Der Markt-Forscher Sag mit Aktien leise "Sorry"
Ein Wohnzimmer nahe Frankfurt am Main, ein Ehepaar beim Abendessen, ein Grollen nähert sich aus der Ferne, wird lauter und lauter und schließlich infernalisch, die Gläser auf dem Tisch zittern bedenklich. Als der Jumbo über das Haus hinweggedonnert ist, setzen Mann und Frau ihre Hörgeräte wieder ein. "Jedes Flugzeug steigert unseren Shareholder-Value", schreit er. "Was uns taub macht, macht uns reich", antwortet sie. Lebendige deutsche Aktienkultur - dank des Flughafens Frankfurt!
Noch ist das Fiktion, doch die Betreibergesellschaft Fraport hat am Mittwoch angekündigt, den lärmgeplagten Bewohnern des Umlandes ein vorteilhaftes Angebot machen, wenn sie Mitte des Jahres an die Börse geht. Auch wenn Fraport bestreitet, die Aktien sollten ein Trostpflaster für die Lärmqualen sein: Die Idee der Aktie als Entschädigung bietet ungeahnte Möglichkeiten.
Die Sorry-Aktie hat Zukunft
Zum Beispiel für die Bahn: Der Börsengang der Bahn AG bekommt endlich einen Sinn, wenn man verspäteten Pendlern statt einer Entschuldigung per Bahnsteig-Lautsprecher einfach eine nette kleine Bahnaktie in die Hand drückt: Verspätungen wegen kaputtgesparter Schienenwege - kein Drama; das Sparen nützt schließlich meiner Dividende. Vielleicht könnte man nach Flughafen-Vorbild auch gleich die Bahnhöfe und das reduzierte Gleisnetz an die Börse bringen und die jeweiligen Anwohner mit Schienenlärm, Streckenschließungen oder den typischen Belästigungen durch die Bahnhofsbevölkerung versöhnen.
Den Weg weist einmal mehr die New Economy. Die nutzt geplante Börsengänge schon seit langem als Trostpflaster. Denn mit Aktienoptionen und der Aussicht auf das große Geld beim Börsengang konnte man Spitzenkräfte auch zu reichlich schmaleren Gehältern in die Lofts eines Start-ups locken. Das Gefühl, ein MOP (ein Millionaire-on-Paper oder Millionär auf dem Papier) zu sein, entschädigt schließlich für einiges. Wenn es mit dem MAK, dem Millionär auf dem Konto, dann nichts wird, hat man halt Pech gehabt. Doch auch in der New Economy steckt noch ungeahntes Potenzial für die Sorry-Aktie.
Denn zum einen sind am Neuen Markt ja einige doch recht günstige Aktien verfügbar. Denn so ein Internet-Penny-Stock wirft sich leichter unters Volk als ein 50-Euro-Papier der Old Economy. Also keine Scheu, ihr Power-Shopper und Geschenke-Versender! Legt jedem verspäteten Weihnachtspaket eine nett verpackte Aktie bei und schon wird die falsch gelieferte Digitalkamera vom Ärgernis zum kleinen Versehen.
Zum Abschluss kehren wir noch einmal in die Welt des Luftverkehrs zurück. Denn wenn schon Start- und Landeplätze mit Aktien gute Stimmung machen, dann sollte es die Lufthansa oben am Himmel noch viel leichter haben, Verspätungen den Schrecken zu nehmen. Denn ein mit strahlendem Stewardessen-Lächeln ausgeteiltes Warteschleifen-Wertpapier stimmt selbst abgebrühte Vielflieger milde.