Der Musterbanker - DER SPIEGEL
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MANAGER Der Musterbanker

Während andere noch zögern, holt sich die Commerzbank Eigenkapital vom Staat: Vorstandschef Martin Blessing nutzte die Gunst der Stunde - und handelte gute Konditionen aus.
• aus DER SPIEGEL 46/2008
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Mann redet schnell, aber offenbar nicht so schnell, wie er eigentlich will. Denn wenn es ihm zu lange dauert, die Sätze zu Ende zu sprechen, dann fasst er sie kurzerhand zusammen: »radadat«.

»Radadat« - das klingt seltsam in dieser Umgebung, im 48. Stock des Commerzbank-Turms, hoch über Frankfurt am Main, das von hier oben wie eine Spielzeugstadt aussieht.

Banker reden nicht so. Martin Blessing schon. Aber der Chef der Commerzbank wirkt auch sonst anders als seine Kollegen, jünger sowieso mit seinen 45 Jahren, aber auch hemdsärmelig. Und vor allem schnoddriger.

Blessing, erst seit sechs Monaten im Amt, gilt als »der neue Star unter Deutschlands Bankern« ("Die Zeit"). Er übernimmt mitten in der schlimmsten Finanzkrise seit fast hundert Jahren den Konkurrenten Dresdner Bank und schließt damit zum übermächtigen Branchenprimus Deutsche Bank auf. Und er scheut - und schämt - sich nicht, als erster Chef einer Privatbank Eigenkapital vom Staat zu nehmen.

Das Geld der Steuerzahler hilft ihm und seinem Institut - paradoxerweise aber auch dem Staat, denn das Rettungspaket der Regierung für die Bankenbranche drohte zum Ladenhüter zu werden.

Die Commerzbank brauchte das Geld. Die Regierung brauchte den Erfolg.

Spätestens jetzt ist Blessing der neue Lieblingsbanker der Regierung. Ihr Musterknabe. Bis vor kurzem hatte diese Position noch Josef Ackermann, 60, inne. Der Schweizer an der Spitze der Deutschen Bank pflegte enge Beziehungen zu Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Ackermann gilt als der Mann hinter dem 480-Milliarden-Rettungsprogramm der Regierung, er hatte schon in den nächtlichen Krisensitzungen zur Rettung der Hypothekenbank Hypo Real Estate auf einen staatlichen Schutzschirm für die Branche gedrängt. Als der dann tatsächlich aufgespannt wurde, schloss Ackermann für die Deutsche Bank aus, Geld vom Staat zu nehmen. Die Regierung reagierte empört.

Blessing nutzte die Gunst der Stunde. Er gehörte schon der Arbeitsgruppe an, die das Rettungspaket ausarbeitete, neben Allianz-Finanzchef Paul Achleitner, Bundesbankpräsident Axel Weber und diversen Staatssekretären der Regierung. Wer darin welche Rolle gespielt hat, ist streng vertraulich - so vertraulich, dass Blessing nicht einmal bestätigen mag, dass es die Gruppe überhaupt gegeben hat.

Von Anfang an machte er klar, dass die Commerzbank an dem Geld aus der Staatskasse Interesse hatte. Denn die Kernkapitalquote der Bank ist mit 7,3 Prozent niedrig, sie würde nach der geplanten Übernahme der Dresdner weiter sinken.

Mit der Übernahme des Konkurrenten, derzeit im Besitz der Allianz, wollte Blessing die Commerzbank zur führenden Bank in Deutschland für Privat- und Mittelstandskunden machen, zur eigentlichen deutschen Bank. Ende August verkündete er den Deal - im festen Glauben, die Banken hätten das Schlimmste hinter sich. Er war sich sicher: »Wir sind im unteren Bereich des Zyklus« (SPIEGEL 37/2008).

Blessing irrte sich. Nur zwei Wochen später brach die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers zusammen. Seitdem wird die Bankengeschichte eingeteilt in die Zeit vor und die nach Lehman.

Vor Lehman mussten die Banken Milliarden abschreiben, weil sie zu leichtfertig Geld verliehen hatten oder zu sorglos mit neuen Finanzinstrumenten spekuliert hatten. Dass solche Praktiken das ganze Finanzsystem verseucht hatten, wollten viele nicht wahrhaben - auch Blessing nicht: Seine Bank hatte ja einigermaßen solide gewirtschaftet und stand relativ gut da.

Nach Lehman sah das ganz anders aus. Die Pleite riss andere Institute mit und machte deutlich, wie vernetzt - und damit gefährdet - alle Banken waren. Misstrauen machte sich breit, die Banken liehen sich untereinander kein Geld mehr, aus Angst, der Gegenpart könnte pleitegehen. Der Geldmarkt trocknete aus, das Bankensystem drohte zu kollabieren.

Und heute? Niemand weiß, ob das Schlimmste bereits überstanden ist, wie viele Risiken noch immer in den Bilanzen schlummern und was noch abgeschrieben werden muss, wenn die Finanzkrise die reale Wirtschaft mit nach unten reißt und weitere Blasen platzen: die amerikanischen Konsumenten- und Autokredite beispielsweise oder die schuldenfinanzierten Unternehmensübernahmen.

Weltweit stellen die Regierungen Billionen bereit, um die Geldgeschäfte der Banken zu garantieren und sie mit Eigenkapital auszustatten. Nicht überall müssen sie die Hilfe in Anspruch nehmen, eine Zwangsbeglückung wie in den USA gibt es in Deutschland nicht. Hier ist die Hilfe freiwillig - und mit strengen Auflagen verbunden. Zumindest theoretisch, denn fast alles war bislang reichlich unbestimmt: Das Finanzmarktstabilisierungsgesetz und die dazugehörigen Verordnungen mussten erst noch mit Leben gefüllt werden.

In der ersten Verhandlungsrunde am Freitag vor einer Woche in der Frankfurter Betonburg der Bundesbank ging es Blessing vor allem darum zu eruieren, welche Punkte den Treuhändern des Staats wirklich wichtig sind. Ihm saß der Leitungskreis des Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (Soffin) mit seinem Chef Günther Merl, ehemals Vorstandschef der Landesbank Hessen-Thüringen, gegenüber. Über allem wachte der Berliner Lenkungsausschuss, darunter das CDU-Urgestein Kurt Biedenkopf, einst Sachsens Ministerpräsident, und drei Staatssekretäre der Bundesregierung.

Die teilweise aus dem Ruhestand zurückgeholten Herren hatten offenbar keine wirklich präzisen Vorstellungen, nach welchen Regeln sie das Staatsgeld an bedürftige Banken verteilen sollten, und nutzten den Fall der Commerzbank zur eigenen Meinungsbildung.

Viele Fragen mussten innerhalb eines Wochenendes geklärt werden. Denn Blessing wollte auf jeden Fall am Montag seinen Aktionären eine Lösung präsentieren. Wie viel Risiko wollte der Staat mit seinen Bankbeteiligungen eingehen? War eine feste Verzinsung besser, oder sollte auf einen späteren Aufschwung der Bankaktien gesetzt werden? Wie sollte der Staat die Banker kontrollieren?

Immer wieder mussten Investmentbanker, die die Regierung berieten, erklären, wie marktgerechte Preise für die staatlichen Garantien und das eingesetzte Kapital funktionieren könnten. Die Bankaufseher der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht hielten Vorträge, wie sich diese oder jene Kapitalhilfe auf das Kernkapital der Bank auswirken würde. Etwa 30 Anwälte, Berater und Beamte beugten sich über die Zwischenergebnisse und verwarfen sie wieder.

Blessing benötigte keine Investmentbanker, um die Interessen seines Instituts zu wahren. In Frankfurt gibt es Leute, die behaupten, dass er seine besten Ratschläge zu Hause am Küchentisch erhalte. Schließlich ist seine Frau Dorothee Blessing eine hochdekorierte Kapitalmarktspezialistin beim deutschen Ableger der US-Bank Goldman Sachs.

Das Verhandlungsergebnis kann sich jedenfalls sehen lassen. Blessing bekam viel bitter benötigtes Kapital, um die globale Finanzkrise auszusitzen. Die Zugeständnisse an die staatlichen Kontrolleure halten sich in Grenzen. Schnell stellte sich heraus, dass die Vertreter gar kein Interesse an einer engen Kontrolle der Kreditinstitute haben. Die Regierung strebte in den Verhandlungen nie einen Sitz im Aufsichtsrat der Bank an. Das gilt seit der Fast-Pleite der IKB, die auch Staatsvertreter im Aufsichtsrat nicht verhindern konnten, als möglicher Karrierekiller.

Auch die sonstigen Auflagen halten sich in Grenzen. Die Commerzbank muss nachweisen, dass sie eine nachhaltige und tragfähige Geschäftspolitik betreibt, keine übermäßigen Risiken eingeht und den Mittelstand mit Krediten versorgt. Letzteres ist möglicherweise ein Widerspruch in sich: Wenn eine Rezession ins Haus steht, ist nichts gefährlicher für eine Bank als eine laxe Kreditpolitik.

Immerhin kann der Soffin die Bank zwingen, sich aus bestimmten Geschäften zurückzuziehen. Aber auch hier scheint weitgehende Übereinstimmung zwischen den Kontrolleuren und Blessing zu bestehen. Aus wesentlichen Teilen des Investmentbankings hat sich die Bank schon seit 2004 peu à peu verabschiedet.

Vor allem aber gibt sich der Staat mit einer stillen Einlage zufrieden. Eigentlich hatte das Gesetz bei Aktiengesellschaften Vorzugs- oder Stammaktien als Gegenleistung dafür vorgesehen, dass der Staat seine Kapitalhilfen gewährt. Die Aktien müssen dem Soffin übertragen werden. Doch das erwies sich bei der Commerzbank als schwierig. Denn die hat 164 Millionen eigene Aktien für die Allianz reserviert, als Teil des Kaufpreises für die Dresdner Bank.

Also brachte Blessing die stille Einlage ins Spiel. Nun wird dank des Präzedenzfalls Commerzbank aller Wahrscheinlichkeit nach die stille Einlage zum Mittel der Wahl auch für die anderen Banken.

Nur die Brüsseler EU-Kommission könnte Blessings Verhandlungserfolg noch gefährden. EU-Kommissarin Neelie Kroes fordert zehn Prozent Mindestverzinsung für die Staatseinlagen. Die Commerzbank zahlt für die erste Hälfte der Staatsmilliarden nur 8,5 Prozent Zinsen, für die zweite Hälfte gar nur 5,5 Prozent.

Blessing hält das für ein Kommunikationsproblem. Wenn alles gut läuft, bekommt der Staat neben den Zinsen auch Dividenden und kann zumindest für eine Hälfte seines Kapitals eine Rückzahlung von 145 Prozent erwarten. Bei einer guten Kursentwicklung kann die Rendite des Staates so auf über zehn Prozent steigen.

Und wenn es nicht so gut läuft? Wenn die Commerzbank durch die Zinszahlung in die Verlustzone geriete, bekäme der Staat gar keine Verzinsung, aber - anders als bei Aktien - wenigstens seinen Einsatz zurück.

Auch Blessing musste ein Opfer bringen. Sein Gehalt wird auf 500 000 Euro begrenzt. Er vermittelt nicht den Eindruck, dass ihn das besonders schmerzt.

Aber zum Familieneinkommen hat er auch bisher schon den kleineren Teil beigetragen. ARMIN MAHLER, CHRISTOPH PAULY

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