Der Markt-Forscher Erben an die Macht
Spätestens seit "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" wissen wir, dass zu angelsächsischen Trauungszeremonien die vom Priester gestellte Frage gehört, ob irgendjemand etwas gegen diese Hochzeit einzuwenden habe. Aus demselben Film wissen wir auch, dass man als Familienmitglied eine ziemliche Show abziehen kann, wenn man nach einer Sekunde hochzeitlicher Hitchcock-Spannung aufspringt und "Ja, ich habe etwas einzuwenden" schreit oder - wie im Film - dieses per Zeichensprache mitteilt. Was wir noch nicht wussten, ist, dass es ein solches Familien-Veto auch bei Firmenhochzeiten gibt.
Walter Hewlett und David Packard, Söhne der legendären Garagengründer von Palo Alto, haben nun die Rolle von Hugh Grants stummem Film-Bruder übernommen und aufbegehrt. Aufbegehrt gegen die Hochzeit von Hewlett-Packard mit dem texanischen Compaq-Konzern. Ganz nach Film-Vorbild haben sie gewartet, bis sich fast alle mit der ungeliebten Braut ("Duckface" im Film, Compaq im richtigen Leben) abgefunden hatten. Dann erhoben sie mit umso größerem Knalleffekt Einspruch.
Aber die US-Wirtschaft hat derzeit noch einen weiteren Familien-Putsch zu bieten. Bei Ford hat der Urenkel des Gründers mit der geballten Familienmacht von 40 Prozent der Firmenanteile im Rücken gleich richtig zugeschlagen. Der 44-jährige William Clay ("Bill") Ford jr. feuerte den Vorstandschef Jacques "Jac" Nasser und installierte sich selbst als neuen, vom Firmen-Volk geliebten, "König von Detroit".
Auf den ersten Blick nimmt sich beides wie unseliges Hineinregieren kapitalistischer Besserwisser aus. Man fühlt sich an "gute Ratschläge" von Seniorchefs und Patriarchen erinnert. Aber die amerikanischen Familien-Putschisten sind keine alternden Querulanten, sondern gute Kontrolleure.
Denn in der Trennung von Eigentümern und Managern in Großunternehmen steckt eine Menge Sprengstoff, wie die amerikanischen Ökonomen Berle und Means schon 1932 erkannten. Manager, die nicht Haupteigentümer sind, haben oft nicht nur das Wohl des Unternehmens im Sinn, sondern eigene Ziele. Und die verstreute Eigentümerschaft einer großen AG erschwert die Kontrolle. Deshalb kommt in einer AG denen eine besondere Verantwortung zu, die als Großaktionäre - und in diesem Fall auch Erben - die Rolle des Kontrolleurs am ehesten erfüllen sollten.
Hewlett, Packard und Ford haben ihre Namen und mehr (Ford) oder weniger (HP) Aktienanteile in die Waagschale geworfen, um Unglück versprechende Fusionen und verunglückte Strategien zu stoppen. Man sollte Noch-HP-Chefin Fiorina und Ex-Ford-Chef Nasser nicht unterstellen, sie hätten nur die Pflege des eigenen Denkmals im Sinn. Aber ihre Pläne vom PC-Giganten HP-Compaq beziehungsweise Service-Konzern Ford sind zum Scheitern verurteilt oder bereits gescheitert. Deshalb haben die Erben, zum Wohle ihrer Aktien und ihrer Familien- und Markennamen, richtig gehandelt. Bill Ford jr. hat mit seinem Sprung an die Konzernspitze sogar Eigentum und Management wieder zusammengebracht.
Kann sein, dass man einfach einen anderen und längerfristigen Blick auf ein Unternehmen hat, wenn man mit dessen Namen herumläuft. Ob das auch für Deutschland gilt, wird Britta Steilmann uns zeigen, die gerade wieder in Fordscher Manier die Leitung des angeschlagenen Textilunternehmens ihres Vaters übernommen hat. Nur bei vermeintlichen Traumhochzeiten waren die deutschen Erben bisher still. Von Familie Benz hat man nur leises Klagen gehört, als "Benz" aus dem Konzernnamen verschwand. Ein lautes "Einspruch!" wäre vielleicht angebrachter gewesen.