Deutsche Firmen in Asien Gier der Globalisierer
Hauptsache, in den Hochglanzbroschüren fehlt der Hinweis auf die Umwelt- und Sozialstandards nicht, zu denen man sich bei der Produktion in Asien selbstverständlich verpflichtet fühlt. Kinderarbeit? Niemals! Arbeitsplätze, die die Gesundheit der Angestellten nicht unnötig gefährden? Sicher doch. Faire Bezahlung? Na klar.
Gut, dass das mal gesagt ist.
Am heutigen Donnerstag kommt der Dalai Lama für einige Tage nach Deutschland - und dieselben Firmenchefs, die sich ihres sozialen Engagements in Asien rühmen, atmen erleichtert auf, als sie hören, dass weder Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) noch Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) das geistliche Oberhaupt der Tibeter empfängt. Selbst Bundespräsident Horst Köhler hat keine Zeit für den Mönch, der als eine der wichtigsten moralischen Instanzen in der Welt gilt.
Der Wirtschaft kommt der volle Terminkalender gelegen. Erst vor wenigen Wochen hatte sich BASF-Chef Jürgen Hambrecht in seiner Rolle als Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft lauthals über die China-kritische Politik der Bundesregierung beschwert und vor "negativen Auswirkungen der Tibet-Debatte auf die Geschäfte der deutschen Unternehmen" gewarnt - ein Diener in Richtung ferner Osten, der Einverständnis signalisierte mit der Anmaßung Pekings, darüber bestimmen zu können, mit wem deutsche Politiker sich treffen dürfen. Die chinesische Regierung müsse schließlich bis zu 400 Millionen Menschen in Arbeit bringen, erklärte er in der "Wirtschaftswoche". Sie müsse eine Milliarde Menschen ernähren, die Gesundheitsversorgung sichern und für Ausbildung sorgen - als ob Menschenrechte daneben keinen Platz mehr hätten.
Auch Adidas-Chef Herbert Hainer nahm Partei für die chinesische Regierung. In einem SPIEGEL-Interview griff er die Demonstranten gegen den olympischen Fackellauf frontal an und sprach ihnen jedes Recht ab, sich den Bodyguards der Flamme in den Weg zu stellen. Er befürchte, "dass die Spiele jetzt endgültig politisiert werden". Dass Peking selbst den Fackellauf nach allen Regeln der Kunst für seine Zwecke instrumentalisiert, schien ihn weniger zu bekümmern.
Westliche Konsumgesellschaft auf Kosten der Billigarbeiter
Zynisch betrachtet, ist die Parteinahme der Bosse nur konsequent. Dass die Verhältnisse so sind wie sie sind, nützt ihnen und ihren Aktionären. Es sind in erster Linie die niedrigen Sozialstandards und der geringe Schutz, der den Betroffenen zuteil wird, die helfen, die Produktionskosten niedrig zu halten. Das ist in Indonesien und Bangladesch übrigens nicht anders.
Billige Produktion in Fernost oder Südasien, teurer Verkauf im Westen - die Formel ist eine Lizenz zum Gelddrucken. Für die in Indonesien gefertigten Nike-Turnschuhe, den in China montierten iPod und die in Bangladesch zusammengenähte Design-Unterhose zahlen Kunden im Westen gerne ein Vielfaches dessen, was der Arbeiter, der diese Dinge herstellt, im ganzen Monat verdient. Vom Preis eines Turnschuhs etwa macht das Gehalt der Näherin nur 0,4 Prozent aus. So bleiben ein satter Gewinn und genügend Geld, um eine gigantische Marketingkampagne zu finanzieren, die noch das einfachste Produkt zu einem Lifestyle-Accessoire aufbläst. Die westliche Konsumgesellschaft lebt auf Kosten der östlichen Fließbandwerker.
Gern verweisen westliche Firmen darauf, dass unter ihrer Kontrolle auch die sozialen Standards gestiegen sind. Adidas-Chef Hainer nennt sich in dieser Beziehung gar einen Musterknaben, dessen Unternehmen nur an den Pranger gestellt werde, weil es weltberühmt sei.
Doch das ist nur ein Bruchteil der Wahrheit. Denn längst haben sich die westlichen Produzenten ein ganzes Netzwerk von Zulieferern geschaffen, deren Produktionsbedingungen wie ein Betriebsgeheimnis gehütet werden. Spektakuläres Beispiel: Mattel. Der Spielzeugriese ließ in großem Stil grellgelbes Plastikspielzeug gießen, das mit Blei verseucht war. Als die Sache aufflog, entschuldigte sich der Konzern in aller Form bei den Konsumenten. Die Arbeiter, die das giftige Material verarbeiten mussten und dabei einer viel höheren Belastung ausgesetzt waren als die Kinder, die mit dem Zeug spielten, fanden in der öffentlichen Debatte keine Beachtung.
Jammern über Lohnsteigerungen von 20 Prozent
Dort, wo die Arbeiter sich wehren, zieht man die Reißleine. So werfen NGOs mehreren westlichen Unternehmen vor, vielerorts systematisch Betriebsratsgründungen zu verhindern, kritische Arbeiter zu entlassen und Menschen ohne Arbeitsvertrag zu beschäftigen.
Dass es nur darum geht, möglichst niedrige Löhne zu bezahlen, belegt das Lamento über die steigenden Löhne angesichts des zunehmenden Mangels an Arbeitskräften: umgerechnet 60 statt bisher 50 Euro im Monat können die Arbeiter inzwischen verlangen. Das Management deutscher Mittelständler spricht lieber von Lohnsteigerungen in Höhe von 20 Prozent, als die absolute Zunahme von zehn Euro zu nennen. Und fühlt sich erpresst, weil es zahlen muss, um seine Angestellten nicht an die Konkurrenz zu verlieren.
Indien und China, heißt es, seien inzwischen zu teuer. Indische Ingenieure würden fast schon Löhne auf osteuropäischem Niveau verlangen. Fließbandarbeiter in China kosteten inzwischen so viel, dass die Firmengewinne spürbar schrumpften. Neue Billigstandorte müssten also her, dort, wo die Menschen sich mit 40 Euro im Monat begnügen. Auf nach Vietnam und Kambodscha!
So funktioniert die Marktwirtschaft: Produktionsstandorte werden dorthin verlegt, wo's am günstigsten ist. Das gilt für die Schuhfabrik, die von China nach Vietnam zieht, genauso wie für das Mobiltelefonwerk, das von Deutschland nach Rumänien verschwindet.
Marktwirtschaft gilt nur, wenn's in den Kram passt
Aber auch die höheren Lohnforderungen der Arbeiter entsprechen den marktwirtschaftlichen Gesetzen - Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. So wie der Unternehmer Gewinnmaximierung anstrebt, will der Arbeitnehmer die bestmöglichen Arbeitsbedingungen und den höchstmöglichen Lohn. Die Absicht Chinas, sich weg von der Werkbank hin zur Hightechschmiede zu entwickeln und den westlichen Industriestaaten Konkurrenz zu machen, ist eine logische Entwicklung. Japan und Südkorea haben es erfolgreich vorexerziert. Ebenso konsequent ist, dass Peking Steuernachlässe für Exportartikel zurücknimmt.
Marktwirtschaftliche Grundsätze zählen für die Firmenlobbyisten bemerkenswerter Weise aber nur dann, wenn es ihnen in den Kram passt. Es sind die gleichen Leute, die sonst die künftigen asiatischen Wirtschaftsmächte als Bedrohung in Szene setzen und die Lohnsteigerungen beklagen.
Im Falle vieler Fabriken Süd- und Südostasiens geht es aber noch um etwas ganz anderes: Arbeitnehmer verlangen faire Wirtschaftsbedingungen, nachdem sie jahrzehntelang zu Konditionen gearbeitet haben, die jedem Standard der Internationalen Arbeitsorganisation ILO widersprechen.
Für westliche Unternehmen in Entwicklungs- und Schwellenländern wäre das die Chance, ihrer besonderen sozialen und gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden. Es wäre die Chance, den Hochglanzbroschüren-Begriff "Corporate Social Responsibility" mit Inhalt zu füllen.