Der Markt-Forscher: Dot.coms, hört die Signale! - DER SPIEGEL
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Der Markt-Forscher Dot.coms, hört die Signale!

Mit Kohle, Karriere und Kuschelkurs wurden in den Start-up-Firmen Betriebsräte weitgehend verhindert. Doch es gibt gute Gründe für New Mitbestimmung.
Von Felix Asch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Unsere wohlvertraute Arbeitswelt ist unwiderruflich aus den Fugen geraten. Beweise gefällig? Piloten, einst als letzte Vertreter der "hohen Herren" in der Arbeitswelt angesehen, streiken. So richtig mit Schildern und Streikbrechern und Genscher als Schlichter. Ärzte, früher gerne mit "Porsche" und "Zweithaus" in Verbindung gebracht, leiden unter Ausbeutung. Keine Ironie: Was auf dem Ärztetag über die Arbeitsbedingungen junger Mediziner berichtet wurde, klingt nach der Gründerzeit der Gewerkschaften vor über 100 Jahren: 70-Stunden-Woche und manchmal 35 Stunden Dienst am Stück. Letzter Beweis: Bei Pixelpark, Ikone der deutschen New Economy, wurde ein Betriebsrat gegründet.

Es gibt ja grundsätzlich vier Möglichkeiten, warum ein Unternehmen in Deutschland ohne Betriebsrat bleibt oder ein Betriebsrat ohne Wirkung. Der erste Grund ist der einzig gesetzlich abgesicherte: Die Firma ist zu klein, das heißt, es gibt weniger als fünf Beschäftigte und damit keinen Betriebsrat. Die drei anderen sind Kohle, Karriere und Kuschelkurs. Entweder wird den Mitarbeitern die Lust auf Betriebsrat einfach mit Unmengen Geld genommen. Dürfte wohl bei vielen Investmentbanken und Beratungsunternehmen der Fall sein. Karrierechancen sind nicht zuletzt bei den Ärzten der Grund für die Ausbeutung. Zwar gibt es in Krankenhäusern Betriebsräte, doch wer sich Chancen auf Aufstieg oder nur einen festen Arbeitsvertrag machen will, sollte als junger Arzt nicht in den Ruf einer "roten Socke im weißen Kittel" kommen. Gleiches gilt für alle anderen Karriere-Jobs im Lande.

Bei den Unternehmen der New Economy kommt oder kam das alles zusammen. Die Ruhigstellung durch Geld hat in Zeiten immer wertvollerer Aktienoptionen funktioniert. Karriere will man bei Dot.coms jedenfalls machen, und auch in Internet-Kreisen gilt ein Betriebsratsposten nicht unbedingt als karrieristisches Überholmanöver. Die Kuscheltour ist - oder war - die effektivste und verlogenste Betriebsratsbremse. "Wir bei xy.com sind alle eine große Familie", klingt zwar so nervig wie Margarine-Werbung, hat aber noch einen wahren Kern: In jeder Familie kracht es bisweilen deftig, und man weiß um die manchmal divergierenden Interessen und organisiert sie entsprechend.

Wenn Pixelpark-Gründer Paulus Neef jedoch von "Interessen-Identität zwischen Managern und Mitarbeitern" spricht, dann ist das ausgemachter Quatsch. Natürlich sollen Management und Mitarbeiter ein Interesse an florierenden Geschäften, guten Gewinnen, Kostensenkungen und langfristiger Profitabilität haben. Aber wer darin "Interessen-Identität" sieht, versucht entweder die Anteilseigner, die Manager oder die Angestellten für dumm zu verkaufen. Ob man dem Unternehmen sein Kapital verkauft, dieses zu mehren versucht oder seine Arbeitskraft feilbietet, macht einen Riesenunterschied. Wieder so eine Regel aus der alten Wirtschaft, die sich auch in der schönen neuen Welt als richtig erweist.

Den Pixelpark-Betriebsräten gebührt Anerkennung: Die Unterschiedlichkeit der Interessen klar zu machen und dafür den Kopf hinzuhalten, erfordert Mut. Vielleicht sind aber die Piloten die wahren Helden der neuen Konfliktbereitschaft: In der Geldrangliste - auch ohne 25 Prozent mehr - eher am oberen Ende, Karriere zum Großteil schon gemacht und trotzdem Streik - das kann man Kampfgeist alter Schule nennen. Also Dot.coms, hört die Signale! Vielleicht streiken bald auch Netzpiloten.