Der Markt-Forscher Miles no More?
Welches Wort treibt Controllern die Zornesröte ins Gesicht? Was ist das Unwort jeden Jahres für engagierte Kostensenker in deutschen Unternehmen? Nicht Firmenwagen oder Bewirtungsrechnung heißt das Ungetüm, sondern Meilen. Und was ist schlimmer noch als Meilen? Mehr Meilen, "Miles & More", die Bundesliga-Sammelbildchen-Ersatzdroge für mobile Jung- und Altmanager, das unvergleichliche Angabeinstrument für alle, die direkt aus der Pubertät in die Wirtschaft gewechselt sind, aber nicht auf Größenvergleiche verzichten wollen. Des Kostenrechners Alptraum ... vielleicht bald vorbei.
Früher war es so: Wer in Deutschland flog, flog Lufthansa, hatte seine Miles-&-More-Karte, sammelte Meile um Meile, näherte sich dem Status des "Frequent Traveller" oder gar "Senator", nutzte die Meilen für Urlaubsflüge und dergleichen.
Dann kam die Deutsche BA und plötzlich kursierten in vielen Unternehmen Memos aus der Reisekostenabrechnung, doch bitte die Segnungen des Wettbewerbs zu nutzen und den billigsten Flug zu nehmen. Den bietet nun leider des Öfteren die Deutsche BA an. Aber bei der hat man noch keine Meilen gesammelt, hat keinen Freiflug in Aussicht, ist kein kraft Statuskarte bevorzugter Vielflieger, ist eine kleine Nummer, muss sich erst hochdienen. Während man sich aber bei BA noch hochdient, verfällt der Status bei Lufthansa und wie steht man dann da - ohne Status, nur mit Karten wie sie jeder beliebige Tourist hat, vielfliegertechnisch nackt sozusagen.
Also muss man - das will ja jedes Unternehmen - kreativ und schlau sein. Legt Termine auf seltsame Zeiten oder an Orte, die nur mit einem Kranichflugzeug einzuhalten oder zu erreichen sind, becirct Herren und Damen im Reisebüro oder entwickelt Lederallergien, mit denen es auf den Ledersitzen der Deutschen BA unmöglich auszuhalten ist.
Solange die Firma den Flug zahlt und die Meilen einem selbst gehören, ist fast jedes Mittel recht, damit man den Meilenkontoauszugsdrucker in der Lufthansa Lounge ein paar Minuten drucken lassen kann, um ihm einen Auszug von beeindruckender Tapetenlänge zu entnehmen. Vielflieger stolz, Lufthansa grinst, Wettbewerb leidet, Controller weint.
Doch wie eine Fee, die alle außer der Lufthansa glücklich machen will, erscheint nun das Kartellamt. Es bestimmt, dass die Lufthansa, wenn sie mit Eurowings den heiligen Bund der Teilfusion eingehen möchte, Miles & More für "alle im innerdeutschen Luftverkehr jetzt oder künftig tätigen Wettbewerber" öffnen muss. Miles auf Flügen der Deutschen BA und Punkte für den Executive Club der BA auf Lufthansa-Verbindungen. Kein Grund mehr, sich der Meilen halber an den Kranich zu klammern. Mit einem Schlag könnte das beste Kundenbindungs- (oder fesselungs-) Instrument bei Inlandsflügen fast wertlos sein. Plötzlich gibt es eine Chance für echten Wettbewerb und Aussicht auf glückliche Controllergesichter.
Doch Zweifel bleiben. Denn es ist der Deutschen BA überlassen, ob sie diese Möglichkeit wahrnimmt. Aber allen Fluggesellschaften und Allianzen sind ihre Vielflieger-Programme heilig. Denn mit nichts (außer vielleicht den Start- und Landerechten) lässt sich ein nettes Fast-Monopol so schön verteidigen wie mit den Sammelkarten.
Wenn es aber mit der Meilen-Gemütlichkeit in Deutschland vorbei ist, dann kann auch andernorts die Mauer zwischen Fluggesellschaften über kurz oder lang bröckeln. Eine Aufweichung der Konkurrenz und höhere Flugpreise wären die Folge. Kostengeplagten Controllern bliebe dann nur die Chance, notorischen Vielfliegern Sammelbildchen als Alternative anzubieten.