Der Markt-Forscher: Grausamer Adventskalender - DER SPIEGEL
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Der Markt-Forscher Grausamer Adventskalender

Technologieunternehmen legen den Anlegern dieses Jahr besonders gerne Gewinnwarnungen auf den Gabentisch. Dafür gibt es ein paar spannende Erklärungen.
Von Felix Asch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn Sie das Wort "Gewinnwarnung" in die Suchfunktion von SPIEGEL ONLINE eingeben, erhalten Sie alleine für den Monat Dezember vierundzwanzig Treffer. Als würde irgendjemand für jeden Dezembertag das passende Türchen im grausamen Adventskalender der Technologiewerte öffnen. Tatsächlich hat weit mehr als ein Viertel aller Unternehmen im amerikanischen S&P 500 Index seit Anfang Dezember Gewinnwarnungen veröffentlicht. Im letzten Quartal 2000 trudelten bei den Anlegern insgesamt 40 Prozent mehr solcher Warnungen ein als im gleichen Zeitraum 1999. Was ist geschehen, dass man an den Börsen der Welt statt Weihnachtskerzen nur Warnlampen brennen sieht?

Dafür gibt es eine langweilige und einige spannende Erklärungen. Die langweilige ist, dass die US-Börsenaufsicht SEC im Oktober die Pflicht zur Veröffentlichung von kursrelevanten Nachrichten verschärft hat. Die Praxis, Gewinnwarnungen nur an einen ausgewählten Kreis von Aktien-Profis weiterzugeben, wurde untersagt. Da börsennotierte Unternehmen den Vorwurf, keine saubere Informationspflicht zu betreiben, fürchten wie der Teufel das Weihwasser, werden die Warnsignale auch deutlich früher gegeben als bisher üblich. Und auch die Strafen, die bei Missachtung der Informationspflicht verhängt werden, sind keine "peanuts".

Aber die Flut von Gewinnwarnungen lässt sich nicht allein langweilig erklären. Man kann, so ein alter Ökonomen-Spruch, manche Leute für immer und alle Leute für kurze Zeit zum Narren halten, aber nicht alle Leute für immer. Die Welle der Warnungen ist dafür ein Musterbeispiel. Denn die haushohen Kurse vieler Tech-Firmen ließen sich nur noch dadurch im Ansatz rechtfertigen, dass man auch die Gewinnerwartungen hochjubelte. Wenn sich dann zum Beispiel die Konjunkturaussichten ein wenig verdüstern, wird der mangelnde Realismus bei den Erwartungen nur allzu offensichtlich. Dass die Kurse mit Stürzflügen auf die leichtesten Enttäuschungen bei den Gewinnen reagieren, ist ökonomisch vollkommen richtig.

Auch die nicht zu unterschätzende Macht des Herdentriebs ist wohl wieder im Spiel. Keiner wollte bei der Kursrallye zurückbleiben, und so spielte man das Spiel mit den Gewinnerwartungen mit. Schaut Alan Greenspan dann nur ein bisschen zu grimmig und brechen Technologieriesen wie Intel und Microsoft aus der Phalanx der Optimisten aus, macht die Herde auf dem Absatz kehrt. Im Schutz der Herde ist es nun auch einfacher, die eigenen schlechten Nachrichten rauszurücken und den entsprechenden Kurssturz zu schlucken.

Aber es ist kurz vor Weihnachten und da sollte man in allem und bei jedem auch etwas Gutes entdecken. Den Gewinnwarnern der letzten Wochen sollten wir also zugute halten, dass sie in der Mehrzahl tatsächlich vor sinkenden Gewinnen gewarnt haben. Sinkend zwar, aber immerhin Gewinne. Und das ist in Zeiten der New Economy eigentlich Grund genug, um von Knecht Ruprechts Rute verschont zu bleiben.