Der Markt-Forscher Patriarchen-Dämmerung
Seit Jahrzehnten herrschen Patriarchen vom alten Schlag über zwei Riesen unter den deutschen Familienunternehmen: Die Tchibo-Holding der Familie Herz, groß im Geschäft mit Kaffee und Krimskrams, mit Zigaretten (Reemtsma), Niveacreme und Tesafilm, führte seit 35 Jahren Günter Herz, der älteste von fünf Geschwistern.
Rainhard Mohn zieht mit fast Achtzig noch immer die Fäden beim Gütersloher Buch-Druck-Zeitschrift-Fernseh-Multimedia-Musik-Gigant Bertelsmann, seit 1887 unter Führung der Familie Mohn. Beide Oberhäupter haben in den letzten Tagen das Ende ihrer Firmenherrschaft besiegelt. Doch unterschiedlicher als bei Mohn und Herz können Familien-Sagas kaum verlaufen.
Im Hause Herz herrscht die Zwietracht. Die Geschwister, denen zwischen 15 und 19 Prozent der Holding gehören, sind herzlich verkracht. Um was es geht? Nun, man streitet schon so lange, dass das kaum mehr überschaubar ist. Doch im Zentrum des Knatschs steht die Frage, wie man Führung des Konzerns aus Familienhänden langfristig in die von externen Managern überführen kann, die Tchibo irgendwann auch an die Börse bringen könnten.
Das Problem: Neben Clan-Oberhaupt und Vorstandschef Günter Herz wuchs kein Manager zu passender Größe. Der Aufsichtsrat inklusive zweier Herz-Brüder griff im Dezember durch und verweigerten die Verlängerung des Vertrags von Günter über 2001 hinaus. Günter reagierte trotzig und schmiss die Brocken hin. Nun soll ein ehemaliger Reemtsma-Mann, der seit drei Jahren im Ruhestand war, den Konzern führen, bis ein Nachfolger sich in das Familien-Duell zu sechst hineintraut.
Auch bei Bertelsmann rollten Managerköpfe blitzschnell, wenn Übervater Rainhard Mohn ("Die beste Form von Liebe ist Härte") andere Geschäftsvorstellungen hatte. Auch bei Bertelsmann ist der Nicht-Börsengang seit Jahren ein heißes Thema. Doch Mohn hat die Kurve beizeiten gekriegt: Erst fand er in Thomas Middelhoff einen Vorstandsvorsitzenden, der gleichermaßen Familien- wie Wall-Street-kompatibel ist. Dann liess er sich von Middelhoff überreden, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Der am Montag verkündete Aktientausch mit dem belgischen Magnaten Frère verschafft Bertelsmann zwei Drittel an RTL und Frère ein Viertel an Bertelsmann. Frère hat die Möglichkeit, seinen Anteil an der Börse zu versilbern, strebt das auch an und ebnet den traditionell börsenscheuen Bertelsmännern den Weg aufs Parkett, ohne dass man die Revolution in Gütersloh ausgerufen werden muss. Trotz seiner Vorliebe für Härte scheint Mohn einen weichen Abgang zu schaffen.
Doch auch wenn die Zeit der Patriarchen zu Ende geht: Bei Tchibo wie bei Bertelsmann bleiben die Clans bis auf weiteres am Ruder und Externe höchstens kleine Teilhaber am Erfolg. Die Kaffeeröster-Anteile bleiben so lange Herz'sches Familiensilber, bis man sich friedlich zum Börsengang entschließt (unwahrscheinlich) oder ein Börsengang zum einzigen Ausweg aus Streit und Blockade wird (wahrscheinlicher).
Bei Bertelsmann liegt die Herrschaft über drei Viertel der Anteile bei einem Gremium, das Rainhard Mohn besetzt. Für ausreichend Familieneinfluss nach seinem Tod ist gesorgt. Und persönlich könnten Familie Herz und Familie Mohn dem Thema Börsengang gelassen gegenüberstehen: In der Rangliste der reichsten Deutschen liegen sie dicht an dicht auf Platz vier und fünf. Doch auch hier - es tut uns herzlich leid - hat Mohn die Nase um einen Platz und eine Milliarde vorn.