»Der Nimbus des Goldes verblaßt«
Wenn es ums Gold ging, waren Bankiers um rühmende Worte nie verlegen. Das gelbe Metall sei wertbeständig, so hieß ihr Lehrsatz, biete Schutz in Zeiten der Not und der Inflation. Viele Anleger glaubten daran: Sie legten sich kleine Barren und Münzen in den Safe, kauften teuren Schmuck und Goldzertifikate - sicher ist sicher.
Doch die letzte Reserve war offenbar nicht die beste Empfehlung. Der Schatz im Panzerschrank schmilzt zusammen. Seit Monaten fällt der Goldpreis - nun reden auch die Banker anders.
»Der Nimbus des Goldes verblaßt«, meinen die Edelmetallhändler der Commerzbank. Anders als früher, erkannten die Fachleute der Westdeutschen Landesbank Girozentrale, werde Gold »heute vorwiegend nicht mehr als Inflations- und Krisenschutz erworben«.
Das blinde Vertrauen in das Edelmetall ist dahin. Die Einsicht, daß die wirklichen Krisen der modernen Gesellschaft mit Krügerrand und Maple Leaf nicht zu lösen sind, mag dazu beigetragen haben. Hinzu kommt, daß jüngere Anleger ganz anders mit ihrem Geld umgehen als frühere Generationen.
Hochverzinsliche Fremdwährungsanleihen beispielsweise reizen heute mehr als der wenig rentierliche Golderwerb. »Es gibt eine neue Klasse von Investoren«, sagt Fritz Plass, Leiter des Edelmetallhandels bei der Deutschen Bank. Die sei weniger daran interessiert, Gold als dauerhafte Anlage zu besitzen; sie möchte lieber schnell den Gewinn aus einem kleinen Kursanstieg ihrer Wertpapiere mitnehmen.
Gold hat über Jahrtausende die Menschen fasziniert.
Es war immer ein Wert an sich, Symbol des Reichtums und der Macht. Für Gold war fast alles zu haben, und lange Zeit konnten sich Nationalökonomen eine Währung ohne Golddeckung nicht vorstellen.
In Krisenzeiten zeigte sich stets der starke Glaube an die Kraft des Goldes - dann war es begehrter denn je, der Preis stieg. Doch das ist vorbei: Die Börse mag zusammenbrechen, der Dollar sacken, ein Krieg im Nahen Osten drohen - es gibt keinen Run auf Gold, der Preis schnellt nicht nach oben.
Mitte Dezember 1987 lag er bei 503 Dollar pro Feinunze; es war der höchste Stand seit fast fünf Jahren. Seitdem sackt der Preis immer weiter ab. Vergangene Woche kostete Gold nur noch gut 390 Dollar.
Es wird wohl kaum besser werden. Pessimisten erwarten, daß der Preis auf 300 Dollar rutschen könnte. So wird Gold, das gegen Krisen sichern sollte, selbst zum Krisenmetall. Es gibt zuviel davon, weltweit wird immer mehr Gold geschürft, das Angebot übertrifft die Nachfrage.
Im vergangenen Jahr betrug der Angebotsüberschuß nach Expertenschätzung 336 Tonnen. Schon 1987 - im bislang letzten statistisch vollständig erfaßten Jahr - gab es 144 Tonnen überschüssiges Gold. Auf dem Markt waren 2008 Tonnen, 303 Tonnen kamen allein aus der Sowjet-Union und anderen kommunistischen Staaten. So viel wurde weltweit nicht gebraucht.
Und immer mehr kommt hinzu. Neue Funde in den USA, in Kanada und Australien, aber auch in Entwicklungsländern wie Brasilien, Papua-Neuguinea oder ZaIre haben den Goldmarkt gründlich durcheinandergebracht.
In den Vereinigten Staaten stieg die Förderung seit 1980 von 30,5 Tonnen auf 155 Tonnen. Allein von 1985 bis 1987 verdoppelte sich die Menge des zutage geförderten gelben Metalls.
Das Wichtigste dabei sind die geringen Förderkosten. Das Gold wird oft aus offener Erde gescharrt. Ähnliches gilt für viele neue Funde von Australien über Papua-Neuginea bis nach Brasilien.
Um die 200 Dollar kostet es in den Tagebau-Minen dieser Länder, eine Unze (31,1 Gramm) Gold zu gewinnen. Das ist wenig, verglichen mit den über 300 Dollar, die von den Südafrikanern aufgewandt werden müssen, um in den bis zu fast 4000 Meter tiefen Bergwerken die gleiche Menge Edelmetall nach oben zu holen.
Die hohen Kosten machten die Südafrikaner inzwischen zu den großen Verlierern am Weltmarkt. 1970 kamen noch fast 80 Prozent des Goldes der nichtkommunistischen Welt aus den Bergwerken im Süden des Schwarzen Kontinents. Zu Beginn dieser Dekade waren es noch 70 Prozent, heute sind es nur noch gut 40.
Die Sowjets drängen ebenfalls ständig mit Gold auf westliche Märkte. Sie sind per Computer von Moskau aus an den Goldmärkten in Zürich und London, New York und Tokio kräftig mit dabei. Die Moscow Narodny Bank, eine in London ansässige sowjetische Handelsbank, trat sogar der Vereinigung der Goldhändler in der britischen Hauptstadt bei - einem erlesenen Zirkel, der zweimal täglich beim Fixing den Preis am führenden Goldmarkt der Welt ermittelt.
Während immer mehr des einst so begehrten Edelmetalls gefunden und angeboten wird, nimmt gleichzeitig die Verarbeitung immer weiter ab. Das gilt sowohl für die industrielle Nutzung als auch für die Verwendung im privaten Bereich.
In der Elektronik-Industrie beispielsweise, die Gold wegen seiner hohen Leitfähigkeit und Korrosionsbeständigkeit als Material besonders schätzt, wird der Rohstoff durch Recycling mehrfach genutzt. Vielfach kann er durch neue Stoffe ersetzt werden.
In der Zahnmedizin ging die Verwendung des Edelmetalls in diesem Jahrzehnt um ein Viertel zurück. So wenig wie jetzt (unter 50 Tonnen jährlich) ist Gold noch nie für die Reparatur der Zähne genutzt worden. Neue Materialien und bessere Zahnvorsorge führten zu dem Rückgang. Selbst die Schmuckbranche, mit einem Anteil von über 70 Prozent an der industriellen Verarbeitung der entscheidende Antrieb für den Goldabsatz, sorgt nur für geringfügige Zuwachsraten.
Es wäre um den weltweiten Goldabsatz noch schlechter bestellt gewesen, hätte nicht im vergangenen Jahr Taiwan in nur elf Monaten 334 Tonnen Gold gekauft. Die Taiwanesen verringerten damit optisch ihre Rekordüberschüsse in der Handelsbilanz, die seit längerem den Unwillen der USA erregen.
Weder Großeinkäufer wie Taiwan noch Massenlieferanten wie Südafrika allerdings bestimmen bei der glänzenden Ware den Preis. Das machen zunehmend Händler, die keine einzige Unze des gehandelten Metalls tatsächlich in Händen haben.
An den großen Warenbörsen der Welt, etwa der New Yorker Comex, wird Gold, das nur auf dem Papier vorhanden ist, per Termin gekauft und verkauft. Auf diesem Wege wurden beispielsweise 1987 Kontrakte über 474 Milliarden Dollar (25 Prozent mehr als im Vorjahr) abgeschlossen. Das entsprach 33 000 Tonnen Gold - also dem 16fachen des gesamten westlichen Goldangebots und der sowjetischen Lieferungen in dem Jahr.