Der Markt-Forscher Was macht eigentlich Steve Case?
Manche Gurus brauchen nur wenige Worte, um ihre Zuhörer zu verzücken. Steve Case, geboren in Honolulu (Hawaii), hatte bisher dieses seltene Vorrecht. Jedes seiner Worte hallte als Leitmotiv erfolgreichen, visionären Managements durch die ehrfurchtstarre Wirtschaftswelt.
Er hat auch einiges geschafft. Nachdem er bei Procter & Gamble und Pizza Hut für Furore gesorgt hatte, gründete er 1985 AOL und holte im Januar 2000 zum finalen Schlag aus, um als Wirtschaftsmanager unsterblich zu werden: Die 110-Milliarden-Dollar-Fusion mit Time Warner. Mit 41 war er der Übervater des Internet-Booms und wählte den besten aller möglichen Wege, um dem Platzen der Blase zu entkommen: Er zog sich aus dem operativen Geschäft vollständig zurück und sprach fortan nur noch über langfristige Strategien.
Die Handarbeit, aus einem traditionsreichen Medienkonzern und einem überbewerteten Online-Anbieter ein schlagkräftiges Unternehmen zu machen, überließ Case dem Fußvolk. Und da gab es - wie zu erwarten - Hauen und Stechen. Erstes Opfer war der alte Time-Warner-Chef Gerald Levin, der Medienberichten zufolge von seinem Großaktionär Ted Turner persönlich für den Verfall des Börsenwertes verantwortlich gemacht wurde. Seit der Fusion fiel der Kurs um 70 Prozent auf rund 12.45 Dollar, was sich bei Turners 148,3 Millionen Aktien zu einem Verlust von rund vier Milliarden Dollar auswächst.
Das Denkmal Case wurde durch diese Personalie noch nicht beschädigt. Er hatte ja noch seinen Stammhalter Bob Pittman, der weiter die hochfliegenden Gewinnerwartungen verteidigte und allen, die es noch hören wollten, die Geschichte von den unendlichen Möglichkeiten einer Traumhochzeit zwischen Online und Inhalten erzählte.
Doch Pittman war auf verlorenem Posten. Um ihn herum waren nur noch Time-Warner-Manager: CEO Richard Parsons, Time-Chef Don Logan und der Chef des Kabelnetzbetreibers Home Box Office, Jeff Bewkes. Pittman, der nun nicht mehr über große Möglichkeiten reden konnte, sondern Ergebnisse bringen musste, ging unter. Steve Case sah zu.
Die Integration von AOL und der riesigen Time-Verlagsgruppe mit ihren mehr als 140 Titeln, sowie der gewaltigen Kabelfernseh-, Filmstudio- und Musik-Sparten von Time Warner erwies sich als fast unmöglich und Pittman bekam seine letzte Rolle im Konzern: die des Sündenbocks. "Pittman trägt die Verantwortung dafür, dass von Strategie nur geredet wurde und diese nicht umgesetzt wurde", kommentierte beispielsweise Adam Klein von Booz Allen Hamilton den Rauswurf.
Und Case? Der blieb schön im warmen Hinterzimmer. "Ich bin der Chairman, nicht der CEO", sagte er der "New York Times" nach Pittmans Abgang. "Ich bin in den letzten sechs Monaten aktiver geworden und habe vielen Leuten Vorschläge gemacht, wie man AOL wiederbeleben könnte". Konkreter will er aber nicht werden, er ist ja nur der Berater oder, schöner noch, der "Resonanzboden" (Case über Case) für CEO Dick Parsons. Eine Lösung für die operativen Probleme bei AOL - wegbrechende Werbeeinnahmen und zunehmende Konkurrenz von Breitband-Anbietern - hat auch er nicht parat, warum auch? Fast schon spöttisch klingt seine Analyse: "Wir haben bisher noch keinen Breitbanddienst geschaffen, ohne den die Leute nicht leben können".
Eigentlich sollte Steve Case nicht ganz so cool sein angesichts des Verfalls seines Unternehmens. Immerhin hat er 11,4 Millionen Time-Warner-Aktien und ist damit zweitgrößter Aktionär des Konzerns. Aber vielleicht reichen im ja die knapp 142 Millionen Dollar, die sein Aktienpaket momentan Wert wäre.