Der Markt-Forscher Stimme des Herrn
Von Franz Josef Strauß hieß es immer, ihm sei egal, wer unter ihm Kanzler sei. Eine schöne Anekdote, aber inhaltlich doch mehr rhetorisch. Was den amerikanischen Präsidenten betrifft, so ist es der Weltöffentlichkeit und den Aktienmärkten nach einem Monat Hickhack schon langsam gleichgültig, wer zum Sieger geklagt wird. Hauptsache, er wird Präsident unter Alan Greenspan, dem Chef der amerikanischen Notenbank. Denn die realen wirtschaftspolitischen Machtverhältnisse hat diese Woche auf das Schönste ans Licht gebracht.
Auf der einen Seite haben wir Florida: Klagen, Handauszählungen, zwei Präsidenten im Wartestand, die sichere Erwartung einer chaotischen und schwachen Amtszeit ... Zwar fällt es immer schwerer einen Weltherrscher ernst zu nehmen, der im Lieblingsfluchtgebiet deutscher Promis - von Daum bis Babs - gekürt wird. Aber immerhin, es geht um die Führungsperson der kapitalistischen Welt, und keiner weiß, wer das nächste Woche sein wird und welches wirtschaftspolitische Programm ins Weiße Haus steht.
Auf der anderen Seite haben wir die "Konferenz der amerikanischen 'Community Banker'" - was auch immer in der Welt das ist. Dort tritt Alan Greenspan auf, den unbedarfte Beobachter äußerlich leicht für den Vater von Woody Allen halten könnten, und sagt kryptische Dinge wie: "In Zeiten des Übergangs von nicht aufrecht erhaltbaren zu moderaten Wachstumsraten ist die Wirtschaft offensichtlich einem größeren Risiko " Das wird dann übersetzt mit: "Bald gibt es Zinssenkungen."
Jetzt zu den Aktienmärkten: Der US-Index Dow Jones hat in einem Monat Unsicherheit über den künftigen Präsidenten etwa fünf Prozent verloren. Wenn man nicht weiß, ob der nächste Präsident der Umweltschützer und Gewerkschaftsfreund Gore oder der Ölbaron und Big-Business-Darling Klein-Bush ist, sind fünf Prozent Verlust angemessen. Doch dann macht Greenspan bei den Kommunalbankern ein paar gut verschlüsselte Andeutungen, und innerhalb eines Tages ist der ganze Wer-wird-Präsident-Verlust wieder aufgeholt. Wenn das nicht klarstellt, wer der Herr im Haus ist.
Politiker scheinen die Börse offenbar nur noch auf eine Art beeindrucken zu können, die man als Kamikaze-Methode bezeichnen könnte und die nur einer vollendet beherrschte: Oskar Lafontaine. Die Methode geht so: Erst muss man die Märkte mit einigen wilden und einigen progressiven Ideen verunsichern und dann über Nacht zurücktreten. Lafontaine hat auf diese Weise im März 1999 dem Dax sogar einen Sprung von 5,2 Prozent verschafft. Schaurig die Vorstellung, Greenspan könnte einen ähnlich theatralischen Abgang wählen. Die Börsianer würden wahrscheinlich gar nicht mehr aus den Nervenzusammenbrüchen herauskommen.