Der Markt-Forscher Ausgetippt bei Aldi
Der Supermarkt ist das Tor des kleinen Mannes zur globalen Wirtschaft. Hier werden die Umbrüche greifbar. Die Gemeinschaftswährung offenbart sich im "zu ihrer Information" auf dem Kassenbon aufgedruckten krummen Euro-Betrag. Der Angriff ausländischer Konzerne nimmt Gestalt an, wenn aus "Wertkauf" plötzlich "Wal-Mart" wird. Die Branchenwanderung wird klar, wenn die alte Kaufmanns-Genossenschaft Rewe zum Touristikkonzern mutiert. Aber das wahre Ende der guten alten Zeit vollzieht sich erst jetzt, vor unseren Augen und Einkaufswägen: Aldi stellt auf Scannerkassen um.
Das Hochgeschwindigkeits-Eintippen ohne einen Blick auf die Tastatur gehört zum Mythenbestand der deutschen Nachkriegswirtschaft wie VW Käfer und Italienreisen. Die Erfahrung der eigenen Langsamkeit, wenn die Kassiererin bereits die Gesamtsumme nennt, während man noch die letzten Erbsendosen aufs Band stellt - ist eine alle verbindende Einkaufserfahrung und hat Eingang in Partygespräche und Kurzgeschichten gefunden. Mit der Umstellung bei Aldi werden ein gutes Gedächtnis und flinke Finger als einträgliche Fähigkeit weiter verdrängt: Briefe schreibt der Computer per Spracheingabe, geklaut werden statt teurer Juwelen mit Samthandschuhen schnöde Passwörter im Internet und bei Aldi regiert nun der Balkencode.
Über die Gründe für die 50-Millionen-Mark-Investition kann man - wie beim notorisch schweigsamen Aldi-Konzern üblich - nur Vermutungen anstellen. Ein Grund könnte sein, dass Scannerkassen durch die Massenherstellung inzwischen billiger sind als die kaum noch produzierten Tippkassen, und Aldi wird doch keine Chance auslassen, etwas billiger einzukaufen. Andere mutmaßen, die Euro-Einführung könne Schuld sein. Bei Aldi-Süd, wo die Scanner zunächst eingeführt werden, müssten für einige Zeit zwei Preise für jeden der 600 Artikel im Sortiment memoriert werden, das wäre endgültig zu viel verlangt. Bei Aldi-Nord, wo ein Produktcode in die Tasten gehämmert wird, könnte den Tastenkünstlerinnen also noch eine Schonfrist bleiben.
Doch Aldi wäre nicht Aldi, wenn nicht auch bei den Scannerkassen eine Extrawurst gebraten würde. Die Hersteller der Aldi-Produkte müssen den Strichcode zukünftig an mehreren Stellen auf die Verpackung drucken, damit das umständliche Suchen nach der lesbaren Stelle entfällt und das Vorbeiziehen am Infrarotleser in gewohnter Aldi-Geschwindigkeit geschehen kann. Ihre gewohnte Stellung als "Speed-Queens" der Kassenzunft werden die Aldi-Damen also nicht verlieren. Mit der Eleganz des einhändigen Eintippens wird die neue Technik aber niemals mithalten können.
In die Trauer um die flinken Finger mischt sich aber ein Hoffnungsschimmer ganz anderer Art: MobilCom-Chef Gerhard Schmid hat gesagt, er will der "UMTS-Aldi" werden: Wenn das bedeutet, dass man Kurznachrichten bald nicht mehr über die Handytastatur einfriemeln muss, sondern sie scannen kann - ja dann ist der Erfolg von UMTS doch garantiert.