UNTERNEHMER Der Wanderprediger
Wenn Götz Werner diesen Artikel schreiben müsste, würde er vielleicht so anfangen: »Wer das Neue nicht denken kann, der kann es auch nicht gestalten. Das ist so wie bei einem Hausbau: Wenn Sie das Haus noch nicht denken können, dann können Sie auch nicht wissen, wo die Badewanne hinkommt.«
So begann Werner Mitte Dezember in Berlin einen Vortrag über das bedingungslose Grundeinkommen. Und so ähnlich klang eigentlich fast jede seiner Reden in den letzten Wochen und Monaten. Weil zu seinen Auftritten aber immer mehr Menschen kommen, die das Neue nicht sofort kapieren, legt Werner meist noch seine etwas angestaubte Lieblingsphrase nach: »Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann« - und bei Werners Ideen ankommt.
Götz Werner, 62, Inhaber der dm-Drogeriemärkte, will eine Rezeptur gefunden haben, die den Kollaps der Erwerbsgesellschaft verhindert: die Abschaffung aller Steuern - bis auf die Mehrwertsteuer, die dafür auf 50 Prozent steigen soll. Der Staat soll ausschließlich vom Konsum seiner Bürger leben. Vom Steuererlös wird jedem Bürger ein Grundeinkommen finanziert, das ihm ein würdiges Leben sichert, ihn vom »manischen Schauen auf Arbeit« befreit und seine Kreativität wachkitzelt.
Viel teurer werde nichts, da die Unternehmen ja keine Steuern zahlen müssten und durch das angerechnete Grundeinkommen die Löhne sänken. Billigimporten würde durch entsprechende Zölle der Boden entzogen. So weit die Theorie.
Nachdem das Wirtschaftsmagazin »Brand eins« Werner interviewt hatte, ließ der »Stern« vor einiger Zeit noch ein Verhör ("Sie sind verrückt!") folgen. Die Redaktion wurde von über 3000 Leserbriefen geflutet. Die meisten feierten Werner als Revolutionär. »Die Leute haben plötzlich wieder Hoffnung«, sagt Werner, der Wundertäter.
Dem gelernten Drogisten, der zwar kein Abitur, aber inzwischen eine Professur für »Entrepreneurship« an der Universität Karlsruhe hat, ist es offenbar gelungen, eine Schneise durch ein erstarrtes Land zu schlagen. Ein Land, das vor dem Fetisch Arbeit kniet und gleichzeitig ahnt, dass »Vollbeschäftigung eine Lüge ist«, so Werner.
»Werner ist Pop«, befand die »taz«, bei der das Thema Grundeinkommen seit Wochen im Politikteil köchelt. Vorvergangene Woche in Bochum reichte nicht einmal das Schauspielhaus für 750 Zuschauer aus. Werners Vortrag musste per Konferenzschaltung in einen Nebenraum übertragen werden. In Hamburg kamen über 2000 Menschen ins Kongresszentrum. Auch zwischen den sonntäglichen Apokalyptikern bei Sabine Christiansen durfte Werner bereits Platz nehmen und ein wenig Hoffnung verbreiten. Sein neues Buch bei Kiepenheuer und Witsch wird eine Startauflage von 30 000 Exemplaren haben.
Genau genommen ist das Thema nicht völlig neu: Schon unter Perikles griffen die Athener ärmeren Bürgern unter die Arme. In der jüngeren Zeit rechneten immerhin drei Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften - darunter Milton Friedman - ihren Kritikern vor, wie eine derartige Stütze finanziert werden könne. Wer unter
einer bestimmten Einkommensschwelle bleibt, erhält eine Art Sozialdividende - meist zwischen 600 und 800 Euro.
Niemand hat bislang allerdings so viel draufgelegt wie Werner: Je nach Interview sollen 1200 bis 1500 Euro drin sein - für jeden. Vielleicht sind auch deswegen seine Veranstaltungen vor den Festtagen so voll.
Bis zu 1,4 Billionen Euro würde Werners Vorschlag pro Jahr kosten. Den Vorwurf, dies sei nicht finanzierbar, könnte Werner leicht kontern: Das jetzige System ist es seit Jahren nicht mehr.
Den Ärmeren würde allerdings nach Miete, Krankenversicherung und den hoch besteuerten monatlichen Einkäufen im Discounter nicht viel übrigbleiben. Das läge in dem Bereich, »den heute ein Hartz-IV-Empfänger zur Verfügung hat«, gibt Werner zu. Gewonnen wäre lediglich die Freiheit, auf einen Job zu verzichten. Keiner würde mehr von der Arbeitsbürokratie »kujoniert« werden. Viel mehr als vor der Glotze hängen wäre trotzdem nicht drin - das stetige Unglück hieße bloß nicht mehr »Hartz IV«.
Hält ihm jemand vor, dass er ein Paradies für Unternehmer schaffe, sagt Werner: »Gott sei Dank.« Zwar müsste er sich einiges einfallen lassen, wie er noch Abpacker und Kassiererinnen für seine Märkte gewinnen will, aber im Zweifel müsste er auf deren Grundeinkommen nur ein wenig drauflegen. Vermögen würde nicht besteuert. Soziale Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen und Krankenversorgung könnten schleunigst privatisiert, dadurch aber auch erheblich teurer werden.
Christoph Nitsch hat schon vor Ende des Bochumer Vortrags das Schauspielhaus verlassen. Der Hartz-IV-Empfänger ist enttäuscht. Er hatte sich eine Vision erwartet. »Aber es war so, wie der peinliche Auftritt eines US-Predigers, nebulös und populistisch.«
Nitsch kommt komisch vor, dass »die Oma Kowalski dasselbe für ihr Brot bezahlen soll wie der Werner«. Eine soziale Komponente fehle dem Konzept völlig. Sicher, 1500 Euro würde auch er nehmen, aber das interpretiert Nitsch eher als Revolutionsprophylaxe: »Bevor das Volk rebelliert, füttern wir es ab.«
In Bochum fragte ein Zuhörer, was denn wäre, wenn tatsächlich die meisten das Geld nähmen und sich in die soziale Hängematte legten. »Das ist eine hochinteressante Frage«, sagte Werner. Und schwieg.
Es ist einer der Haken seines Modells. »Wir sind ein Volk von Freelancern, nicht von Faulenzern«, glaubt Werner - und streut dazu passende Zitate von Erich Fromm und Goethe unter die Zuhörer. Gern auch von Rudolf Steiner: Wir seien für das »Miteinander-füreinander-Leisten« gemacht, befand der mitunter ins Krude driftende Anthroposoph.
Wissenschaftler wie der Berliner Historiker Paul Nolte gehen heute davon aus, dass eher Müdigkeit als Mündigkeit die Gesellschaft durchziehe. Die Masse sei träge, bekomme gesellschaftliches Engagement ohne Druck »nicht geregelt«.
Das Grundeinkommen sei eine »Stilllegungsprämie«, sagt auch der Soziologe Wolfgang Engler. Er sieht Werners Konzept nur dann als Chance, wenn man den Leuten auch in den Hintern trete. Ohne Aktivierung würden die Menschen vor dem Unterschichtenfernsehen hocken oder sich »Sitzkissen ans Fenster legen und 40 Jahre rausschauen«.
Nach seinem Vortrag in Bochum fährt Götz Werner mit der Bahn nach Berlin. Dort sieht er sich sechs neue dm-Filialen an. In Tegel kommt ein Mädchen mit einem Kindereinkaufswagen auf ihn zu, in dem ein kleiner Hund sitzt. Werner kniet sich hin, wedelt dem Hund mit seinem Schlips zu und fragt nach dessen Namen. »Strolchi«, sagt das Mädchen verdattert. Einer Mitarbeiterin streichelt Werner mit seinen gewaltigen, vom Rudern schwieligen Händen über den Arm. Er will prüfen, ob es in den Filialen nicht zu kalt ist.
Während der Konkurrent Anton Schlecker versucht, Betriebsräte zu verhindern, und fürchtet, von seinen Angestellten beklaut zu werden, lässt Werner seine »Lernlinge« in Theaterworkshops den Sommernachtstraum einstudieren. 28 Jahre ist Werner in den inzwischen 1720 Filialen ohne Betriebsrat ausgekommen - bis die Lagerarbeiter im Verteilerzentrum in Weilerswist bei Bonn 2001 gegen ihre immer variableren Arbeitszeiten rebellierten. Nach anfänglichem Staunen habe Werner »das mitgetragen«, sagt Achim Steffen von Ver.di. »Das ist schon grandios, was sie gemacht haben«, habe Werner danach zu ihm gesagt, so der Gewerkschafter.
Werners Mobiltelefon klingelt. Es ist jemand vom »Netzwerk Grundeinkommen«. Er soll am Abend auf eine Buchvorstellung kommen, danach in die Humboldt-Universität. Werner zögert. »Ich will da aber nicht auf dem Podium sein, dazu kennen wir uns zu wenig.« Um ihn herum ist eine Steuerbefreiungsbewegung aus Linken, Konservativen und Liberalen entstanden. Werner muss da vorsichtig sein. Bisher hat er sein Konzept aus allen Grabenkämpfen raushalten können. Er spricht vor Bankern, Führungskräften der Lufthansa und linken Studenten - für alle ist bei ihm schließlich was dabei.
In Berlin will man ihn eher, weil er gesagt hat: »Hartz IV ist offener Strafvollzug.« Die Buchvorstellung ist in einem Hinterhofhaus im Scheunenviertel. Die Autoren reden von Unternehmern als »Herren der Arbeitsgesellschaft«. Sie sprechen von der »autoritären Lohngesellschaft«, von »Lohnextremismus«. Werner schaut nach dem Ausgang. Dann wird er untertänig begrüßt. Er redet kaum. Später sagt er: »Die haben so einen linksdralligen Zug, das muss sich noch ändern.«
Vor den 400 Zuhörern in der Humboldt-Uni spult Werner anschließend sein gewohntes Programm ab. Zaghafte Einwände, die Armen zahlten bei seinem Entwurf doch mehr und die Unternehmen fast nichts, kontert er mit seinem Lieblingssatz: »Das ist doch heute nicht anders.« Zudem: »Steuern, Abgaben und so weiter - ist doch schon alles in den Preisen drin!«
Auch der Soziologe Wolfgang Engler sitzt auf dem Podium. Seine Skepsis scheint verflogen: »Wenn es Sie nicht geben würde, müsste man Sie erfinden«, sagt er dankbar. Werner kommt in Fahrt. Redet vom politischen Konsumenten. »Alle billigen Importwaren, die wir aus den entsprechenden Ländern saugen - Thailand, Indonesien -, diese Einkäufe sollten Sie sich verbieten.« Vor den Lidl- und Aldi-Regalen frage man sich doch oft: »Wie kommt es eigentlich, dass das so billig ist? Und wenn Sie sich das fragen, dann dürfen Sie nicht kaufen, dann beuten Sie aus.«
Ein Kinderunterhemd gibt es bei dm für 2,95 Euro. Woher die Textilien bei ihm kämen? »Keine Ahnung«, sagt Götz Werner - und winkt zum Abschied. NILS KLAWITTER