Der Markt-Forscher Der kleine Zombie Inflation
Als amerikanische Zeitungen 1897 den Tod Mark Twains meldeten, der bei guter Gesundheit in London lebte, telegraphierte dieser einen der besten Einzeiler aller Zeiten nach New York: "Berichte über meinen Tod sind im höchsten Maße übertrieben". Diese Zeile möchte man in goldenen Buchstaben auf Büttenpapier drucken und mit der Unterschrift "Mit freundlichen Grüßen - Ihre Inflation" an all die Propheten schicken, die in den letzten Jahren den Tod der Inflation verkündet haben. Denn die 3,5-Prozent-Teuerungsrate im Jahresvergleich, die uns das Statistische Bundesamt für Mai meldet, ist die höchste seit über sieben Jahren - eine Drei vor dem Komma gab es zuletzt im Februar 1994.
Kein Anlass zur Besorgnis, kein Grund das alte Stoßgebet mit der Bitte um Schonung vor Hagel, Pest und Teuerung hervorzuholen. Denn es sind einzelne Preiserhöhungen, die die Rate hochtreiben und nicht ein Preisanstieg auf breiter Front (erst dann würde er - streng genommen - den Namen Inflation verdienen). Benzin und Heizöl sind allein für 0,6 Prozentpunkte verantwortlich. Auch Landwirtschaftskrisen aller Art lassen die Preise für Fleisch, Obst und Gemüse mächtig sprießen. Aber egal wie sie zusammenkommen - 3,5 Prozent sollten genug sein, um wenigstens wieder die Existenz von Inflation ins allgemeine Bewusstsein zu rücken.
Denn in den letzten Jahren war es populär geworden, vom "Tod der Inflation" und vom drohenden "Zeitalter der Deflation" zu sprechen. Die Globalisierung sollte daran Schuld sein, denn weltweiter Wettbewerb drückt die Preise. Doch auch die Löhne sollten im globalen Wettstreit nicht mehr steigen können, die Konsumenten folglich noch preisbewusster werden und die Preise weiter niedrig bleiben. Selbstverständlich musste auch das Internet als Erklärung herhalten, das als riesige Preisvergleichsmaschine seinen Teil zur Beerdigung der Inflation beitragen sollte. Alles Unsinn?
Natürlich nicht. Der globale Wettbewerb drückt in der Tat auf die Preise und seriöse Schätzungen gehen davon aus, dass das Internet langfristig zwei Zehntel-Prozentpunkte von der Inflationsrate abknapst. Aber wer Angst vor einer Deflation geschürt hat, die Gewinne auffrisst und Wachstum tötet, der wollte nur ein wenig Inflation für die eigenen Auflage schaffen. Die Jahre der Null-Komma-Inflationsraten hatten ganz andere Gründe. Dazu gehörten in den neunziger Jahren der niedrige Ölpreis und andere billige Importe. Das ist jetzt fürs Erste vorbei, und schon steigen die Preise wieder.
Es ist der Siegeszug kluger Geldpolitik rund um den Globus, der niedrigere Preise beschert hat und dafür sorgt, dass die Teuerungsraten nicht auf gefährliche Höhen kommen werden. In den USA hat die Zentralbank, die Federal Reserve, sich unter Alan Greenspan zu einem treuen Hüter des Geldwertes entwickelt. Diesseits des Atlantiks haben die Kriterien für den Euro Europa zu Stabilitäts-Fans gemacht. Das hat die Inflation über viele Jahre in ruhige Bahnen gebracht und nicht irgendwelche dunklen globalen Mächte.
Die Geschichten von der Deflation kann man also getrost vergessen. Solange die Zentralbanken auf Greenspan-Duisenberg-Kurs bleiben, werden die Preise mal mehr (so wie jetzt) und mal weniger (so wie in den letzten Jahren) steigen. Aber geben wir es zu: "Das stete Auf und Ab der Inflation" ist als Buchtitel und Schlagzeile dem "Tod der Inflation" leider hoffnungslos unterlegen.