Deutsche Bank Von lahmen Enten und Heuschrecken
Frankfurt am Main - Er wolle die Bank vor weiteren Diskussionen um seine Person schützen, erklärte Deutsche-Bank-Aufsichtsratschef Rolf Breuer seine Entscheidung schlicht. Am 24. Januar hatte der Bundesgerichtshof (BGH) mit seinem Urteil Breuer und der Deutschen Bank eine Mitverwantwortung am Untergang des Medienimperiums von Leo Kirch bescheinigt. Breuer hatte kurz vor dessen Pleite die Kreditwürdigkeit des Medienmoguls öffentlich in Frage gestellt. Jetzt entschied sich Breuer, Anfang Mai seinen Posten niederzulegen. Selbst für die Terminkoordination einer außerordentlichen Sitzung auch eines 21-köpfigen Aufsichtsrates wie bei der Deutschen Bank brauche es keine zwei Monate, heißt es dazu in Frankfurt süffisant.
Aus bankennahen Kreisen verlautet, dass das Finanzinstitut die Angriffsfläche für aggressive Aktionäre auf der anstehenden Hauptversammlung verkleinern wolle. Bereits auf der Hauptversammlung 2005 konzentrierte sich die Kritik von Aktionären wegen der Auseinandersetzung mit Kirch auf den Aufsichtsratschef.
Probates Thema Mannesmann-Prozess
Viele Experten glauben, Breuers Entschluss stärke Bankenchef Josef Ackermann den Rücken. Der als möglicher Ackermann-Nachfolger gehandelte bisherige Finanz-Vorstand Clemens Börsig rückt nun an die Spitze des Aufsichtsrats - damit habe sich der Posten als Vorstandschef für ihn ja erledigt, heißt es in Frankfurt. Für Börsigs Aufgaben rücken außerdem zwei Ackermann-Unterstützer in den Vorstand nach.
Doch man kann die jüngsten Ereignisse auch anders interpretieren: Nach Breuers Ausscheiden kann sich die Kritik der Deutsche-Bank-Anteilseigner an den diversen Rechtsstreitigkeiten, in die die Bank und ihre Topmanager verwickelt sind, nun auf eine Person fokussieren: Ackermann. Der Vorstandsvorsitzende und der Mannesmann-Prozess sind ein probates Thema für gesuchte Auseinandersetzungen auf dem bevorstehenden Aktionärstreffen, heißt es. Schließlich soll voraussichtlich im Herbst dieses Jahres der Prozess gegen Ackermann und fünf weitere damalige Organmitglieder beziehungsweise Mitarbeiter des von Vodafone übernommenen Telekommunikationsunternehmens Mannesmann wieder aufgerollt werden. Ackermann war seinerzeit Mitglied des Aufsichtsrats von Mannesmann.
Vorstandschef auf Abruf
Der BGH hatte sich im Dezember 2005 für eine Neuauflage des Mannesmann-Prozesses entschieden. Im Falle einer Verurteilung steht die Prüfung durch die Bankenaufsichtsbehörde BaFin an, ob Ackermann weiterhin seine Funktion ausüben kann. Vorstand und Aufsichtsrat der Deutschen Bank haben daraufhin angestrengt gegen den Eindruck angekämpft, Ackermann sei Vorstandschef auf Abruf. Demonstrativ wurde im Februar Ackermanns Vertrag frühzeitig bis zum Jahr 2010 verlängert. Außerdem wurde der 58-jährige Schweizer mit dem neuen Titel eines Vorstandsvorsitzenden geehrt; zuvor war er als Vorstandssprecher Primus inter Pares gewesen.
"Breuer hat eigentlich mit der Begründung seines Rücktritts seinem früheren Rivalen Ackermann eine Benchmark vorgegeben", merken Banker nun amüsiert an. Man hat in Frankfurt nicht vergessen, dass Ackermann bereits im Herbst 2000 zum Nachfolger des damaligen Bankchefs Breuer gewählt wurde, als Breuer selbst noch gut eineinhalb Jahre Amtszeit vor sich hatte. Der designierte Vorstandschef Ackermann agierte jedoch schon vor seiner offiziellen Bennenung wie der eigentliche Boss des Geldinstituts, erinnern sich Banker. Breuer wurde zur "lame duck".
Ackermann nutzte die Zeit, um mit der Installation des Group Executive Committee die Führungsstruktur ganz auf sich zuzuschneiden. Breuer revanchierte sich. Nach dem BGH-Urteil, mit dem der Mannesmann-Prozess neu aufgerollt wurde, erklärte Breuer öffentlich, er habe seine "Denkerkappe" auf was mögliche Nachfolger Ackermanns betreffe. Er löste damit heftige Spekulationen über einen Rücktritt Ackermanns aus.
Für Überraschung und Spekulationen sorgt indes nicht nur die Entscheidung Breuers, von seinem Amt zurückzutreten. Auch die Benennung des erst 57-jährigen Börsig zum neuen Oberaufseher löste Verwunderung aus. Mit Börsig werde nun ein sehr aktiver Chef dem Aufsichtsrat vorsitzen, heißt es jedoch auch anerkennend, auch wenn wieder ein Mann aus dem eigenen Haus an die Spitze des Kontrollgremiums wechselt.
Die Wahl von Börsig wird jedoch auch unter einem anderen Gesichtspunkt interpretiert. Im Falle einer unerwünschten Attacke von aggressiven Finanzinvestoren werde der ehemalige Finanzvorstand Börsig ebenso aggressiv agieren. Er kenne die wichtigen Fondsgesellschaften sehr genau und die Fondsmanager ihn. In Frankfurt ist durchaus bemerkt worden, dass die Deutsche Börse AG , deren Aufsichtsratschef Breuer bis zum Herbst ebenfalls noch war, nicht erfolgreich gegen die Attacke der Hedgefonds vorgegangen sei.