Der Markt-Forscher: Das Märchen vom Schnäppchen - DER SPIEGEL
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Der Markt-Forscher Das Märchen vom Schnäppchen

Die E-Commerce-Richtlinie der Europäischen Union hat das deutsche Rabattgesetz zu Fall gebracht. Gut und schön. Doch die aufgeregte Vorfreude auf Purzelpreise ist reichlich naiv.
Von Felix Asch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist ja die Zeit der frohen Botschaften. Aber wer hätte ahnen können, dass die Abschaffung eines Gesetzes zu einer regelrechten Konsumenten-Euphorie führen könnte. "Die Preise werden massiv fallen", "Warten Sie mit Anschaffungen" und ähnliches kann man lesen und beim Small Talk belauschen. Erstaunlich, dass in den kühlen Deutschen heißblütige Basar-Kapitalisten schlummern, die nur auf ein Signal aus dem Wirtschaftsministerium gewartet haben, um losfeilschen zu können. Dabei ist die ganze Aufregung so ernst zu nehmen wie das erste Angebot eines gewieften Gebrauchtwagenverkäufers.

Der gewohnt hilfreiche Blick in die USA, das Land, wo man sogar um Stimmen feilschen kann, ernüchtert. Die Wunderwelt der Rabatte und Zugaben besteht im Alltag vor allem aus drei Dingen: Kleine Zeitungsschnipsel mit kleinen Rabatten, Mehrfachpackungen und eine Flut von Plastikkarten. Die Schnipsel schneidet man samstags aus der Zeitung, bringt sie beim nächsten Supermarktbesuch mit und erhält dann 40 Pfennig Rabatt auf Butter. Noch beliebter die Angebote nach dem Stil "Kauf' zwei Haferflockenpakete, dann bekommst du ein drittes umsonst". Das "Coupon"-Schnipseln und die Jagd nach dem "Buy two, get one free" sind sicher nette Rituale, aber Ersparnisse bringen sie nur echten Schnäppchenjägern mit sehr viel Zeit. Die Flut von Kunden-, Treue- und Rabattkarten, die auch in Deutschland ins Haus steht, ist dagegen nur noch nervig.

Für die Händler bietet die Abschaffung von Rabattgesetz und Zugabenverordnung entgegen vielen Lamentos eine Reihe von Vorteilen. Die Kundenkarten und das ganze Arsenal der Kundenbindung von Punkten bis zu Meilen sind nur einer. Bei vielen Produkten wird einfach nur der Status quo legalisiert, denn wer kauft heute noch Autos zum Listenpreis. Was das Händlerherz aber wirklich erfreut, ist, dass Zugaben, Rabatte und Punkte wie ein Nebelwerfer eingesetzt werden können, um die Preise zu verschleiern. Wenn man drei Packungen Cornflakes zum (überhöhten) Preis von zwei bekommt, dazu einen Löffel umsonst, das ganze mit der Kundenkarte zahlt, zwölf Punkte einheimst und die beim befreundeten Stromanbieter einlösen kann - dann hat man vor allem keine Ahnung mehr, was die Cornflakes letztlich kosten.

Natürlich wird es positive Effekte geben. Ideenreiche Händler werden ihre Kunden viel gezielter umschmeicheln können, was Meldungen vom erneuten Untergang des Mittelstandes noch unglaubwürdiger erscheinen lässt. Bei Haushaltsgeräten oder Kleidung werden versierte Feilscher sicher noch mehr "Prozente" herausholen können. Das goldene Zeitalter der Niedrigpreise ist aber nicht in Sicht, denn für tolle Rabatte (ohne vorher die Preise hoch zu setzen) sind die Margen im deutschen Einzelhandel schlichtweg zu dünn.

Einige Sieger stehen aber fest. Die schwer gebeutelten Aktionäre des Power-Shopping-Anbieters LetsBuyIt.com, dessen ganzes Geschäft das Aushandeln von Mengenrabatten ist, sahen ihre Kurse um fast 200 Prozent (das waren leider nur 1,3 Euro) nach oben hüpfen. Und "Feilschen lernen am Mittelmeer" könnte "Töpfern in der Toskana" als der Schlager der Bildungsreisen ablösen. Laute Seufzer der Art "Was? Wie soll ich bei solchen Preisen denn meine Familie ernähren? Mammamia! Die Hälfte zahl' ich!" könnten den Samstagseinkauf bald bedeutend unterhaltsamer gestalten. Dann wären wir alle Gewinner der Rabatt-Revolution.