Der Markt-Forscher: Fallrückzieher aufs Parkett - DER SPIEGEL
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Der Markt-Forscher Fallrückzieher aufs Parkett

Gründe für einen Börsengang gibt es viele. Aber nicht alle sind ihr Geld wert - auch wenn das Unternehmen Borussia Dortmund heißt.
Von Felix Asch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die T-Aktie hat die Deutschen zu einer Nation von Börsianern gemacht. Die Ankündigung von Borussia Dortmund, als erster Bundesligaverein den Weg an die Börse zu suchen, könnte für die Nord- oder Südkurven des Landes Ähnliches schaffen. Wird der ungehemmte Torschrei im Westfalenstadion bald durch eine tausendstimmiges "Kaufen!" ersetzt werden, sobald der Ball im gegnerischen Netz zappelt? Vor der ersten Firmenbesichtigung im Stehplatzblock C sollte man als Fan und/oder Investor aber einen Gedanken darauf verschwenden, warum der Verein diesen Schritt tut und warum jetzt.

Unternehmen gehen an die Börse, um sich Geld zu besorgen. Das frische Kapitel, das ein Börsengang in die Kassen spült, soll meistens der Finanzierung von Wachstum dienen. Mit anderen Finanzierungsquellen wie Bankkrediten ist der immense Kapitalbedarf eines rasanten Wachstums oft nicht zu bewerkstelligen. Dafür hat das Unternehmen nach dem Börsengang viele neue Eigentümer, denen es Rechenschaft schuldet. Die wollen steigende Kurse und Dividenden sehen und haben auch das Recht, ihren Anteil oder gar die ganze Firma an andere zu verkaufen.

Bei vielen Dot.coms sind die Wachstumschancen jedenfalls gegeben. Die wahren Gründe für den Börsengang werden aber oft andernorts vermutet. Zum einen gibt es keinen schnelleren Weg für die Gründer reich, sehr reich, zu werden als einen Börsengang. Auch wurden viele Mitarbeiter gewonnen, indem man sie zum Teil mit Aktienoptionen bezahlt und verspricht, sie bei einem Börsengang fast so reich zu machen wie die Gründer. Dieses Versprechen muss man dann auch irgendwann einlösen, sonst sinkt die Laune der Mitarbeiter mächtig.

Dortmunds Präsident Niebaum will "nicht nur in Beine, sondern auch in Steine" investieren. Zwar kann das Westfalenstadion nicht weiter wachsen, weil die Ränge ohnehin so hoch sind, dass kein Sonnenlicht den siechenden Rasen erreicht. Dafür will er den Anteil des Clubs am Stadion ausbauen - nicht unbedingt die heißeste Wachstumsstory, aber wenigstens solide. Das geplante Jugendzentrum klingt spannender, aber die Ankündigung, eine Grundlagenabteilung aufzubauen, würde bei keiner Hightech-Firma ein Kursfeuerwerk auslösen. Bleiben noch Fans und Fanartikel als Wachstumsperspektive. Aber wahre Bullenstimmung will nicht aufkommen, wenn man sich vorstellt, das eigene Geld darauf zu wetten, dass außer Ruhrpöttlern auch noch Schwaben, Schotten oder Katalanen ausgerechnet auf Dortmund abfahren.

Vielleicht sind es doch eher Dot.com-Gründe, die den Dortmunder Deal bestimmen. Dortmund hat einen guten Teil seiner Einnahmen der nächsten Jahre bereits an den Vermarkter Ufa verkauft. Diese Gelder stecken in der grandiosen 11.-Platz-Mannschaft der Vorsaison. Ein Teil des Kapitals aus dem Börsengang ist vielleicht doch für das Fußball-Personal gedacht, dessen Lust am Weiterziehen jedem Dot.com-Mitarbeiter Ehre machen würde. Und deren Loyalität steigt kaum, wenn nach Niederlagen neben den üblichen Beschimpfungen auch noch ein "Wertvernichter!" von den Tribünen schallt. Wer mehr an schwarzen Zahlen als an schwarz-gelben Trikots interessiert ist, muss auch den Zeitpunkt des "going public" beachten. Vor einem Jahr war Dortmund zu diesem Zeitpunkt der Saison sogar Tabellenführer - am Ende stand Abstiegskampf. Ob es bei den Borussen anders als bei den meisten Börsenneulingen zu einem Aufschwung des Geschäfts kommt, wenn die Aktie unters Volk gebracht ist? Auf Übernahmephantasien braucht der Anleger auch nicht zu hoffen, denn Borussia behält sich das letzte Wort vor und wer wollte auch einen Dortmunder Fußballclub übernehmen. Schalke? Bochum?

Aber dennoch taugt die Borussia mit ihrem Schritt aufs Parkett als Vorbild. Denn wer Aktien ausgibt, muss seine Bücher offen legen und transparent wirtschaften. Wenn andere Vereine dabei die Dortmunder Standards einhalten würden, wäre für den Profifußball als Ganzes viel erreicht. Alle fünf Jahre zwei verhaftete Schatzmeister weniger - das wäre eine feine Dividende.