Der Markt-Forscher Stinkefinger für Kirch
Es ist ja wirklich nichts dagegen einzuwenden, dass Fußball und Autos die großen Themen sind, die das Land bewegen. Nein, keine Frage, das sind wunderbare und wichtige Themen, heiß diskutiert vom Stammtisch bis zum Kanzleramt. Aber manchmal wünscht man (und frau vielleicht noch mehr), es könnte sich hier zu Lande etwas bewegen, ohne dass dabei ein Ball oder vier Reifen rollen. Zum Beispiel wenn es darum geht, als ein einig Volk von Konsumenten die Muskeln spielen zu lassen.
Diese Muskeln hat der Medien-Moloch Kirch-Sat.1-ProSieben gerade aufs Heftigste zu spüren bekommen. Nach Monaten der Sendeplatz-Keilerei und des wilden Feilschens um Minuten und Ausschnitte hat das Konsumentenvolk ein Machtwort gesprochen. Als hätten sie - mit Verlaub - die Fernbedienung mit dem Effenbergschen Stinkefinger bedient, erteilten die Zuschauer dem neuen "ran"-Konzept eine donnernde Lektion in Sachen Nichtbeachtung. Der Erfolg ist durchschlagend. Ähnlich erfolgreich war zuletzt 1995 der Autofahrer-Boykott von Shell im Zuge der Aktionen gegen die Versenkung der Ölplattform "Brent Spar". Auch wenn sich das später als etwas zweifelhafte Aktion herausgestellt hat - der erste Erfolg war auch hier enorm.
Geht man aber einen Schritt weg von Fernseh-Fußball und Tankstellen, bleibt von Macht und Herrlichkeit der Konsumenten wenig übrig. Die Versuche, mit Hilfe der Verbraucher der Käfighaltung von Legehennen den Garaus zu machen, bleiben seit Jahren immer wieder im Keime stecken. Die Hoffnungen auf eine von den Nachfragern getriebene Wende hin zur Öko-Landwirtschaft haben sich nur wenige Monate nach der BSE-Krise fast völlig zerschlagen: Es wird gegrillt, gebraten und verwurstet, als wäre nichts geschehen. Von einer Verlagerung vom "normalen" hin zum ökologisch produzierten Fleisch kann kaum die Rede sein. Das ist, als hätte "ran" bei seiner zweiten Ausstrahlung um 20.15 Uhr wieder die alten Zuschauerzahlen bekommen: Die Fernseh-Bosse hätten sich ins Fäustchen gelacht, weil der treudoofe Zuschauer sich alles gefallen lässt.
Recht behält wohl doch, wer den Konsumenten als kühlen Egomanen sieht. Denn kaum kostet das Einsetzen der eigenen Konsumentenmacht auch nur ein wenig mehr als einen Druck auf die Fernbedienung oder zehn Meter Umweg zur anderen Tankstelle, dann siegt der Schnäppchenjäger über den mündigen Verbraucher. Für das gleiche Geld gibt es 200 Gramm weniger Schnitzel, wenn man öko kauft? Nee ... dann lieber nicht! Das Waschmittel oder die Jeans sind auf der grünen Wiese ein paar Euro billiger? Hmm, dann lassen wir kleine Läden und Innenstädte doch lieber sterben!
Die Macht der Verbraucher gäbe jedem die Möglichkeit, ein kleiner Reformer im Wirtschaftsleben zu sein. Aber leider gibt es dieses Gefühl nur selten zum Nulltarif. Und leider gibt auch die kostenfreie Machtdemonstration gegen "ran" nur eingeschränkt Anlass zur Hoffnung. Denn Hauptgewinner der Fußball-Verweigerung war nicht das Stadion oder der Biergarten, sondern das "Hochzeitsfest der Volksmusik".