Der Markt-Forscher Kabeljau- statt Benzin-Gipfel!
Erster Akt: Die Benzinpreise steigen auf eine neue Rekordhöhe. Wie immer, seit Autofahrer-Gedenken, im Gleichschritt. Ein Konzern gibt den Takt an, die anderen folgen mit wenigen Stunden Verzögerung. So war es und so wird es wohl auch immer sein. Aber plötzlich erinnern sich Autoclubs und andere Volksvertreter daran, dass es ein Kartellamt gibt und rufen nach dessen Eingreifen. Nun gibt es in der deutschen Wirtschaft wahrlich genügend Arbeit für das Kartellamt und auch ein wenig politische Unterstützung für die Bonner Wettbewerbswächter wäre angebracht. Nur kommt sie zum falschen Zeitpunkt und zum falschen Thema.
Die Ölkonzerne sind sicher keine Musterknaben des freien Wettbewerbs. Aber wer braucht noch Preisabsprachen mit der Konkurrenz, wenn er deren Verhalten bei der Fahrt ins Vorstandsbüro gemütlich beobachten kann. Es steht in riesigen Lettern an jeder Tankstelle: 2,12 Mark für Normal - 2,16 Mark für Super zum Beispiel. Von Markttransparenz sprechen Ökonomen, wenn Unternehmen so gut über Preise und Produkte der Konkurrenz informiert sind. Wenn ein Markt so transparent ist, wie der für Benzin, ist nur ein Kraut gegen Preiserhöhungen im Gleichschritt gewachsen: Etwas weniger verbrauchen und die freie Konkurrenz stärken. Der Andrang bei öffentlichen Verkehrsmitteln, Benzinspar-Kursen und freien Tankstellen hält sich aber weiterhin in Grenzen.
Zweiter Akt: Ein paar kühle Köpfe, darunter Minister Werner Müller, erlauben sich den Hinweis, dass in einer globalen Industrie wie der Mineralölbranche auch internationale Entwicklungen den Preis an der Zapfsäule entscheidend beeinflussen. Ob man es glaubt oder nicht: Leere Lager und brennende Raffinerien in den USA verteuern bei uns den Sprit ebenso wie im Land der Straßenkreuzer. Und schließlich ist der Benzinpreis neben seinem Status als Heiligtum auch noch ein ganz normaler Preis. Er geht bei steigender Nachfrage, etwa zur Reisezeit, nach oben. Noch einmal für alle, die genau wissen, wie eine Tank-Quittung aussieht: So sehen die schlichten Regeln der Wirtschaft aus.
Dritter Akt: Der Kanzler stimmt in den Anti-"Abzocker"-Chor ein und Ministerpräsidentin Heide Simonis fordert einen Benzin-Gipfel. Hier der passende Alternativvorschlag für die Landesfürstin von der Küste: Fordern Sie einen Kabeljau-Gipfel. Warum Kabeljau? Dazu muss man sich die vom Institut der deutschen Wirtschaft errechneten Zahlen zur Kaufkraft einer Lohnminute anschauen. Ein Bundesbürger muss heute im Schnitt fünf Minuten und zwanzig Sekunden arbeiten, um netto einen Liter Normalbenzin zu verdienen. Das sind, vor allem dank der erhöhten Steuern, dreißig Prozent oder 1:24 Minuten mehr als vor zehn Jahren. Haarschnitte und Zeitungen haben sich letzten Jahrzehnt ähnlich stark verteuert, für fast alles andere im Warenkorb der Statistiker muss man weniger arbeiten als 1991.
Geht man aber weiter zurück und nimmt das Jahr 1960 zum Vergleich, dann ist Benzin heute geradezu spottbillig. Fast eine Viertel Stunde musste man einst schuften, um an einen Liter Benzin zu kommen. Dreimal so lange wie in der heutigen Benzinpreiskrise. Ganz anders der Kabeljau: Starrköpfig schwimmt er gegen den Trend zum "mehr für die Minute". Im Jahr 2001 braucht es wie vor vierzig Jahren den Lohn von vollen 55 Minuten Knochen- oder Kopfarbeit, um an ein Kilo dieses Fischs zu kommen. Das ist doch mal ein Preisskandal, der eines Kanzlergipfels würdig ist.