Der Markt-Forscher: Start-ups sind out, na und? - DER SPIEGEL
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Der Markt-Forscher Start-ups sind out, na und?

Es klingt erschütternd: Deutsche Berufseinsteiger wollen lieber zu Siemens als ein Start-up gründen. Doch niemand sollte die alte Leier vom risikoscheuen Deutschen anstimmen.
Von Felix Asch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer in Sachen E-Commerce etwas auf sich hält, verwendet sie in Gesprächen so inflationär wie Rudi Völler sein "ja gut": Die Abkürzungen "B2B" und "B2C". Gemeint sind damit schlicht das Geschäft von Firma zu Firma ("business-to-business" oder kurz "B2B") oder mit Endverbrauchern ("business-to-consumer" oder "B2C"). Während der Friedhof der Dotcoms sich weiter mit Grabsteinen füllt, erfahren auch diese beiden prominentesten Kürzel der Internet-Wirtschaft eine Neudefinition. Unter Jungunternehmern und US-Studenten stehen sie inzwischen für einen neuen, alten Trend: B2B für "Back-to-banking" und B2C für "back-to-consulting" sind jetzt die geläufigen Übersetzungen. Die umworbenen Spitzenkräfte zieht es wieder in die klassischen Branchen.

Versandet die Gründerwelle im Zuge der allgemeinen E-Ernüchterung? War die Gründereuphorie je so groß wie alle dachten? Die neueste "Capital"-Umfrage nach den beliebtesten Arbeitgebern von Wirtschafts- und Ingenieursstudenten legt eher den Schluss nahe, dass die Start-up-Begeisterung in Deutschland kein Breitensport ist. Denn weniger als 20 Prozent der Absolventen erwägen, bei einem Start-up den Berufseinstieg zu wagen und noch weniger könnten sich die Gründung eines eigenen Unternehmens vorstellen. Viel lieber will man in die Imperien von Schrempp, Pierer und Milberg einsteigen. DaimlerChrysler, Siemens und BMW führen die Rangliste der beliebtesten Arbeitgeber an.

Da bekommt man jede Woche die fantastischsten Geschichten von Internet-Unternehmern aufgetischt, die durch Aktienoptionen zu Milliardären - inzwischen dann nur noch zu Millionären - geworden sind, und was will die junge deutsche Elite? Beim Daimler schaffe'! Auch die Gründe für die Bevorzugung der Traditionsunternehmen stehen so ganz im Gegensatz zum Bild des die Nacht durcharbeitenden, Pizza essenden Jungdynamikers. Gute Sozialleistungen und tariflich festgelegte niedrige Arbeitszeiten stehen auf der Liste der Vorteile von Siemens und Konsorten ganz oben. Da steckt mehr Nachwuchshoffnung für die Gewerkschaften drin als für ein deutsches Silicon Valley.

Doch die alte Leier von den jungen Deutschen, die das Risiko scheuen, braucht bitte keiner anzustimmen. Hat denn irgendwer wirklich geglaubt, alle Jugendlichen könnten sich nichts Besseres vorstellen als 70-Stunden-Wochen und Aktienoptionen? Außerdem ist ein Anteil von 15 Prozent potenziellen Unternehmern weit höher als noch vor zehn Jahren und mehr als genug, um alle sinnvollen Start-up-Ideen der Welt bis an die Börse zu tragen. Außerdem: Auch wer bei BMW einsteigt, kann noch zum Unternehmer werden. Die besten Ideen entstehen oft, wenn man in einem Großkonzern sieht, was in einem kleinen und beweglichen Umfeld besser gemacht werden könnte. Und eine gewisse Erfahrung soll dem unternehmerischen Erfolg ja auch nicht abträglich sein.

Noch eine gute Nachricht steckt in den vermeintlich schlechten Umfragezahlen. Die viel beschworene Angst vor einer völligen Verwirtschaftung unserer Gesellschaft scheint so überzogen wie mancher Kurs am Neuen Markt. Denn ganz offensichtlich haben die Nachwuchskräfte auch noch anderes im Sinn als Job und Money. "B2C" ist auch in der Interpretation als "born to consume" eindeutig out.

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