Der Markt-Forscher Cool Britannia?
Die Freunde von der britischen Insel können bisweilen ja ziemlich nerven: Klammern sich bockig an ihr Pfund, der Premier erklärt sein Land zu "Cool Britannia", und mit dem letzten Rest ihrer Autoindustrie hätten sie fast noch BMW um die Ecke gebracht. Als würde das nicht reichen, scheinen sie jedes Jahr eine neue Tierseuche über den Kanal zu schicken. Herzlichen Dank.
Nun kommt auch noch die Meldung aus London, dass man die geringste Zahl an Arbeitslosen seit 25 Jahren hat. Da soll Kontinentaleuropa wohl neidisch werden. Weniger als eine Million Engländer, Schotten, Waliser und Nordiren sind ohne Job, die Arbeitslosenquote fällt unter vier Prozent. Nach international vergleichbarer Definition liegt die Zahl zwar eine halbe Million höher, aber auch wenn es fünf Prozent sind, klingt das beeindruckend. Genügend Experten hier zu Lande werden freudig zustimmen und das Vorbild Großbritannien beschwören.
Dabei gibt es ein paar sehr nüchterne Erklärungen für diese Zahlen. Britische Studien zeigen einen Produktivitätsrückstand von 30 Prozent gegenüber Deutschland. Das kommt auch daher, dass die Löhne niedrig sind und Arbeit somit billig ist. Aus volkswirtschaftlicher Sicht wird dann mit zu viel Arbeit und zu wenig Kapital, vor allem zu wenig moderner Technik, produziert. Das hätte man BMW mal erzählen sollen. Und das Pro-Kopf-Einkommen auf der Insel liegt weiterhin zwölf Prozent unter westdeutschem Niveau. Eine so erkaufte Traum-Arbeitslosenquote klingt weit weniger verlockend.
Hinzu kommt, dass England noch immer zu einem der ungleichsten Länder Europas gehört. Egal welchen Maßstab man heranzieht: Unter allen EU-Ländern ist der Wohlstand auf der Insel mit am ungleichsten verteilt. Das Klischee vom reichen Lord auf dem Landsitz und dem armen Arbeiter im Kohlerevier hat noch nicht ganz ausgedient. Selbst britische Wirtschaftsblätter, nicht unbedingt als soziale Revoluzzer bekannt, sprechen vom Fortbestand der Klassengesellschaft.
Vom Vorbild Großbritannien können wir uns ebenso verabschieden wie vom Vorbild Holland, Vorbild Japan und dem Vorbild USA - alles mal Mode und alles wieder passé. Höchste Zeit, das deutsche Wirtschaftssystem als das zu sehen, was es ist: verbesserungsbedürftig, aber ziemlich erfolgreich. Nach Vorbildern zum Abpausen zu suchen wäre bequem, aber einfallslos. Verbesserungen am eigenen, nicht optimalen System zu schaffen ist dagegen mühsam, aber sinnvoll.
Wem dies alles zu selbstzufrieden klingt, dem sei gesagt: Bald haben die britischen Freunde wieder Gelegenheit, uns zum Thema "überlegenes System" ein weit spannendere Geschichte zu erzählen als die von der Arbeitslosenquote. Das nächste Länderspiel Deutschland (genannt: "german tanks") gegen England kommt im September.