Der Markt-Forscher: ... und raus bist du.com - DER SPIEGEL
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Der Markt-Forscher ... und raus bist du.com

Pleiten gehören mittlerweile zum Internet wie "Big Brother" zum Fernsehen. Man kann sogar auf sie wetten.
Von Felix Asch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Siegeszug des Big-Brother-Prinzips scheint unaufhaltsam. Ob bei RTL2 im Container, bei Christoph Schlingensief in Wien oder bei EM-Tippspielen - die Frage "Wer muss als nächster raus?" hat Konjunktur. Jetzt gibt es die definitive New-Economy-Variante dieses Spiels unter der mehr als eindeutigen Internetadresse fuckedcompany.com  zu bewundern. Man tippt seinen persönlichen Pleitefavoriten aus der Welt der dot.coms und erhält Punkte für jede Aktion dieser Firma, die auf baldiges Ende der Startup-Herrlichkeit hinweist wie beispielsweise Entlassungen oder den Rückzug von Investoren. Der Star des Spiels ist zur Zeit ein höchst zwielichtiger Gründer, der unter anderem sechzehn Millionen Mark des ihm zugeflossenen Venture-Kapitals für eine Art Einweihungsparty mit der Sechziger-Jahre-Rockband "The Who" verpulverte.

Die in der letzten Woche blitzartig gestiegene Popularität dieser Webseiten und der Einbruch des Börsenkurses von Amazon.com und anderen Internet-Flaggschiffen hat viele Kommentatoren wieder dazu gebracht, das endgültige Ende des Internet-Booms zu verkünden. Zum x-ten Mal in diesem Jahr. Nicht dass es irgendeine Neuigkeit von Substanz gegeben hätte. Das offene Aussprechen bekannter Tatsachen genügte für ein Erdbeben an der Nasdaq: Amazon hat in den letzten Jahren so viel Finanzierungsspritzen erhalten, wie Umsatz gemacht wurde - wer sein Geld in solche Aktien steckt, müsste das längst wissen. Die Zahl der Online-Firmen, die nicht überleben, steigt - schon 1999 gab es über 600 Übernahmen und Zusammenschlüsse im Internet-Bereich. Wo ist der Grund für die dramatischen Auswirkungen solcher Meldungen zu suchen?

Es ist die unbestreitbare Beschleunigung vieler Prozesse durch das Internet, die auch hier am Werk ist. Ein Internet-Jahr entspricht fünf Erden-Jahren, ein Internet-Boom entspricht fünf Old Economy Booms, und eine Internet-Hysterie entspricht zwanzig "normalen" Wirtschaftshysterien. Man kann es gar nicht oft genug sagen: Alles nimmt seinen schlichten ökonomischen Lauf. Der irrationale Rückenwind flaut ab, die Internet-Blase bekommt immer wieder kleine Nadelstiche, und die Branche nähert sich der aus anderen Bereichen bekannten Quote von 30 Prozent Pleiten im ersten Geschäftsjahr. Mit dem Unterschied, dass ein Internet-Konkurs selten Arbeitslosigkeit produziert, weil die nächste dot.com schon auf Personal wartet.

Also, wer fliegt als nächster aus dem Markt? Ein Hochpreis-Tierfutter-Versand, ein Bierdosensammler-Portal, ein Bleistiftminen-Anbieter mit WAP-Angebot oder doch ein Buchhändler? Wollen wir wetten?