Der Markt-Forscher Lust auf neue Gebote
Schwertlilien in Öl auf Leinwand, Mobiliar aus der Zeit von Ludwig XIV. oder die Gitarre von John Lennon: Das sind Objekte, die man sich im Allgemeinen bei einer Versteigerung vorstellte. Ein sprachgewandter Auktionator mit Hammer auf der einen Seite, Nummerntafeln und geheimnisvolle Bieter am Telefon auf der anderen Seite - so hatte eine Versteigerung auszusehen.
Heute ist das nur noch ein elitärer Ausschnitt aus der in alle Richtungen gewachsenen Welt der Auktionen. Sie reicht von den vier Millionen Artikeln beim Internet-Auktionshaus eBay bis zu den zwölf Frequenzblöcken im Mainzer UMTS-Poker und von acht Mark für einen Tim & Struppi-Comic bis zu den 75 Milliarden Mark der britischen Mobilfunk-Auktion. Was hat diese unvergleichliche Renaissance der guten alten Versteigerung bewirkt?
Verantwortlich für die Lizenzauktionen sind einige der besten Köpfe der Wirtschaftswissenschaften, die Auktionen spieltheoretisch untersuchten und so den Weg für Auktionen im Milliardenmaßstab eröffneten. Nicht zuletzt dem Nobelpreisträger William Vickrey ist es zu verdanken, dass sich 1994 die USA und 1996 auch Deutschland dazu entschlossen, Lizenzen und Frequenzen zu versteigern und nicht mehr durch Verwaltungsentscheidungen zuzuteilen.
Vickrey und andere Auktionstheoretiker konnten nachweisen, dass gut gestaltete Auktionen den gesamtwirtschaftlich besten Weg darstellen, wertvolle und knappe Güter, wie eben eine begrenzte Zahl von Lizenzen, an den Bieter zu bringen, der am meisten damit anzufangen weiß. Auktionsdesigner haben darauf aufbauend Versteigerungsformen entwickelt, die Effizienz und Wettbewerb fördern. Die deutsche UMTS-Auktion ist das aktuellste Ergebnis dieser Forschungsrichtung, auch wenn die in Mainz gewählte Auktionsvariante Schwächen hat, die den Markteinstieg von neuen Unternehmen unwahrscheinlich machen.
Das explosive Wachstum der privaten Versteigerung von Büchern, Puppen, Uhren et cetera ist dem Internet zu verdanken, das wieder einmal einer alten Idee zu neuer Blüte verhilft. Zwanzig Prozent des elektronischen Handels weltweit läuft nicht über feste Preise, sondern über Auktionen. Die einfache Teilnahme, die geringen Kosten und die gute Organisation der Auktionen werden den Wert der Versteigerungen an Private in diesem Jahr schon auf zehn Milliarden Mark weltweit wachsen lassen. Bemerkenswert für ein Internetgeschäft ist auch, dass einige der großen Internet-Auktionshäuser heute schon Gewinne erwirtschaften.
Momentan dominieren noch die Verkäufe von Gebrauchtwaren und Sammlerstücken von und an Privatpersonen, doch auch in diesem Feld zieht des Geschäft zwischen Unternehmen nach und wird wohl bald die Hauptrolle spielen. Im Bereich der Versteigerungen an Privatpersonen läuft ohnehin schon der nächste Trend auf Hochtouren: Mobile Auktionen von Unternehmen wie 12snap, bei denen Gebote und Zuschlag über das Handy erfolgen. Eine piepsende Textnachricht (SMS) statt eines satten Hammerschlags verkündet den Kauferfolg.
Auktionen haben sich durch Wissenschaft und Internet wieder zu einem ernst zu nehmenden Element des globalen Wirtschaftens entwickelt, und sie haben einen weiteren Vorteil: Auktionen machen Teilnehmern und Zuschauern Spaß. Mitbieten ist spannend und unterhaltsam, ob man als schlichter Internetsurfer bei eBay noch zehn Mark mehr für Tim & Struppi bietet oder als Mobilfunk-Boss über das rote Telefon die Anweisung gibt: "Legt noch mal 15 Mios' für den Frequenzblock drauf".