Deutsche Bank: Ackermanns Machtkampf verunsichert Aktionäre - DER SPIEGEL
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Deutsche Bank Ackermanns Machtkampf verunsichert Aktionäre

Er wollte seine Vertragsverlängerung feiern lassen, doch auf der Hauptversammlung der Deutschen Bank musste sich Konzernchef Ackermann Kritik der Aktionäre anhören. Die Anleger stören sich am öffentlichen Machtkampf mit seinem Chefkontrolleur - und der jüngste Milliardengewinn verliert seinen Glanz.
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Einen Moment lang sieht es so aus, als müsste Josef Ackermann weinen. Er reibt sich mit dem Handrücken das Auge. Bedankt sich mit weicher Stimme für "Zuspruch" und den langen Applaus, nachdem er bei der Hauptversammlung des Geldkonzerns am Dienstag über seine überraschende Vertragsverlängerung als Chef der Deutschen Bank gesprochen hat. Ganz bescheiden sieht er aus. Eine perfekte Show - die dem 61-Jährigen offensichtlich nur die wenigsten der Anwesenden abnehmen. Ein Aktionärsvertreter jedenfalls vergleicht ihn mit einem Bösewicht aus einem Jimi-Hendrix-Song: "Hey Joe! Where you goin' with that gun in your hand?"

Deutsche-Bank-Chef Ackermann: "Plan A hat sich durchgesetzt"

Deutsche-Bank-Chef Ackermann: "Plan A hat sich durchgesetzt"

Foto: DDP

Bis zu diesem Moment schien Ackermann der strahlende Sieger zu sein, ohne den es bei Deutschlands größtem Geldkonzern einfach nicht zu gehen scheint. Sein Aufsichtsratschef Clemens Börsig ist gerade aufs Peinlichste bei dem Versuch gescheitert, mangels Alternativen persönlich das Erbe Ackermanns anzutreten. Stattdessen wurde der Kontrakt des Schweizers verlängert, der bis dahin stets betont hatte, 2010 endgültig Schluss machen zu wollen.

Während Ackermann dieser Tage nun immer wieder bescheiden seiner Freude Ausdruck verleihen darf, muss sich Börsig eine Demütigung nach der anderen gefallen lassen. In Finanzkreisen wird unverblümt gelästert - Börsig als Bankenchef wäre eine "Katastrophe" gewesen, heißt es da etwa hinter vorgehaltener Hand. Der ehemalige RWE-Manager gelte als Rüpel und werde wegen seiner Vorliebe für Zahlen gern auch "Stromableser" genannt. Schon als Deutsche-Bank-Finanzchef habe er keine gute Figur gemacht.

Auf der Hauptversammlung dauert es denn auch nicht lang, bis der erste Aktionär Börsig auffordert: "Treten Sie zurück!" Klaus Nieding von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) sagt, wie erfreut er sei, dass Ackermann der Bank erhalten bleibe - und sich somit "Plan A gegenüber Plan B durchgesetzt hat."

Aktionäre kritisieren Führungszank

Doch auch für "Joe" läuft nicht alles rund an diesem Tag: Ackermann muss sich Kritik gefallen lassen. Das Duell mit dem Chefkontrolleur hat den Aktionären Bruchstellen an der Spitze der Deutschen Bank offenbart - und die Anleger stören sich an der Art und Weise, wie der Streit in die Öffentlichkeit gelangte.

Die Führungsriege müsse an diesem Tage schon deutlich zeigen, wie sie sich das Miteinander künftig vorstelle, fordert Klaus Schneider von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Es sei schwer vorstellbar, dass der Oberaufseher und der Vorstandschef "nach der Diskussion der vergangenen Tage nun einfach weiterarbeiten". Ackermanns Antwort ist deutlich. Die Zusammenarbeit funktioniere "sehr gut", und er selbst habe sich für Börsig stark gemacht, als dieser Aufsichtsratschef wurde. Inbrunst freilich klingt anders.

Die Aktionärsattacken auf Börsig verwundern kaum: Immer wieder wurde zuletzt kolportiert, er werde zurücktreten. Doch der 61-Jährige sitzt die zahlreichen Demütigungen an diesem Tag stoisch aus. Meistens guckt er auf den Tisch vor sich. Die harsche Kritik an seiner Person kontert er stur mit dem Dankeschön, dass er anfangs allen Rednern für ihren Beitrag zukommen lässt.

Auch der Aufsichtsrat erklärt in einer Stellungnahme, man halte die Kritik an Börsig, die in den vergangenen Tagen laut wurde, "insgesamt" für "völlig unbegründet". Echte Rückendeckung - oder doch das letzte Lob für den für den angezählten Kontrolleur?

Ruhe als Bankerpflicht

Es ist, als ob man in der Bank jede unnötige Turbulenz vermeiden und deshalb alle Optionen offenhalten will. Es gibt schließlich schon genug Baustellen im Haus. Da ist zum einen die schwierige wirtschaftliche Lage: Das vergangene Jahr hat das Geldinstitut mit einem horrenden Verlust von 3,9 Milliarden Euro abgeschlossen - die Dividende ist auf mickrige 50 Cent pro Papier zusammengeschrumpft. Und so muss auch Ackermann sich an diesem Tag immer wieder Versagen vorwerfen lassen.

Auch das erste Quartal, nachdem die Bank lautstark einen Dreimonats-Gewinn von 1,2 Milliarden Euro feierte, verlief bei näherem Hinsehen längst nicht so glänzend, wie die beeindruckende Zahl suggeriert. "Hätte man die Bilanzierungsregeln aus dem vergangenen Jahr angewandt, wäre der Gewinn wesentlich geringer", sagt Dieter Hein vom unabhängigen Analystenhaus Fairesearch. Zudem sorgte vor allem das ungewöhnlich gute Anleihegeschäft maßgeblich für das satte Plus - ein Geschäftsbereich, der Experten zufolge kaum dauerhaft derart weiterblühen wird.

Immer wieder schelten Kritiker auch die ehrgeizige Renditevorgabe von 25 Prozent, die Ackermann trotz aller Kritik stur verteidigt. Das Haus sei für weitere Turbulenzen nur unzureichend gewappnet, wird zudem gewarnt.

Ackermann dagegen wird nicht müde zu erklären, dass das umstrittene Investmentbanking auch künftig eine wichtige Rolle für die Deutsche Bank spielen soll. Der Bereich "bleibt unser wichtigstes Kerngeschäftsfeld", erklärt er seinen Aktionären. Doch der Bereich wird nach dem Abflauen der Turbulenzen kaum mehr so aussehen wie zuvor. Ob Ackermann mit seinen Vermutungen, wo später das große Geschäft winkt, richtig liegt, wird sich erst in einigen Jahren zeigen.

Brisante Abhöraffäre

Zu allem Unglück schwelt im Konzern derzeit auch noch eine dubiose Datenaffäre, deren Ausmaß viele Aktionäre offensichtlich noch nicht einschätzen können - weil die bekannten Fakten ausgesprochen dürftig sind. Aufgrund von möglichen Verstößen gegen interne Vorgaben, die die Konzernsicherheit betreffen, habe das Geldinstitut "eine renommierte Anwaltssozietät mit einer unabhängigen Untersuchung beauftragt", hieß es kryptisch in einer Mitteilung vom Freitag vergangener Woche. Die Finanzaufsicht BaFin hat ihrerseits eine Sonderprüfung eingeleitet.

"Zumwinkel ist in der Bank angekommen", wettert ein Redner auf der Hauptversammlung prompt in Anspielung auf den ehemaligen Telekom-AR-Chef und auf die Spitzelaffäre in dem Bonner Konzern.

Bei der Deutschen Bank handle es sich nur um "einige, lang zurückliegende Fälle", versichert Ackermann und guckt eindringlich ins Publikum, bislang gebe es keine Hinweise auf "systematisches Fehlverhalten". Er selbst habe sich "an die Spitze der Aufklärung" gestellt und werde, sobald haltbare Ergebnisse vorlägen, unverzüglich Bericht erstatten.

In diesem Augenblick wird klar, dass der Chef des Hauses nicht nur die Ellenbogen ausfahren kann. Er kann sich auch, wie kaum ein anderer, als kompetenter Krisenmanager verkaufen. Zumal Ackermann in Sachen Finanzkrise seit geraumer Zeit die Taktik der Selbstgeißelung zur Perfektion bringt. Auch an diesem Tag versichert er immer wieder, "Lehren gezogen" zu haben, "viel engere Grenzen" zu ziehen, "Risiken zu reduzieren". Aufsichtsratschef Börsig, der eigentlich neben Ackermann sitzt, legt zu diesem Zeitpunkt eine Pause ein und verlässt das Podium erst einmal. Und bleibt ein ganzes Weilchen draußen. Danach setzt er sich wieder - und starrt vor sich hin.