern, die auch Ausländern das Feld überlassen.

Jan Peters, ein ehemaliger Getreidehändler aus Brunsbüttel, ist schon 1995 eingestiegen. Seitdem bewirtschaftet er gemeinsam mit sechs Kompagnons in Nordpolen eine Fläche von gut tausend Hektar: Ein Drittel ist Eigenland, der Rest dazugepachtet. Anfangs bereute er das Wagnis.

Die Böden des Ex-Staatsguts seien ausgezehrt gewesen. Es habe Jahre gedauert, sie wiederzubeleben: »Wir haben eine schwere Zeit hinter uns.« Doch nun laufe der Betrieb sogar recht gut.

Einst hatten die Gesellschafter das Land für 300 Euro pro Hektar gekauft, heute böten Investoren 4000 Euro und mehr: »Wir bekommen ständig Anfragen, ob wir verkaufen wollen.« Besonderes Interesse zeigten derzeit die Skandinavier.

Weltweit ist ein erbitterter Verteilungskampf um die besten Anbauflächen entbrannt, in Osteuropa, aber ebenso auf der anderen Seite der Erde, in Brasilien. Das Riesenland am Amazonas ist dank seines milden Klimas auf dem Weg zum bedeutendsten Agrarland der Erde.

Im Bundesstaat Goiás, einer der wichtigsten Anbauregionen Brasiliens und etwa so groß wie Deutschland, wächst die Landwirtschaft seit 1990 um rund sieben Prozent - jedes Jahr. Brasilien steht schon heute weltweit ganz vorn beim Export von Rindfleisch, Sojabohnen, Zucker, Kaffee und Orangensaft. Und es hat noch Potential: »Wir können die Agrarproduktion mühelos verdoppeln«, tönt Landwirtschaftsminister Reinhold Stephanes.

Die Biosprit-Industrie nimmt den Minister beim Wort. Wo sich früher Sojafelder, Rinderweiden und Baumwollplantagen erstreckten, baut sie heute Zuckerrohr an. Rund um Rio Verde, Goiás Kornkammer, haben die Usineiros, wie die Zuckerbarone genannt werden, gewaltige Ländereien aufgekauft. Sie zahlen Spitzenpreise. »Nur die Dummen verkaufen nicht«, sagt der Rinderzüchter Gomes de Moraes.

Der 47-Jährige hat in fünfter Generation die Farm Campo Alegre bewirtschaftet, ein Schmuckstück unter den Fazendas von Rio Verde. Uralte Mangobäume beschatten den Hof, durch die Küche fließt Wasser, das der Farmer aus einem nahen Bach abgeleitet hat. Vor einigen Monaten hat Moraes das Idyll aufgegeben.

Er ist mit seiner Frau in die Stadt gezogen und kümmert sich nur noch um seine Immobilien. Moraes hat seine Farm an ein Konsortium brasilianischer und französischer Geschäftsleute übergeben, es wird die Farm in eine gigantische Zuckerrohrplantage verwandeln. Von 2009 an soll Campo Alegre Ethanol produzieren. »Sie haben mir ein Angebot gemacht, das ich nicht ausschlagen konnte«, sagt er.

Wie die Polen stehen auch die Brasilianer fremdem Kapital aufgeschlossen gegenüber.

Meist fließen US-Dollar ins Land. Hinter dem Geld stehen oft berühmte Namen: Der Großinvestor George Soros und der Ex-Weltbank-Präsident James Wolfensohn haben sich in Ethanol-Fabriken eingekauft, ebenso der AOL-Gründer Steve Case.

Sie alle wittern das große Geschäft und gefallen sich auch in der Rolle der Umweltaktivisten - obwohl die Fachwelt längst Zweifel hegt, ob Biosprit wirklich ökologisch so vorteilhaft ist.

Inzwischen hat sich eine breite Front von Kritikern formiert. Sie reicht von der OECD über Verbraucherorganisationen wie Foodwatch, den Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung bis hin zu Nahrungsmittelkonzernen wie Nestlé. Ihr Urteil: vernichtend.

Ein Ausbau der Biosprit-Herstellung führe zu »unhaltbaren Spannungen« auf den Rohstoffmärkten, »ohne dass bedeutende Vorteile für die Umwelt geschaffen werden« (OECD). Die Strategie nutze keinesfalls dem Klima, sondern nur den Bauern (Foodwatch). Sie wecke Erwartungen, die »wissenschaftlich nicht tragbar« seien (Sachverständigenrat). Sie sei schlicht »ökologischer Wahnsinn« (Noch-Nestlé-Chef Peter Brabeck-Lemathe).

Die Umweltbilanz ist in der Tat enttäuschend. Ein Großteil der Energie, die die Bauern gewinnen, müssen sie zuvor in die Pflanzen hineinstecken. Sie benötigen fossile Energie bei der Ernte des Getreides, beim Transport, bei der Lagerung und Trocknung und zuvor schon für Pestizide und Dünger. Und die ökonomischen Möglichkeiten sind begrenzt: Selbst wenn die gesamte Maisernte der USA in Kraftstoff verwandelt würde, deckte dies nur etwa zwölf Prozent des Benzinbedarfs.

In Deutschland verdrängt insbesondere der Raps andere Kulturen. Kaum ein Landwirt baut noch Futtererbsen oder Ackerbohnen an. Die gelbblühende Ölfrucht nimmt mit 1,7 Millionen Hektar die größte Fläche unter den nachwachsenden Rohstoffen ein, rund 60 Prozent mehr als noch im Jahr 2000. Die Expansion geht zum Teil auf Kosten von Brachen, Grünland oder Mooren, von CO2-Speichern also.

Wie lausig das Potential von Biosprit ist, demonstriert eine einfache Rechnung: Um den Tank eines Geländewagens von annähernd hundert Litern zu füllen, muss ein Ethanol-Hersteller etwa eine Vierteltonne Weizen verarbeiten. Damit könnte ein Bäcker rund 460 Kilogramm Brot backen, das insgesamt einen Nährwert von etwa einer Million Kilokalorien besitzt: Das genügt, um einen Menschen ein Jahr lang satt zu machen.

Frisst also am Ende der Geländewagen der Reichen das Brot der Armen? Genau daran entzündet sich nach Ansicht von Lester Brown, Präsident des Washingtoner Earth Policy Institute, eine neue Auseinandersetzung zwischen Nord und Süd: »Die Bühne ist frei für den Konflikt zwischen den 800 Millionen Autobesitzern und den weltweit zwei Milliarden Allerärmsten.«

Sie spüren schmerzhaft die Turbulenzen auf den Agrarmärkten. Teilweise 80 Prozent ihres verfügbaren Einkommens gehen für Nahrungsmittel drauf. »Die Ärmsten trifft es besonders hart«, sagt John Powell, Vizedirektor des World Food Programme (WFP) der Vereinten Nationen.

Das WFP ist die größte humanitäre Organisation der Welt. Sie versorgt rund 90 Millionen Menschen überall dort, wo die Not am größten ist: in Flüchtlingslagern, in Überschwemmungsgebieten, in Bürgerkriegsregionen. Sie arbeitet zur Hälfte mit Naturalspenden, zur anderen Hälfte lebt sie von Geldgaben, womit sie vor allem Getreide kauft. Teures Getreide. »Wir brauchen mehr Geld, um dasselbe zu erreichen«, bedauert Powell.

Der Uno-Spitzenbeamte sieht die Entwicklung mit gemischten Gefühlen: Einerseits bietet der Preissprung am Weltmarkt den Bauern in Afrika die Chance, mehr für ihr Getreide zu erlösen - etwa indem sie mit dem WFP ins Geschäft kommen. Gut drei Viertel der Nahrungsmittel kauft die Organisation in Entwicklungsländern ein. Andererseits aber gehört es zur bitteren Realität in der Dritten Welt, dass selbst die Landbevölkerung oft Weizen oder Mais zukaufen muss. Die Ernte reicht nicht mal aus, die eigene Familie zu versorgen.

Und noch ein Unsicherheitsfaktor kommt dazu: Der Klimawandel macht jede Ernte zum Lotteriespiel in der Dritten Welt, aber auch anderswo.

In Australien sind drei Jahre in Folge die Erträge weit unter dem langjährigen Schnitt geblieben. In China begräbt der Sand im Nordwesten des Landes immer größere Flächen. Jedes Jahr fällt dort der Wasserspiegel um teilweise mehr als einen Meter. »China hat akute Probleme mit seinen Wasserquellen«, warnt das US-Landwirtschaftsministerium in einer Studie. Das Land müsse sich anderweitig behelfen, erwarten die Ökonomen. Es werde wahrscheinlich »virtuelles Wasser« importieren - und meinen damit Getreide.

China verlässt sich in dieser Frage insbesondere auf Brasilien. Die Staaten haben umfangreiche Lieferverträge vereinbart. Die Speisekammer der Erde bietet scheinbar unbegrenzt Nachschub - allerdings zahlt die ganze Welt dafür einen hohen Preis.

Uralte Regenwälder gehen verloren. Die Agro-Industrie weitet die Zuckerrohrplantagen aus, deshalb ziehen die Sojabauern weiter in Richtung Amazonas. Sie kaufen Rinderfarmern das Gelände ab. Diese wiederum fackeln den Regenwald ab, um neues Weideland zu gewinnen.

So trägt die Knappheit an Agrarrohstoffen dazu bei, dass eine der sensibelsten Vegetationszonen zerstört wird, nicht nur am Amazonas, sondern auch in Malaysia und Indonesien, wo aus dem Fruchtfleisch von Palmen Pflanzenöl gewonnen wird. »Kahlschlag-Diesel« nennen Umweltschützer das Produkt. »Wenn die Preise für Soja und Ethanol steigen, brennt der Urwald«, lautet die Gleichung, die Paulo Adario von Greenpeace Brasilien aufstellt.

Nichts demonstriert eindringlicher als die Brandrodungen, wie wertvoll und knapp fruchtbarer Boden ist und es bleiben wird, solange die Nachfrage nach Agrarrohstoffen wächst. Will die Landwirtschaft den globalen Bedarf auch nur annähernd stillen, muss sie andere Wege gehen.

Da reicht es kaum aus, nur auf leistungsfähigere Maschinen zu setzen. Davon sind keine großen Sprünge mehr zu erwarten. Vor 50 Jahren benötigte man noch

30 Stunden, um einen Hektar Land abzuernten, heute schafft das ein Mähdrescher in 20 Minuten. In einer Stunde drischt er 60 bis 70 Tonnen Weizen, genug, um eine Stadt wie Dresden einen Tag lang mit Brot zu versorgen. Die Herausforderung besteht vielmehr darin, auf begrenzten Flächen die Erträge zu maximieren.

Schon einmal stand die Welt vor dieser Herausforderung. In den sechziger Jahren begannen unterentwickelte Staaten, mit Hilfe neuer Agrartechnologie Armut und Hunger zu bekämpfen. Die Bauern kauften verbessertes Saatgut, insbesondere Hybridsorten, setzten Dünger und Pestizide ein und nutzten effizientere Bewässerungssysteme. In Asien konnten die Landwirte ihren Ertrag von 1970 bis 1995 verdoppeln, obwohl sich die Anbaufläche nur um vier Prozent vergrößerte. Damals sprach man von einer grünen Revolution.

Jetzt ist wieder die Rede von einer Revolution, einer zweiten grünen Revolution, diesmal ausgelöst durch die Gentechnik.

Mit ihrer Hilfe werden Nutzpflanzen resistent gemacht gegen Ungeziefer oder immun gegen Unkrautvernichtungsmittel. Solche Eingriffe versprechen mehr Ertrag und bessere Qualität. Sie deuten einen Weg, um das globale Ernährungsproblem zu lösen. Sofern die Welt das will.

In einem Industriepark im Süden von Gent, im belgischen Ostflandern, unterhält Bayer CropScience ein Labor, in dem 120 Forscher die Pflanzen von morgen entwickeln, Gewächse, die fast jeden Stress aushalten sollen: die bei Trockenheit nicht verdorren, bei Hitze nicht verwelken, bei Überschwemmungen nicht ersticken, die also den Erscheinungen des Klimawandels zu trotzen vermögen.

Der Wissenschaftler Michael Metzlaff verschafft sich mit einer Plastikkarte Zutritt zum Allerheiligsten, einem Raum mit Regalen, auf denen beschriftete Einweckgläser stehen. Aus jedem Glas wächst ein Setzling, er sieht aus wie normaler Raps, aber das kleine Gewächs hat es in sich. Einzelne Gene hat Metzlaff gezielt in ihrer Aktivität gedämpft. Es sind genau die Gene, die bei Stress normalerweise übermäßig viel Energie verbrauchen und die Pflanze so schädigen. Durch das »gene silencing« unterdrückt der Wissenschaftler diesen Automatismus.

Im Feld konnten mit solchen Versuchspflanzen bei Raps bis zu 40 Prozent höhere Erträge erzielt werden, sagt Metzlaff. Er hat die Pflanzen Stress-Tests unterzogen, er ließ sie an neun Tagen bei 45 Grad Celsius und dann an zwei Tagen zusätzlich in völliger Trockenheit vegetieren. »Das ist normalerweise tödlich«, sagt er - nicht aber für die Genpflanzen: Die wucherten üppig, die Kontrollexemplare aber verdorrten.

Ein ganze Reihe von Feldversuchen müsse sein Stress-Raps noch bestehen, acht Jahre dauere es bestimmt noch bis zur Marktreife, schätzt Metzlaff. Und dann bleibt die Frage, ob die Behörden überhaupt eine Zulassung erteilen, insbesondere die Aufsichten in Europa.

Die Europäische Union verhält sich hier seit Jahren restriktiv, anders als die Regierungen in Kanada, Brasilien oder in den USA, wo die Bauern ganz selbstverständlich zu genveränderten Produkten greifen. Weltweit wachsen bereits auf mehr als hundert Millionen Hektar gentechnisch veränderte Pflanzen, das entspricht sieben Prozent aller Anbauflächen. Besonders verbreitet sind Soja, Mais und Baumwolle. An Europa jedoch zieht die Genwelle vorbei. Bisher.

Die Bevölkerung reagiert überaus skeptisch gegenüber allen Produkten, die dem Genlabor entsprungen sind. Kritiker von Greenpeace warnen vor unabsehbaren Folgen, wenn Pflanzen oder Tiere gentechnisch verändert würden. Zum Beispiel könnten die Manipulationen allergische Reaktionen verursachen. Ihr Anbau gefährde die natürliche Vielfalt, die Folgen seien nicht genügend erforscht.

Bayer-Forscher Metzlaff kann den Argumenten wenig abgewinnen. Seit Jahrhunderten züchteten die Menschen Pflanzen. Früher hätten sie auf den Zufall warten müssen, heute könnten Genetiker einer Pflanze präzise die gewünschten Eigenschaften verleihen: »Das kann die Arbeit um Jahre beschleunigen.«

Die Folgen der europäischen Zurückhaltung jedenfalls bekommt die heimische Viehwirtschaft bereits zu spüren. Die Preise für Mischfutter sind drastisch gestiegen, unter anderem, weil die Importe von Maiskleber aus den USA praktisch zum Erliegen gekommen sind. In der EU gilt die sogenannte Null-Toleranz: Was hier nicht zugelassen ist, darf nicht importiert werden.

Fragt sich nur, wie lange sich Europa diesen Sonderweg leisten kann. Die zweite grüne Revolution sei sonst überall schon im Gange, meint der Gießener Agrarökonom Michael Schmitz. Früher oder später werde auch Europa seine Haltung revidieren.

Schmitz beobachtet die Weltagrarmärkte seit Jahrzehnten. Neuerdings kann er sogar ein bisschen in die Zukunft schauen. Der Professor hat mit seinen Mitarbeitern ein aufwendiges Computerprogramm ausgetüftelt. Es simuliert die Folgen, wenn sich die Bedingungen für die Landwirtschaft ändern - wie es jetzt gerade geschieht.

Dazu füttert Schmitz die Rechner mit einem Wust an Daten, dem Bevölkerungswachstum oder der Einkommensentwicklung sowie Zahlenkolonnen über Produktion, Verbrauch und Preis von Agrarrohstoffen. Ein wahrscheinliches Szenario: Die Nachfrage wird kontinuierlich steigen, weil Schwellenländer wie China, Indien oder Indonesien noch viel nachzuholen haben. »Wir müssen uns auf eine längere Phase steigender Preise einstellen«, erwartet der Professor.

Wie lange die dauern wird? Schmitz will sich nicht genau festlegen, jedenfalls sei die Verknappung keine Sache, die in wenigen Monaten ausgestanden sei. Auch nicht in einigen Jahren. Der Ökonom prophezeit: »Das kann zwei bis drei Jahrzehnte so weitergehen.«

ALEXANDER JUNG; JENS GLÜSING,

FRANK HORNIG, WIELAND WAGNER

* Bei der Eröffnung der Grünen Woche in Berlin am Donnerstag vergangener Woche.

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