Der Markt-Forscher: Der Faktor Mensch - DER SPIEGEL
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Der Markt-Forscher Der Faktor Mensch

Der Tod des Deutsche-Bank-Vorstands Edson Mitchell lenkt den Blick auf die Abhängigkeit der Unternehmen von ihren Mitarbeitern. Es ist Zeit für eine Diskussion über das "Humankapital".
Von Felix Asch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Wort "Humankapital" ist für viele der Inbegriff von Kälte und Unmenschlichkeit im ökonomischen Denken. Oft steht es stellvertretend für die Vereinnahmung des Menschen durch die Wirtschaft, dafür, dass Manager in Arbeitnehmern nur Produktionsfaktoren, wie Maschinen oder Geld, sehen. Kalt mag es auch erscheinen, beim Tod von zwei Spitzenmanagern nicht nur die menschlichen Tragödien, sondern auch den Verlust eben solchen "Humankapitals" zu sehen. Doch die beiden Unglücksfälle in den Weihnachtstagen bieten Anlass, über die Rolle des Faktors Mensch in der Wirtschaft nachzudenken.

Die Deutsche Bank hat den Investment-Star Mitchell und Bertelsmann den designierten Musikvorstand Rudi Gassner verloren. In beiden Firmen, immerhin Musterknaben der deutschen Wirtschaft, stehen deshalb Fragezeichen hinter zentralen strategischen Weichenstellungen. Gerade bei solchen Unternehmen, die oft wie geölte Maschinen wirken, fällt es auf, welch tiefe Lücken der Verlust einzelner Personen reißen kann. Die Todesfälle zeigen auf drastische Art, was alle zu wissen vorgeben, wozu jeder zustimmend nickt und was kaum einer wirklich ernst nimmt: dass die Mitarbeiter eines Unternehmens ein weit wichtigeres Kapital darstellen als alle Strukturen und Finanzreserven und Technologien.

Wahrscheinlich gilt auch hier: "Only what gets measured gets done" - was nicht messbar ist, bleibt liegen. Doch es gibt Hoffnung für den Faktor Mensch: Wissenschaftler und Unternehmensberater arbeiten fieberhaft an Konzepten, wie das Personal und all sein Wissen, seine Arbeit und Kreativität bilanziert werden können. Wenn sie damit Erfolg haben, werden Unternehmen vielleicht bald anders gesteuert werden. Eine Strategie könnte dann nicht mehr nur nach ihrer Kapitalrendite beurteilt werden, sondern auch nach den Auswirkungen auf das Personalkapital oder das Wissenskapital. Eigentlich unverzichtbar, wenn wir uns auf dem Weg in die Wissensgesellschaft befinden.

Auch das Rätsel des wirkungslosen Personalabbaus könnte mit solchen neuen Bewertungen leicht zu lösen sein. Studien beweisen immer wieder, dass Entlassungswellen selten zu den angestrebten niedrigeren Kosten und noch seltener zur erträumten höheren Produktivität führen. Die noch vorherrschende Verwunderung über solche Ergebnisse wird einem "Ist doch klar" weichen müssen. Sollte es je gelingen zu messen, welche Mengen an Wissenskapital mit jeder neuen Runde des Personalabbaus ein Unternehmen verlassen, dann wird so mancher Shareholder-Value-Anhänger vielleicht zum Arbeitsplatzschützer.

Doch auch die Schattenseite der neuen Rolle des Humankapitals zeichnet sich ab. Heute ist es ehrlich gemeint, wenn bei Mitchell und Gassner von unermesslichen Verlusten für ihre Unternehmen gesprochen wird. Nimmt die neue Messbarkeit des menschlichen Kapitals aber eine falsche Richtung, dann wird ein solcher Verlust in Zukunft vielleicht in Euro und Cent beziffert werden. Wissensbasierte Unternehmen wie die Deutsche Bank und Bertelsmann sollten sich zu Vorreitern einer Messbarkeit ihres wichtigsten Kapitals machen und die Unmessbarkeit des Einzelnen bewahren.