Der Markt-Forscher: Warum die X-Box? - DER SPIEGEL
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Der Markt-Forscher Warum die X-Box?

Windows XP wird sich so sicher verkaufen wie alles aus dem Hause Microsoft. Die Spielekonsole X-Box allerdings macht Beobachter nervös.
Von Felix Asch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was wollen uns Bill Gates & Co. eigentlich mit ihrer neuen Liebe zum Buchstaben X sagen? Das neue Windows heißt XP, die neue Spielkonsole X-Box und der Rummel um die beiden neuen Produkte ist zumindest wieder x-trem groß. Sehen sich die Microsofties angesichts nicht verstummender Kritik an ihren Produkten und Geschäftspraktiken in der Tradition der X-Men, jener Comic-Helden, die als Mutanten den ständigen Anfeindungen einer "normal"-menschlichen Öffentlichkeit ausgesetzt sind? Oder haben sie ihre Wirtschaftslehrbücher zu Rate gezogen, in denen das X für die Ineffizienz von Monopolen steht und sich den Buchstaben selbstkritisch auf die Fahnen geschrieben?

Was auch immer das X in beiden Produkten bedeuten soll - die Ausgangssituation von XP und der X-Box könnte unterschiedlich nicht sein. Ein klarer Fall ist das Betriebssystem XP und das XP-Office-Paket. Beide mit schwindelerregenden Marktanteilen von über 90 Prozent. Beides sichere Sieger, denn ob die neuen Anwendungen nun wirklich Großes leisten und ob die neuen Icons wirklich schöner sind, ist bei 90 Prozent Marktanteil herzlich egal. Wer einen neuen Computer kauft, will kein Betriebssystem von gestern und wer seine Daten nicht nur für sich allein behält, der will mit den anderen neunzig Prozent kompatibel sein und deshalb gilt: Einen Erfolg von XP vorherzusagen erfordert nicht mehr prognostische Fähigkeiten als die Aussage, dass es in Hamburg im November wohl mal regnen wird.

Ganz anders liegt der Fall X-Box. Hier ist Microsoft der Neuling, der Angreifer. Mit Sony (PlayStation) und Nintendo (GameCube) trifft man auf etablierte Gegner, die Microsoft in Sachen Marketing nicht nachstehen. Auch funktioniert der Spielkonsolen-Markt anders als der für Betriebssysteme. Zwar laufen Spielprogramme für die eine Konsole nicht auf der anderen. Die jahrlange Schlacht um die Vorherrschaft zwischen Sony, Nintendo und früher Sega, in der immer wieder ein anderer die Nase vorne hat, zeigt, dass bei Spielkonsolen nicht wie bei Windows & Co. gilt: "The winner takes it all".

Immer auf den Selbstläufer-Effekt gebaut

Sei es, dass es kein so großes Bedürfnis gibt, Spiele untereinander zu tauschen, sei es, dass junge Videospieler sich leichter umstellen als angejahrte PC-Käufer. Besitzer von Spielkonsolen sind jedenfalls bereit, mit einer neuen Geräte-Generation auch mal das System zu wechseln. Weder die Wechselkosten (Umgewöhnung, neue Software) noch der berühmte Netzwerk-Effekt (je mehr andere ein System haben umso besser für mich, das gleiche zu nehmen) sind bei Spielkonsolen so groß wie bei den bisherigen Microsoft-Produkten.

Das macht geschulte Microsoft-Beobachter stutzig. Bisher haben sich Gates und Ballmer nie damit begnügt, nur normaler Wettbewerber zu sein und immer auf den Selbstläufer-Effekt gebaut: Wenn wir erst genügend Leute an Windows, Explorer etc. gewöhnt haben und genügend weitere Software nur mit Windows harmoniert oder nur für Windows billig zu haben ist, dann kommt der Rest fast wie von selbst. Es wäre höchst verwunderlich, wenn man diese bewährte Strategie bei der X-Box wirklich aufgäbe. Gerüchte, die X-Box solle nur ein erster Schritt hin zu einer Musik-Video-Computer-Spielkonsole-Plattform namens HomeStation sein, wollen deshalb nicht verstummen. Nicht nur Sony und Nintendo, sondern die ganze Unterhaltungselektronik-Branche sollte die Entwicklung der X-Box also mit Argusaugen verfolgen.

Vielleicht darf man aber nicht immer gleich das Schlimmste vermuten, selbst wenn es um Microsoft geht. Vielleicht ist alles ganz harmlos. Vielleicht will Bill Gates, Urvater und Held aller so genannten "Nerds", jener harmlosen und leicht kommunikationsgestörten Computer- und Videospielfreaks, gar nicht die Weltherrschaft. Vielleicht wollte er nur endlich mit seiner eigenen Box spielen können und nicht mehr mit irgendeiner X-beliebigen.

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