Der Markt-Forscher: Giganten auf der Todesliste - DER SPIEGEL
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Der Markt-Forscher Giganten auf der Todesliste

Von heute an liefert der Markt-Forscher jede Woche Innenansichten aus der wunderbaren Welt der Unternehmen. Sein erstes Thema: Das Sterben der Industrie-Dinosaurier
Von Felix Asch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zwei große Namen der deutschen Industriegeschichte wurden in der vergangenen Woche endgültig begraben: Die Vereinigte Industrie-Unternehmungen Aktiengesellschaft (VIAG) und die Mannesmann AG gaben ihre Abschiedsvorstellung. Die VIAG hatte ihre letzte Hauptversammlung, und das Kapitel Mannesmann wurde passenderweise durch den Verkauf des ursprünglichen Röhrengeschäfts der Brüder Mannesmann geschlossen.

Der eine Name geht - mehr oder weniger freiwillig - in der neuen Wortkreation e.on auf, der andere wird nach seiner säuberlichen Filetierung durch den britischen Übernahme-Sieger Chris Gent auf Vodafone, Bosch, Siemens und die Salzgitter AG verteilt.

Beide Fälle verbindet, dass ihre Gemischtwaren-Strategie nicht überlebt und ihre Namen nur noch für eine Gnadenfrist als VIAG Interkom und Mannesmann Mobilfunk weiterleben dürfen, bis auch sie im Rauschen der neuen Märkte verschwinden.

Ist das nun ein Schaden für den Industriestandort Deutschland oder ein weiterer Schritt der Modernisierung? Hier enden die Gemeinsamkeiten. Mit Mannesmann verschwindet eines der wenigen Unternehmen, das die Fähigkeit hatte, sich selbst immer wieder neu zu erfinden. Erst Vorreiter in der Diversifikation der Montankonzerne, dann erster und ernsthaftester Herausforderer des Monopolisten Telekom. Die Zerlegung dieses Unternehmens und die Eingliederung seiner Teilstücke in andere Großkonzerne ist ein Verlust für den Wettbewerb und den Standort Deutschland.

Anders die VIAG: Als Holding des Deutschen Reichs gegründet und jahrzehntelang ein eher langweiliger Beteiligungsverwalter, begann Ende der achtziger Jahre eine Einkaufstour, die auf Monopolgewinne aus dem Strombereich gegründet war. Der Firmensitz wanderte im Schlepptau der Politik von Berlin nach Bonn und München, das Portfolio erschien immer willkürlich zusammengepappt. Die faktische Übernahme durch die VEBA, die Entstaatlichung und Entflechtung dieses industriepolitischen Gebildes, ist zu begrüßen.

Mannesmann und VIAG sind nur die jüngsten Fälle eines Prozesses, der seit 1990 acht der 15 größten Namen der deutschen Industrie betroffen hat. Hoechst ist weg, Veba gibt es bald nicht mehr. Daimler-Benz, Thyssen, Degussa und Metallgesellschaft sind nur noch in Abwandlungen oder als Namensteile zu finden. Welcher Name ist als nächster zu streichen? Wer sich heute als Sieger fühlt, weil er sich ein Schnäppchen aus dem Mannesmann-Erbe einverleibt hat, kann morgen das nächste Opfer der "schöpferischen Zerstörung" sein, wie es der Ökonom Joseph Schumpeter nannte. Mannesmann und VIAG zeigen, dass dieser Prozess gute und schlechte Seiten hat. Wenn der nächste große Name fällt, sollte man weniger um die deutsche Industrie bangen. Schlimmer wäre es, wenn alte Konzerne unantastbar blieben.