Deutsche Bürger: Pleite wie nie zuvor - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Deutsche Bürger Pleite wie nie zuvor

Die Zahl der Konkurse unter den Firmen in Deutschland ist zuletzt wieder gesunken. Trotzdem sprechen Experten von einer "neuen Pleitewelle" - denn immer mehr Bürger rutschen in die Privatinsolvenz.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Düsseldorf - Helmut Rödl, Vorstandsmitglied der Auskunftei Creditreform, bringt den Sachverhalt so auf den Punkt: Von einer "Aufhellung in der Pleiteszenerie" in Deutschland könne "keine Rede sein". Das sagte er anlässlich der Veröffentlichung der aktuellen Insolvenzzahlen für das erste Halbjahr 2005, die sein Unternehmen ermittelt hat.

Demnach mussten sich in diesen sechs Monaten mehr als 29.000 Bürger für zahlungsunfähig erklären - 33,5 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Zwar sank zugleich die Zahl der Firmenpleiten um 6,2 Prozent. Werden alle Pleitefälle summiert, ergibt sich aber die Zahl von 130.000 - ein neuer Rekord.

Zu den 29.200 Verbraucherkonkursen kamen noch 14.700 weitere Insolvenzanträge wegen überschuldeter Nachlässe oder Konkurse ehemals Selbstständiger hinzu. Creditreform verwies in diesem Zusammenhang auf die enge Verbindung zwischen Unternehmens- und Privatkonkursen: Der Verlust des Jobs durch die Pleite des Arbeitgebers sei einer der häufigsten Gründe für private Zahlungsunfähigkeit.

Mitschuld der Banken Auch die jüngste Rechtsprechungen zum Insolvenzrecht habe zu einem statistischen Anstieg der Privatinsolvenzen geführt. So muss ein Unterhaltsschuldner zur Sicherung seiner minderjährigen Kinder inzwischen eine Privatinsolvenz einleiten. Gleichzeitig sei mit der Reform des Insolvenzverfahrens, der Stundungslösung, für Privatpersonen der Gang zum Gericht vereinfacht worden. Für ein solches Verfahren fallen im Schnitt nur noch Kosten in Höhe von 2000 Euro an.

Die veröffentlichten Insolvenzzahlen seien nur "die Spitze eines Eisbergs", sagte Rödl weiter. Mehr als drei Millionen Haushalt in Deutschland seien überschuldet und monatlich kämen 140.000 Eintragungen in die Schuldenregister hinzu. Der Markt für Konsumentenkredite, die nicht mehr vollständig bedient werden können, soll sich auf 30 Milliarden Euro belaufen.

Rödl monierte, auch die massive Kredit-Werbung von Banken, die den Privatkunden wieder entdeckt hätten, sei mit Schuld an der Situation. Gleichzeitig lasse aber die finanzielle Allgemeinbildung weiter Teile der Bevölkerung und damit deren Finanzplanung zu wünschen übrig.