Der Marktforscher: Zeitbombe oder Schnäppchen - das Optionsroulette - DER SPIEGEL
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Der Marktforscher Zeitbombe oder Schnäppchen - das Optionsroulette

Egal ob die Kurse fallen oder steigen. Die Optionsprogramme der Technologiefirmen sorgen immer für knisternde Spannung.
Von Felix Asch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Schnäppchen gemacht", heißt es, wenn man irgendetwas für die Hälfte des Preises bekommt, den man regulär zahlen müsste. Und wie heißt es, wenn man etwas zum Doppelten des normalen Marktpreises kauft: Boutique? Mieses Geschäft? Verspekuliert? Letzteres trifft im Falle Dell, des weltgrößten PC-Herstellers, den Nagel auf den Kopf. Die Computerfirma hat in Zeiten boomender Aktienkurse Optionsscheine (Puts) ausgegeben, die sie verpflichten, eigene Aktien dereinst zu Preisen um 44 Dollar zurückzukaufen, wenn der Optionsbesitzer es wünscht. Nie würde der eigene Kurs unter diese Marke fallen, hatte man bei Dell offenbar gedacht.

Doch dann bekam der Boom-Markt kalte Füße und nannte sich fortan Bärenmarkt. Die Dell-Aktie bekam einen Hieb mit der Bärentatze, rutschte auf 17 Dollar und liegt heute bei etwa 25. Die Glücklichen, deren Optionen fällig werden, wenden sich angesichts solcher Preise vertrauensvoll an Dell. Dell bleibt nichts anderes übrig, als ins Portemonnaie zu greifen und 44 Dollar oder mehr zu zahlen. Schnäppchen für Optionsbesitzer - mieses Geschäft für Dell. Besonders unschön: 96 Millionen solcher Put-Optionen warten noch darauf, eingelöst zu werden.

Für andere Optionsjongleure wirkte der Börsencrash jedoch wie ein Entschärfungstrupp für bilanzielle Sprengsätze. Denn mit nichts konnte man Mitarbeiter so schön in die Firma locken wie mit Optionen, diesmal so genannten Calls. Statt mehr Cash bekommt der Mitarbeiter das Recht, in einigen Jahren Aktien der Firma zu kaufen, zum Ausgabepreis oder zum Preis, den sie bei Arbeitsbeginn hatten. Dient man brav dem Shareholder-Value und steigt der Kurs, dann bekommt man billige Aktien und kann sie teuer verkaufen. Schnäppchen!

Für die Unternehmen sind solche Optionsprogramme eine feine Möglichkeit, Personalkosten in die Zukunft zu verlagern, ohne dass der Aktionär etwas davon merkt. Denn erst wenn die Mitarbeiter ihre Optionen einlösen wollen, fallen die Kosten an und nicht schon heute. Dieses "Heute kaufen - später zahlen" hat beste Zeitzünder-Qualität, besonders weil man solche zukünftigen Personalkosten nach amerikanischem Bilanzrecht weit hinten in Bilanzen und Berichten verstecken darf, wo kein Kleinanleger und kaum ein Analyst hinschaut.

Wirtschaftsforscher an der Uni Konstanz haben errechnet, dass viele Unternehmen an der Nasdaq schon 1999 tief in die Verlustzone gerutscht wären, wenn sie hinsichtlich ihrer Optionsprogramme mit offenen Karten gespielt hätten. Stattdessen nutzten sie die Freiheiten des Bilanzrechts und versteckten ihre echten Personalkosten. Yahoo! konnte auf diese Weise 60 Millionen Dollar Gewinn ausweisen, wo 250 Millionen Dollar Verlust hätten stehen sollen.

Der Kurssturz hat die Lage jetzt etwas entschärft, denn viele Optionen sind auf die Mondpreise von vor zwei Jahren ausgerichtet und zur Zeit wertlos. Wer allerdings wie T-Online damit reagiert, dass er - angeblich aus Motivationsgründen - den Preis senkt, zu dem die Optionen ausgeübt werden können, der legt neue Sprengsätze, wo die alten gerade entschärft sind. Steigen die Kurse, bekommen die Firmen mit vielen Mitarbeiteroptionen kalte Füße, fallen sie, bekommt Dell weiche Knie. Man kann über Optionen also sagen, was man will: Spannend sind sie in jedem Fall.