Der Marktforscher: Wal-Mart wird gewinnen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Der Marktforscher Wal-Mart wird gewinnen

Die deutschen Handelsriesen reagieren wie das Kaninchen vor der Schlange, wenn Wal-Mart ihnen den Kampf ansagt. Sie haben allen Grund dazu.
Von Felix Asch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Angenommen, die Stadtwerke einer deutschen Stadt senken ihre Strompreise oder ein koreanischer Autohersteller in Deutschland die Neuwagenpreise: Könnte dadurch die ganze Branche in Aufruhr geraten, der Verlust tausender Arbeitsplätze heraufbeschworen und die Titelseiten der Boulevard-Presse erobert werden? Natürlich nicht. Doch genau diese Reaktion hat Wal-Mart mit seiner frischen Preissenkungsrunde ausgelöst, obwohl das Unternehmen mit weniger als drei Prozent Marktanteil im deutschen Markt - noch - ein Zwerg ist. Was ist es, das Wal-Mart so anders macht als andere, denen es mit drei Prozent Marktanteil niemals gelingen würde, Angst und Schrecken zu verbreiten?

Wal-Mart ist zunächst ein globaler Gigant mit einer viertel Billion Mark Umsatz weltweit, hat eine prall gefüllte Kriegskasse und ist der größte private Arbeitgeber der USA. Die reine Größe aber kann es nicht sein, denn Umsatz in den USA übersetzt sich im Einzelhandel nur schwer in Vorteile auf dem deutschen Markt.

Es ist die Art und Weise, wie Wal-Mart in den achtziger Jahren von der regionalen Kette zum Dominator der American Way of Shopping geworden ist, die Aldi, Metro und Rewe berechtigterweise zittern lässt. Es ist das perfekte System Wal-Mart, das den Aufruhr rechtfertigt.

Wal-Marts Logistik-Fähigkeiten suchen ihresgleichen: Ein eigenes satellitengestütztes Datennetz, das Scannerkasse, Lager und Hauptquartier nahtlos verknüpft. Ein ausgefeiltes Be- und Verladesystem, das die Paletten von Gemüsedosen schneller umschlägt als jeder Konkurrent. Regelmäßige Videokonferenzen aller US-Marktleiter zum Erfahrungsaustausch. Die Erfindung der so genannten Dauertiefpreise, wodurch teure Sonderaktionen entfallen können. Dieses ganze System hat die Kosten so gesenkt, dass manche von Wal-Marts Preisen für Konkurrenten nicht mehr nachvollziehbar sind. Diese Fähigkeiten und die fast fanatische Fokussierung auf den Kundennutzen haben schon die großen amerikanischen Kontrahenten auf die Plätze verwiesen.

Das System Wal-Mart wird in einem Jahr auch in den deutschen Supermärkten der US-Kette voll etabliert sein und beste Preise bieten, ohne das Angebot auf ein paar Paletten-Reihen zu beschränken und ohne den Kassiererinnen Weltrekorde im Eintippen abzuverlangen.

Zum Vorbild taugt Wal-Mart jedoch nicht in jeder Hinsicht: Härteste Auseinandersetzungen mit den Gewerkschaften, Bürgerinitiativen gegen neue Wal-Mart-Hypermärkte auf der grünen Wiese und die berühmten Morgenappelle der Angestellten mit gemeinsamem Sprechchor bleiben dem deutschen Markt hoffentlich weiterhin erspart.

Doch ihre Lamentos sollten sich die deutschen Supermarkt-Betreiber lieber sparen. Drei Viertel des Marktes sind in den Händen der fünf größten Unternehmen. Die Branche leidet nicht unter zu viel Wettbewerb, die Branche leidet unter der weitgehenden Einfallslosigkeit des Wettbewerbs, der schon seit langer Zeit nur aus immer neuen Preisrunden besteht, wie es jüngst Metro-Chef Hans-Joachim Körber auf den Punkt gebracht hat. In diesem Karpfenteich kommt der Hecht Wal-Mart gerade recht.