AUTOINDUSTRIE Desaster bei der Tochter
Es ist ein trostloser Job, den die Finanzexperten in der Münchner BMW-Zentrale derzeit ausüben. Beim Zusammenstellen der Bilanzzahlen für das vergangene Jahr addieren sie »Traumergebnisse der Marke BMW«, so ein Finanzmanager, doch die werden durch »Katastrophenzahlen von Rover« wieder zunichte gemacht.
Die Marke BMW erreichte 1999 bei Absatz, Umsatz und Gewinn die besten Ergebnisse der Unternehmensgeschichte. Der Überschuss liegt bei 4,5 Milliarden Mark vor Steuern. Doch das Ergebnis der britischen Tochter Rover hat sich 1999 nicht, wie Konzernchef Joachim Milberg noch bei der Präsentation der letzten Bilanz ankündigte, »spürbar verbessert«. Es ist deutlich schlechter als 1998, als Rover einen Verlust von knapp 1,9 Milliarden Mark auswies. Nach vorläufigen Zahlen liegt der Rover-Verlust 1999 bei 2,5 Milliarden vor Steuern.
Die Finanzexperten haben gute Erklärungen für das Desaster. So wurden bei Rover 8000 Stellen gestrichen, mehr als doppelt so viele wie ursprünglich vorgesehen. Die Kosten für Abfindungen erhöhten sich dadurch auf über eine halbe Milliarde Mark. Vor allem aber stieg das britische Pfund in den vergangenen sechs Monaten von 2,90 auf 3,15 Mark. Allein dadurch stiegen die Rover-Verluste um 500 Millionen Mark.
Doch die besten Erklärungen helfen Milberg nicht weiter. Denn seine Finanzexperten prognostizieren auch für die nächsten Jahre einen hohen Pfundkurs, der Rover gleich doppelt trifft.
Die eigenen Produktionskosten in Großbritannien steigen, wodurch der Verkauf im Heimatmarkt und im Export erschwert wird. Zugleich aber können Importeure wie VW, Renault oder Fiat ihre Autos preisgünstig in England anbieten und Rover Marktanteile abnehmen. Insgesamt sank der Absatz der Rover-Modelle im vergangenen Jahr um fast 25 Prozent. Selbst der neue Rover 75, von Autoexperten zum »World Car 1999« gewählt, verkaufte sich im vergangenen Jahr weit schwächer als geplant.
In diesem Jahr sollte Rover ursprünglich schon Gewinne erwirtschaften. BMW-Chef Milberg verschob das Ziel auf das Jahr 2002. Und jetzt muss Finanzvorstand Helmut Panke eingestehen: »Ich kann nicht sagen, dass wir es unter allen Umständen schaffen.«
Die Strategie des BMW-Konzerns, sich mit der Marke Rover im hart umkämpften Kompaktwagensegment zu etablieren, ist offenbar gescheitert - exakt so, wie es der ehemalige BMW-Vorstand Wolfgang Reitzle vorausgesagt hatte. Er wollte von Rover nur die profitablen Geländewagen und den Mini weiterführen und die Pkw-Produktion schließen. Allenfalls durch eine Kooperation mit einem Massenhersteller wäre die alte Strategie zu retten.
Zu diesem Ergebnis muss jetzt auch BMW-Chef Milberg kommen. Wenn die EU eine Subvention von knapp 500 Millionen Mark für das Werk Longbridge nicht genehmigt, will er die geplanten Milliardeninvestitionen in die Fabrik neu kalkulieren. Das Ergebnis ist absehbar: Beim derzeitigen Pfundkurs wären sie nicht rentabel. BMW müsste das Werk schließen.
In dieser schwierigen Lage schreckt Milberg jetzt offenbar auch vor einer lange abgelehnten Alternative nicht mehr zurück: einer Kooperation mit dem Wolfsburger Rivalen. Milberg hat bereits, so berichten Kenner des Unternehmens, mit VW-Chef Ferdinand Piëch über eine mögliche Zusammenarbeit gesprochen. VW könnte Rover mit der Plattform des nächsten Polo beliefern. Dadurch würde Rover schneller und billiger Nachfolger für die Modelle 25 und 45 bekommen. Im Gegenzug könnte VW die Markenrechte an Rolls-Royce bekommen, die bei BMW liegen.
Ob Piëch dies reicht, ist offen. Der VW-Chef hat schon seit längerem signalisiert, dass er am liebsten am BMW-Konzern beteiligt wäre. Und er soll jetzt eine wechselseitige Beteiligung der VW-Tochter Audi mit BMW ins Gespräch gebracht haben, durch die ein bayerischer Verbund von Luxusmarken entstünde.
VW lässt seinen Sprecher Günther Scherelis nur kommentieren: »Kein Kommentar.« BMW-Sprecher Richard Gaul dementiert: »Wir haben keinerlei Interesse an einer Kooperation mit VW, so groß kann die Not gar nicht sein.«
Die BMW-Hauptaktionäre, die Familie Quandt, sind zwar, wie ihr Sprecher sagt, nicht zum Verkauf ihrer Anteile bereit, weder an VW noch an General Motors oder andere Interessenten. Kooperationsfragen aber gehören zum operativen Geschäft des Vorstands, in das die Eigentümer sich nicht einmischen.
Die Aufsichtsräte von BMW werden noch deutlicher. Angesichts der schwierigen Lage bei Rover müsse jetzt »alles geprüft werden«. Dabei spreche, so ein Aufsichtsrat, »überhaupt nichts gegen eine Kooperation«.
DIETMAR HAWRANEK