Der Markt-Forscher: Terrorziel Wirtschaftsordnung - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Der Markt-Forscher Terrorziel Wirtschaftsordnung

Der tödliche Terror in den USA war nicht zuletzt auch der Ausdruck von blindem Hass auf das westliche Wirtschaftssystem. Kann man diesem Hass begegnen?
Von Felix Asch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nach den schrecklichen Terrorakten in den USA quält die Menschen unter anderem die Frage nach dem "Warum". Wie konnte es dazu kommen, dass jemand Flugzeuge mit Menschen an Bord in Gebäude voller Menschen fliegt? Eine Antwort darauf muss man schuldig bleiben, denn solcher Hass und solche Brutalität übersteigen jedes Vorstellungsvermögen. Warum jedoch entlud sich der Hass gerade gegen die getroffenen oder beabsichtigten Ziele in New York und Washington? Dazu kann man erste Gedanken fassen.

Pentagon, Weißes Haus und Air Force One sind Symbole der demokratischen Weltmacht USA, ihrer Politik und der gesamten westlichen Staatsordnung. Man wagt es kaum auszusprechen, aber so wie man weiß, dass ein amerikanischer Präsident in jeder Sekunde der Gefahr eines Attentats unterliegt, so ahnte man die stete Gefährdung dieser politischen Symbole.

Aber die Terroristen haben noch vor den politischen Institutionen ein Gebäude ins Visier genommen, das wie kein zweites wirtschaftliche Macht und wirtschaftlichen Erfolg symbolisiert. Denn selbst wenn es Einrichtungen gibt, die mehr tatsächliche ökonomische Macht in sich vereint haben als das World Trade Center, das eigentlich nur ein einfaches Bürogebäude war: Sein Name, seine Größe und seine Bekanntheit haben das Welthandelszentrum in New York zum marktwirtschaftlichen Wahrzeichen der Welt gemacht.

Wer auch immer den Terror zu verantworten hat, welche anderen Motive auch immer dazu führten, das World Trade Center zu einem Ziel der Anschläge zu machen - klar scheint, dass es den Terror-Verbrechern auch darum ging, einen Schlag gegen das Wirtschaftssystem der westlichen Welt zu führen. Um dessen Symbol zu zerstören, vielleicht auch um seine Anfälligkeit zu demonstrieren, töteten sie Tausende.

Es kommt einem zu Bewusstsein, dass unser Wirtschaftssystem, das wir beinahe als eine Naturgegebenheit betrachten, in dem wir uns jeden Tag bewegen, das wir jeden Tag selbst mitgestalten, das Objekt blindwütigen Hasses sein kann. Privateigentum, Freihandel, freie Berufswahl, Profit, Kapitaleinkünfte, weltweite Arbeitsteilung - das sind keine naturgegebenen Selbstverständlichkeiten, sondern bewusst geschaffene Ergebnisse von "westlichen" Wertvorstellungen. Darin ähneln sie Demokratie, Rechtstaatlichkeit oder Gleichberechtigung, die die Prediger des Hasses ebenso ablehnen.

Bei aller Ohnmacht gegenüber den Fanatikern kann das Wirtschaftssystem gleichwohl ein Instrument gegen eine Zuspitzung des Konflikts sein. Durch die Schaffung von breitem Wohlstand und ökonomischer Gerechtigkeit ließe sich vielleicht am ehesten verhindern, dass den Terroristen-Anführern weitere Anhänger zulaufen. Deshalb sollten uns auch die schärfsten Auseinandersetzungen um den richtigen Kurs der Weltwirtschaft und die härtesten Globalisierungsdebatten willkommen sein.

Noch ein Wort zu den letzten Tagen. Gerade vor dem Hintergrund des zerstörten World Trade Center sind diejenigen Gesten nicht zu unterschätzen, die angesichts des Terrors Moral und Menschlichkeit im ökonomischen Handeln durchscheinen lassen. Hervorzuheben sind die Maßnahmen der - in weiten Teilen arabischen - Opec-Länder gegen einen steigenden Ölpreis. Aber auch die fünfminütige Arbeitsunterbrechung gehört dazu, ebenso wie Hilfsangebote zwischen Konkurrenten, wie offenbar zwischen einer Vielzahl von Banken geschehen. Die Aussetzung des Börsenhandels in den USA war eine solche Geste, die Aussetzung in Deutschland wäre es gewesen. Welche Art von Geste es aber darstellt, wenn Unternehmen in Großanzeigen für "Sofortmaßnahmen zur Kapitalsicherung als Reaktion auf die Terroranschläge" werben und diese mit Photos von Geldmanagern in lässiger Pose schmücken - das kann jeder denk- und zu Gefühlen fähige Mensch selbst beurteilen.