Der Markt-Forscher: Cipro, wem Cipro gebührt - DER SPIEGEL
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Der Markt-Forscher Cipro, wem Cipro gebührt

Wenn Aids in armen Ländern grassiert, pocht die westliche Welt auf den Patentschutz. Wenn aber in Amerika die Milzbrand-Hysterie regiert, ist es damit schnell vorbei.
Von Carsten Matthäus
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Charles Schumer, Senator von New York, hat fast jeden Tag einen neuen Vorschlag, wie seine Stadt der Asche entsteigen könnte. Mal befürwortet er eine neue Version des Eifelturms an Stelle des World Trade Centers, mal will er das Football-Ereignis Super-Bowl von New Jersey in die Stadt holen. Er gebraucht dann so schöne Worte wie "Symbol des Triumphes über den Terrorismus".

Jetzt hat Schumer wieder einen symbolträchtigen Vorschlag gemacht. Wenn die Amerikaner Milzbrand-Medikamente wollen, dann kriegen sie sie auch. Dazu müsse man gar nicht warten, bis Bayer die Pillenschleuder richtig angeworfen hat. Es genüge eine Lockerung des Patentschutzes für das Medikament Ciprobay. Im Nachbarland Kanada fackelte man gar nicht lang und ließ das Patent für das heißbegehrte Medikament einfach fallen.

Damit können nun nachgemachte Medikamente - so genannte Generika - mit dem Wirkstoff Ciprofloxacin nach Kanada und vielleicht auch bald in die USA importiert werden. Rund 80 Firmen stellen dieses Antibiotikum her und bieten es zu einem Bruchteil der Kosten an. Nach Angaben der "New York Times" kostet eine Ciprobay-Therapie im Monat rund 350 Dollar, die Behandlung mit einem Ersatz-Medikament aus Indien dagegen nur zehn Dollar.

Problem gelöst? Nicht wirklich. Die importierten Billigpillen sind ein Symbol des Triumphes von reich über arm, wie sie bitterer nicht sein könnten. Denn der Wirkstoff Ciprofloxacin, den die Nordamerikaner nun tonnenweise bunkern, wird auch für die Behandlung von Aids-Patienten gebraucht. Mit dem Antibiotikum werden hier Infektionen des Nervensystems kuriert, die sonst tödlich verlaufen.

In mehreren afrikanischen Ländern wie Kenia oder Südafrika steht das Bayer-Medikament Ciprobay jedoch unter Patentschutz. Die dringend benötigte Billigkonkurrenz wird auch hier außer Landes gehalten, und die Regierungen können sich nicht dagegen wehren. Unnötig zu sagen, dass es hier um ganz andere Größenordnungen geht: Jährlich sterben mehr als zwei Millionen Afrikaner an Aids.

Auf afrikanischem Boden aber setzen sich die Pharmakonzerne ihren Patentschutz mit Unterstützung der westlichen Welt gegen Regierungen durch, deren Bevölkerung zu rund 20 Prozent mit Aids infiziert ist. Als Südafrika auf eigene Faust den Import indischer Generika zulassen wollte, wurde sie von 39 Pharmaunternehmen verklagt - Prozessausgang ungewiss. Einziges Trostpflaster: Die Pharmakonzerne gaben ihre patentierten Medikamente an einige der Sterbenden kostenlos ab.

Der Patentschutz, der Aids-Mediziner in Afrika zur Verzweiflung treibt, ist in Kanada und den USA ganz leicht auszuhebeln. Dazu muss noch nicht einmal ein Gericht bemüht werden. Die Regierung nimmt sich einfach das Recht heraus, im Bedarfsfall billigere Arzneimittel einzuführen. Ähnlich der Landerschließung für Autobahnen oder Militärbasen können Betroffene dies nicht verhindern, sondern nur im nachhinein auf Entschädigung klagen.

So geschehen bei dem Beruhigungsmittel Miltown, das die US-Armee in den sechziger Jahren haben wollte. Nur weil das Medikament des Patentinhabers Carter-Wallace zu teuer war, wurde es aus Dänemark zu einem Bruchteil der Kosten eingeführt, und Carter-Wallace bekam später eine kleine Entschädigung zugesprochen.

Nach den heutigen internationalen Patentbestimmungen müsste eine Regierung eigentlich einen nationalen Gesundheitsnotstand ausrufen, um einen Großeinkauf von Ciprobay-Ersatz zu rechtfertigen. Wie man an Kanada sieht, ist das schnell geschehen.

Wer aber wird dann der Menschheit erklären, warum eine Massenpanik in Nordamerika mehr gilt als das Massensterben in Afrika? Und für westlichen Industrienationen gibt es noch einen anderen Grund, von solch symbolträchtigen Aktionen die Finger zu lassen: Der Schutz intellektuellen Eigentums ist der Lebensnerv hochentwickelter Gesellschaften.

Wer seine Forschung und Entwicklung nicht für eine gewisse Zeit über hohe Preise zurückholen kann, verliert die Kraft, immer Neues zu versuchen. Ein gutes Beispiel dafür ist Indien, von wo aus die rettenden Cipro-Pillen für die USA kommen sollen. Weil es hier nur unzureichenden Patentschutz gibt, haben sich Pharmaunternehmen aufs Nachmachen verlegt.

Senator Schumer und der kanadische Regierung sollte es bei ihrem leichtsinnigen Umgang mit dem Patentschutz nicht allein darum gehen, was gut für Amerikaner ist. Das ist nicht fair, das ist nur billig.