Designierter Fed-Chef Bernanke: Glasnost im Geldtempel - DER SPIEGEL
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Designierter Fed-Chef Bernanke Glasnost im Geldtempel

Jubel an der Wall Street, Freude bei Politikern jeder Couleur. Viele hoffen, dass sich der designierte US-Notenbankchef Bernanke als Klon des legendären Vorgängers Greenspan entpuppt. Doch der Princeton-Ökonom steht für eine andere Geldpolitik und mehr Transparenz.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Es war ein Tableau der Eintracht, das vom Weißen Haus gestern im Oval Office inszenierte wurde. Des Präsidenten Schreibtisch war leer, das Sternenbanner gebügelt, auf der Fensterbank prangte ein Strauß Rosen. In der Mitte posierte George W. Bush, flankiert von Alt und Neu: links der US-Zentralbankchef Alan Greenspan, rechts sein designierter Nachfolger Ben Bernanke. Die Money-Männer präsentierten sich wie eineiige Zwillinge - gleiche Größe, gleiche Statur, dunkler Anzug, weißes Hemd, blauer Schlips. Selbst die Hände hielten sie in gleicher Weise vor dem Körper verschränkt.

Das scheidende US-Finanzorakel Greenspan und sein Enkel in spe Bernanke, so die Message, seien praktisch Zwillinge. Bernanke, beruhigte Bush die Märkte wie die Kritiker im Kongress, "ist der richtige Mann, auf das Erbe aufzubauen, das Alan Greenspan geschaffen hat". Oder, wie der Ökonom William Polley anschließend jubelte: "Er wird die Tradition Greenspans fortführen."

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Polit-Insider Greenspan: Zahlenguru im Kreise der Mächtigen

Foto: AP

Greenspan 2.0: Bei der "wirtschaftspolitischen Superpersonalie dieses Jahres" ("Financial Times Deutschland") geht Bush auf Nummer sicher. Nach dem Flop mit Harriet Miers, seiner Nachrückkandidatin für den Obersten Gerichtshof, nach dem Vorwurf der Vetternwirtschaft - siehe etwa den Ex-Fema-Chef Mike Brown oder Uno-Botschafter John Bolton - leistet sich der Präsident diesmal kein Risiko. Zumal Bush in dieser wohl brenzligsten Woche seiner zweiten Amtszeit gute Nachrichten braucht, denn in ganz Washington wartet man auf die Anklagen in der CIA-Affäre gegen Mitarbeiter im innersten Zirkel des Weißen Hauses.

Stehende Ovationen der Börse

Das durchweg positive Echo der sonst eher pessimistischen Ökonomen zeigt: Zumindest das Timing der Ankündigung hat bestens geklappt. Selbst die Senatoren, die Bernanke erst noch bestätigen müssen, spielten mit: Demokraten wie Republikaner machten artig die TV-Runde, um den Kandidaten des Präsidenten zu loben.

Benjamin Shalom Bernanke, 51, zurzeit noch Bushs oberster Wirtschaftsberater, war immer schon der Favorit für diesen Job. In einer Umfrage des "Wall Street Journal" unter US-Wirtschaftsexperten erhielt Bernanke Mitte Oktober "die höchsten Noten" aller Aspiranten, als einer, der Greenspans Linie klar fortsetzen werde. Da konnte Bush eigentlich nichts mehr falsch machen.

Same procedure as every year: "Meine erste Priorität", versprach Bernanke denn auch gestern bei seiner Vorstellung, "wird es sein, Kontinuität zu wahren." Die Börse dankte es ihm mit einer stehenden Ovation. Der Dow Jones schoss um fast 170 Punkte nach oben. "Dies ist der große Katalysator, auf den wir gewartet haben", sagt Jeffrey Kleintop, Chefinvestmentstratege bei PNC Advisors.

Scharfe Debatten mit dem Guru

Und es war eine Rally, die zwar das emotionale Ende der 18-jährigen Ära Greenspan markierte - doch mehr noch deren erhoffte Fortsetzung. "Es gibt keinen, auf den die Märkte mehr vertrauen als Greenspan", hatte das Wirtschaftsmagazin "Barron's" die Legende des "Maestros" kürzlich noch perpetuiert. Keinen - außer vielleicht eben Bernanke, wie sich jetzt zeigt. "Hat er das Zeug, in Greenspans Fußstapfen zu treten?", fragt Jack Lavery, der Vorsitzende der Lavery Consulting Group. "Unsere Antwort ist: Ja."

Dabei sind sich die zwei gar nicht so ähnlich, wie sie gestern taten. Sicher, beide sind Pragmatiker. Beide sind konservativ, doch politisch unabhängig. Beide stehen für eine stabile Geldpolitik, wiewohl nicht immer mit ähnlichem Ansatz. Anders als Greenspan gilt "Big Ben" Bernanke ("Slate") als ein unorthodoxer Freidenker.

Als einer, der zum Beispiel - und oft in scharfen Debatten mit dem Guru Greenspan höchstselbst - als sein liebstes Steckenpferd das Prinzip eines konkreten Inflationsziels ("inflation target") propagiert hat. Sprich: eine klare, numerische Messlatte, damit die Fed ihre Handlungen nach außen hin "besser kommunizieren und auch Politikbeschlüsse verbessern" könne.

Sorgen an den Rentenmärkten

Weht da ein Hauch von Innovation durchs Heiligtum? Bevor Bernanke als Wirtschaftsberater ins Weiße Haus ging, war der weit gerühmte Akademiker drei Jahre lang Gouverneur bei der US-Zentralbank. Und in jener Zeit, so berichtet ein Insider, habe er sich als "Ein-Mann-Ideenfabrik" profiliert, unter anderem eben mit seiner Inflationsziel-Theorie.

Auch als im November 2002 mal wieder das alte Schreckgespenst der Deflation durchs Land spukte, hatte Bernanke eine flotte Idee: einfach Geld zu drucken. "Die US-Regierung besitzt eine Technologie, die es erlaubt, so viele Dollars wie gewünscht zu produzieren, im Prinzip ohne Kosten", sagte er in einer Rede vor dem National Economists Club. "Sie heißt Druckerpresse." Die Rede wird bis heute zitiert.

Nicht allen schmeckt diese Aussicht. Anders als die Aktienbörse sackten die US-Rentenmärkte gestern durch. Die Sorge dort, so Steven Bohlin, Direktor von Thornburg Investment Management: Der Neue an der Fed werde "etwas lockerer mit dem Geld umgehen und die Inflation langsam ansteigen lassen".

Bernanke ist nicht Greenspan

Die Inflation dürfte Bernankes erste Sorge sein, sollte er tatsächlich im kommenden Februar Greenspans Nachfolge antreten. Elfmal hintereinander hat die Fed im laufenden Jahr die Leitzinsen angehoben, von einem auf inzwischen 3,75 Prozent. Zwei weitere Fed-Treffen stehen vor Greenspans Abgang noch an. Danach muss sich Bernanke fragen, wie es weiter geht - neue Zinserhöhungen oder nicht?

Doch Bernanke ist nicht Greenspan. Das zeigt sich auch anderswo: Der Neue spielt offenbar lieber mit offenen Karten. Die gefürchtet kryptischen Äußerungen seines Vorgängers, das sogenannte Greenspeak, könnten der Vergangenheit angehören. Schon in seiner ersten Fed-Zeit versuchte er mehr Glasnost in den Kreml der US-Geldpolitik bringen. "Mit dieser Nominierung", schreibt der Fed-Experte Mark Thoma jetzt, "erwarte ich, dass es in der Zukunft noch mehr Transparenz geben wird."