China: Geliebter Feind
Deutsch-chinesisches Verhältnis Lächeln süßsauer
Deng Xiaoping, Chinas legendärer Wirtschaftsreformer, gab seinen Nachfolgern eine alte chinesische Weisheit mit auf den Weg, bevor er sich aus der Tagespolitik zurückzog. Sie lautete: "Tao guang yang hui" - frei übersetzt: "Versteckt Euren Ehrgeiz, nährt ihn im Dunklen."
Das war Anfang der neunziger Jahre. Seitdem hat die chinesische Weltfabrik gegenüber den Industrienationen extrem aufgeholt, vergangene Woche verdrängte die Volksrepublik Japan von Platz zwei der weltgrößten Wirtschaftsmächte. Dengs Erben haben nun kaum noch Grund, ihre nationalen Ambitionen zu verheimlichen.
Denn China will dem Westen nicht länger nur als billige Werkbank dienen. Es will auch bei Hightech die Führung übernehmen. Insbesondere seit der globalen Finanzkrise sind die Planer in Peking davon überzeugt, dass sie sich auf Dauer nicht auf den Export von Billigware in die ungewissen Märkte Europa und USA verlassen können.
Schon jetzt bauen die Chinesen die schnellsten Züge - dank der Technologie, die Firmen wie Siemens ihnen als Bedingung für den Zugang zum chinesischen Markt überlassen mussten. Sie fertigen mit die besten Solarzellen - großzügig gefördert mit Steuergeldern aus Deutschland, wohin sie die Hälfte ihrer Produkte ausführen. Und sie wollen die umweltfreundlichsten Autos und Flugzeuge der Welt entwickeln - dabei lassen sie sich von Herstellern wie Daimler und Airbus helfen.
Wachsendes Selbstbewusstsein
Auch die deutsche Chemieindustrie bekommt das gewachsene Selbstbewusstsein der Chinesen zu spüren. Immer forscher drängt Peking westliche Produzenten, ihr geistiges Eigentum chinesischen Firmen zu überlassen. Die Hoffnung, die Volksrepublik würde ihre sogenannten "strategischen Industrien" ausländischen Konzernen überlassen, entpuppt sich als Illusion.
Für manchen deutschen Manager ist das eine demütigende Erfahrung, zum Beispiel Jürgen Hambrecht. Der Chef von BASF war früher Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft und nahm die chinesische Führung vor Kritik stets in Schutz. Gedankt hat es ihm die Regierung in Peking nicht: Beim jüngsten China-Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) war es ausgerechnet Hambrecht, dem die Geduld riss - und zwar so überraschend deutlich, dass Premier Wen Jiabao den Deutschen bat, "sich zu beruhigen".
Eigentlich hatte der BASF-Chef im Beisein von Merkel und Wen feierlich den Vertrag für eine Kunststoffanlage in Chongqing unterzeichnen wollen. Doch Peking fiel es nicht ein, das Projekt im Umfang von einer Milliarde Dollar rechtzeitig zu genehmigen. Hambrecht beklagte sich bei Wen denn auch über die "erzwungene Offenlegung von Know-how im Gegenzug für Investitionsentscheidungen" und fügte hinzu: "Das entspricht nicht ganz unseren partnerschaftlichen Vorstellungen."
Doch China folgt beim Know-how seit jeher eigenen Vorstellungen. Das musste bereits der Astronom Johann Adam Schall von Bell (1592-1666) erfahren: Der Kölner Jesuit wurde in Peking zunächst zum Hofbeamten und Direktor des kaiserlichen Observatoriums ernannt; nach dem Ableben seines Gönners, Kaiser Shunzhi, wurde er jedoch zum Tod verurteilt. Zwar kam er später wieder frei, doch bald starb er an seinen Strapazen.
Deutsche Euphorie über den chinesischen Riesenmarkt
Chinesische Bewunderung für deutsche Technologie, deutsche Euphorie über den chinesischen Riesenmarkt - diese gegenseitigen Sichtweisen prägen das Verhältnis beider Länder seit dem späten 19. Jahrhundert. Die "Musterkolonie" Tsingtau, die das wilhelminische Kaiserreich 1897 im heutigen Qingdao gründete, war auch als Schaufenster deutschen Könnens gedacht.
Aus dem lokalen Widerstand gegen die Deutschen erwuchs allerdings die Bewegung der Boxer, sie griffen 1900 das Botschaftsviertel in Peking an und brachten den deutschen Gesandten um. In seiner "Hunnenrede" rief Kaiser Wilhelm II: "Niemals wieder" dürfe ein Chinese es wagen, "einen Deutschen auch nur scheel anzusehen". Unter deutschem Oberkommando schlugen die Imperialmächte den Aufstand nieder.
Gleichwohl bewunderten die Chinesen die Aufholjagd des Nachzüglers Deutschland gegenüber Großbritannien und Frankreich. Das autoritäre deutsche Modell der Modernisierung von oben war auch Vorbild für Generalissimo Chiang Kaishek. In den zwanziger Jahren ließ der Nationalchinese sich von Militärberatern der Reichswehr und von der deutschen Schwerindustrie bei dem Versuch helfen, sein zersplittertes Reich zu einigen. Im Gegenzug waren die Deutschen an der Lieferung von Rohstoffen interessiert.
Ihren Höhepunkt erreichte die Zusammenarbeit 1936 unter den Nationalsozialisten. In einem Brief an Chiang äußerte Diktator Adolf Hitler seine "Freude" über Chiangs "Entschluss, das Aufbauwerk Chinas in freundlicher Zusammenarbeit mit Deutschland durchzuführen". Schon ein Jahr später beendete der Ausbruch des chinesisch-japanischen Kriegs indes die Kooperation - die Nazis schlugen sich auf die Seite Japans.
Glanzvolle Geschäfte wichtiger als Menschenrechte?
Gleichwohl hingen die Deutschen weiter ihren China-Phantasien nach: 1964, auf dem Gipfel des Kalten Kriegs, vereinbarten beide Länder ein Handelsabkommen, das dann jedoch auf Druck der USA nicht zustande kam. Dafür investierten deutsche Firmen nach der wirtschaftlichen Öffnung Chinas 1978 dort umso eifriger. Ein früher Höhepunkt des China-Booms war 1985 die Gründung des Joint Ventures zwischen Volkswagen und dem staatlichen Autobauer in Shanghai.
Indes machten die Shanghaier nie einen Hehl daraus, dass sie VW vor allem als Lehrmeister beim Aufbau ihrer eigenen Autoindustrie sahen. Um sich aus ihrer Abhängigkeit von den Wolfsburgern zu befreien, gründeten sie 1997 ein paralleles Joint Venture mit General Motors. Als der amerikanische Konzern im Zug der globalen Finanzkrise bankrott ging, nutzten die Chinesen flink die Gelegenheit, an dem Joint Venture die Mehrheit von 51 Prozent zu erwerben. In Shanghai rechnen VW-Mitarbeiter damit, dass die Chinesen mit ihrem Joint Venture eines Tages ähnlich verfahren.
Ohnehin schätzt man deutsche Firmen in China als besonders bequeme Partner, denen es in erster Linie um Geld und Geschäfte geht, nicht um Politik und Prinzipien. Bereits drei Monate nach der blutigen Niederschlagung der Demokratieproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking 1989 reiste Otto Wolff von Amerongen, der damalige Vorsitzende des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft, als erster Ausländer zu Premier Li Peng.
Ohne Rechtsstaat sind Investitionen nicht sicher
Mit ähnlichen Gesten öffneten deutsche Kanzler ihrer Industrie die Tore in Peking: 1995 besuchte Helmut Kohl (CDU) als erster westlicher Regierungschef die sogenannte Volksbefreiungsarmee, vier Jahre später reiste sein Nachfolger Gerhard Schröder (SPD) nach Peking und entschuldigte sich eindrucksvoll für das Bombardement der chinesischen Botschaft in Belgrad durch Kampfflugzeuge der Nato.
Bei seinen häufigen China-Reisen erweckte Schröder indes den Eindruck, dass ihm und seinen mitreisenden Firmenchefs glanzvolle Geschäfte wichtiger seien als die Sorge um die Menschenrechte. Doch ohne ausreichende Rechtsstaatlichkeit dürften auch deutsche Investitionen in China auf Dauer nicht sicher sein.
Die Begeisterung über den chinesischen Riesenmarkt stellte Bedenken häufig in den Schatten. Als Kanzlerin Merkel 2007 wagte, den Dalai Lama in Berlin zu empfangen, wurde sie von der deutschen Industrie heftig gerügt.
Man darf Peking nicht verärgern
Natürlich ärgerten sich deutsche Bosse immer wieder über Produktpiraterie und den erzwungenen Transfer von geistigem Eigentum. Darüber klagten sie indes lieber im Stillen. Man dürfe Peking nicht verärgern, hieß es ängstlich, denn in der jahrtausendealten chinesischen Kultur komme es darauf an, nicht das Gesicht zu verlieren - so ähnlich hatten es die Deutschen in ihren Reiseführern gelesen.
Umso gnadenloser verfolgt China seine nationalen Interessen. Taktisch oft überlegen, nutzen die Staatskapitalisten die Kontrolle über ihren Riesenmarkt sowie zunehmend auch ihr Monopol über seltene Rohstoffe, um sich ausländische Hersteller industriepolitisch gefügig zu machen. Aufmerksam wacht Peking zugleich darüber, dass die eigenen Firmen der industriepolitischen Linie folgen.
Im Vergleich dazu agiert die Bundesregierung fast harmlos, wenn es darum geht, nationale Interessen durchzusetzen. Die Kernfrage lautet: Wie kann der Industriestandort Deutschland auf Dauer gegenüber einem Rivalen bestehen, der nach ganz anderen Spielregeln spielt?
Wenn Berlin darauf keine Antwort findet, wird die deutsche Industrie von ihren chinesischen Gastgebern schon bald nicht mehr ernst genommen. Vermutlich nicht mal mehr als Know-how-Spender.