Derivate Produkt der unbegrenzten Möglichkeiten
Frankfurt am Main - Die Papiere ermöglichen Privatanlegern, wie die Profis an den Derivatemärkten zu investieren und je nach Gusto von steigenden oder fallenden Kursen bei Aktien oder Rohstoffen zu profitieren. Das Gesamtvolumen von Zertifikaten und Optionsscheinen stieg nach Branchenschätzungen in Deutschland 2005 um 45 Prozent auf 80 Milliarden Euro - inzwischen sollen es mehr als 100 Milliarden Euro sein.
In keinem Land gibt es eine vergleichbare Produktvielfalt wie in Deutschland: Allein im Juli kamen nach Angaben des Deutschen Derivate Instituts 3417 neue Zertifikate hinzu, inklusive Optionsscheinen gibt es bereits mehr als 100.000 Derivat-Produkte für den Privatanleger. Die Spanne reicht von einfach zu verstehenden Index-Zertifikaten, deren Kurs sich parallel zum Dax entwickelt, bis zu wesentlich komplizierteren "WAVEs XXL Knock-Out-Optionssscheinen" oder dem "Sommer Swing Zertifikat" - um nur zwei Kategorien aus der Angebotspalette der Deutschen Bank zu nennen. Beliebt sind Garantiezertifikate, mit denen man kein Geld verlieren kann.
Die Angebotsflut ruft allerdings auch Kritiker auf den Plan. Dazu gehört auch die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), deren Vertreter von einer wahren "Emissionswut" sprechen, die Anleger dazu verführe, in vielen Fällen ein für sie schlechtes Geschäft einzugehen. Da der Preis von Zertifikaten von der emittierenden Bank berechnet werde und sich nicht wie bei Aktien aus Angebot und Nachfrage ergebe, könnten die Finanzinstitute problemlos eine hohe Marge auf das Papier "draufpacken". Im "Schwarzbuch Börse 2005" resümiert SdK-Vorstand Markus Straub: "Intransparenz ist das Geschäftsmodell." Die Aktionärsschützer wollen daher im Oktober einen Vorschlag für eine staatliche Regulierung des Marktes vorlegen - denn die gibt es bisher in Deutschland nicht.
Banken sprechen von fairer Preisbildung
In der Branche werden die Vorwürfe ernst genommen und gleichwohl zurückgewiesen. "Wir haben inzwischen einen harten Wettbewerb und sehen daher auch eine faire Preisbildung", meint Lars Hille vom Investmentbanking der DZ Bank, die Zertifikate für die rund zehn Millionen Wertpapierkunden der Volks- und Raiffeisenbanken entwickelt. Das Zentralinstitut engagierte sogar den TÜV Süd, um die Qualität der Produktentwicklung zu untersuchen und zu verbessern. "Wir müssen eine Brücke schlagen zwischen den unbegrenzten Möglichkeiten, neue Produkte zu entwickeln, und der Verantwortung für den Anleger", sagt Hille.
Dennoch misstrauen die Kritiker den Banken - zu stark sei das Geschäft von flotten Marketing-Ideen geprägt. Speziell zur Fußball-Weltmeisterschaft wurden Zertifikate etwa auf Basis verschiedener Aktien und deren Kursentwicklung aufgelegt, die beim Sieg einer bestimmten Mannschaft zusätzliche Renditepunkte versprachen - eine eingebaute Wette also, die mit der eigentlichen Idee des Derivat- Geschäfts nichts zu tun hat. Bei der DZ Bank hieß ein solches Produkt "MaxiRend Champions-Zertifikat". "Wir haben lange überlegt, und am Ende gab es eine knappe Entscheidung, das emotionale Element der WM nutzen zu wollen", erläutert Hille. Der Absatz des Zertifikats für Fußball-Fans habe bei 150 Millionen Euro und damit im Mittelfeld gelegen.
Derzeit erstellen einige Banken einen Kodex mit Empfehlungen für die eigene Zunft. Doch Verbraucherschützern geht das nicht weit genug, sie fordern eine gesetzlich vorgeschriebene Transparenz ähnlich wie bei Fonds. "Wir brauchen in standardisierter Form Aufklärung über Risiken und Kosten - einschließlich Angaben, was der Emittent an dem Produkt verdient", sagt Dorothea Kleine vom Verbraucherzentrale Bundesverband. Anlegern rät sie, nur solche Zertifikate zu kaufen, die sie wirklich verstehen.
Alexander Missal, dpa-AFX