Der Markt-Forscher: Tod den fetten Spinnen! - DER SPIEGEL
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Der Markt-Forscher Tod den fetten Spinnen!

Privatisierung ist gut. Bei den Netzen, an denen die Wirtschaft hängt, kann aber das Gegenteil ein Segen sein.
Von Felix Asch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Man kann über Verspätungen bei Zügen klagen, endlose Warteschleifen bei der Telekom bedauern und überhöhte Briefportos zu Recht kritisieren - alles in allem waren die Privatisierungen des vergangenen Jahrzehnts ein Erfolg. Die Bürger als Telefonkunden, Stromverbraucher und Zugfahrer sollten der EU als treibender Kraft dankbar sein. Ein ganzes Volk hat sich "Ihr gehört doch privatisiert" als beliebteste Schimpf-Drohung in Richtung langsamer Einwohnermelde-, Pass- und sonstiger Ämter angewöhnt. Da kommt der Vorschlag, das Netz der Deutschen Bahn dauerhaft in Staatshände zu geben, reichlich ungelegen. Kann die Rolle rückwärts hier wirklich Segen bringen? Und ob!

Einige der wichtigsten Wirtschaftszweige der "alten Wirtschaft" sind auf Netzen aufgebaut - die "New Economy" ohnehin. Für Unternehmen kann es kaum Schöneres geben als wie eine fette Spinne in der Mitte eines Netzes zu sitzen, den Zugang zu kontrollieren und Konkurrenten mit feingesponnen Fäden zu fangen und zu verfrühstücken. Das ist das Schlimmste, was den Netz-Nutzern passieren kann. Sie werden geschröpft, wo es nur geht.

Beim "Netz der Netze", dem Internet, kann dies wegen seiner dezentralen und chaotischen Struktur Gott sei Dank nicht wirklich funktionieren. Die Kontrolle über das Internet zu erreichen gäbe höchstens eine neue Aufgabe für James-Bond-Bösewichte ab. Beim Telefon wurde der Netzbesitzer Telekom mit gesetzlichen Handschellen zur Freigabe für die Konkurrenz gebracht. Strom- und Schienennetz sind im Vergleich dazu noch reichlich geschlossene Veranstaltungen.

Die Stromnetze gehören privatwirtschaftlichen Stromkonzernen und die wurden nur verpflichtet, den Strom anderer Anbieter durchlaufen zu lassen. Zu welchem Preis, das dürfen die Stromkonzerne in so genannten "Verbändevereinbarungen" - das Wort allein schon klingt verdächtig - selbst aushandeln. Viele Stadtwerke machen sich gar nicht erst die Mühe, neue Anbieter über den Preis abzuhalten, sondern weigern sich einfach, ihrer Durchleitungspflicht nachzukommen - wird schon keiner merken. Kein Wunder also, dass kleine Anbieter, die nicht selbst einen Teil des deutschen Netzes und somit eine garantierte Einnahmequelle besitzen, über Benachteiligung klagen. Wenn die Strompreise wieder steigen, liegt dies nicht nur an den wechselfaulen Kunden, sondern auch an der lauen Netzöffnung.

Auch kein Wunder, dass Bahnchef Mehdorn mit aller Macht gegen die Idee wettert, das Schienennetz ganz offiziell in Staatshand zurückzugeben. Private Bahnunternehmen könnten dann mit gleichem Recht die Nutzung der Trassen beanspruchen wie die Bahn AG. Natürlich müsste eine enge Verflechtung von Netz- und Zugbetrieb erhalten bleiben, natürlich könnte der Unterhalt des Netzes den Steuerzahler noch mehr als heute kosten und natürlich haben auch die Befürworter der "Rück-Verstaatlichung" einige Sonderinteressen; aber der Bahn AG die volle Kontrolle über die Schienen zu entziehen ist ein mutiger und intelligenter Vorschlag.

Netze sind die Lebensadern unserer Wirtschaft. Die gehören nicht in die Hände einzelner Unternehmen, sondern entweder in öffentlichen Besitz oder zumindest unter strikte Regulierung. Wenn die Straßen ganz oder teilweise Autokonzernen oder Spediteuren gehörten, hätten wir sicher alle weniger Spaß am Auto fahren. Vielleicht bekommen wir mehr Spaß aufs Zugfahren, wenn zwar die Weichen auf alle Ewigkeit ein grimmiger Bahnbeamter stellt, im Abteil aber ein Schaffner der "Privat-Zug AG" lächelnd die Karten knipst.