Deutsche Firmen Russisches Roulette im Irak
Amman Beim Termin im Interconti von Amman gibt der Botschafter der USA seine Einsichten über den Kapitalismus zum Besten. "Kapital ist feige. Es läuft weg, wenn es gefährlich wird", erklärt Zalmay Khalilzad, der am Revers einen Sternenbanner-Anstecker trägt.
Eigentlich ist der US-Diplomat zur Pressekonferenz erschienen, um Optimismus zu verbreiten - und so versichert er rasch, dass seine Kapitalflucht-Diagnose nicht auf den Irak der Zukunft gemünzt ist. Die Regierung des designierten Premierministers Nuri al-Maliki werde "das Vertrauen der irakischen Bevölkerung in die Sicherheitskräfte immens erhöhen", verspricht er, und: "Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, im Irak Geld zu verdienen."
Die Botschaft richtet sich an mehr als tausend Aussteller aus 48 Ländern - noch bis morgen sind sie auf der Wiederaufbaumesse "Rebuild Iraq 2006" vertreten, die in der jordanischen Hauptstadt stattfindet. Trotz solcher Appelle: Aus Sicht ausländischer Investoren bleibt die unsichere Lage gut drei Jahre nach dem Sturz Saddam Husseins das größte Hindernis für einen Einstieg in den Irak.
Die meisten Messeteilnehmer wollen sich daher noch nicht groß engagieren, sondern sondieren, Kontakte knüpfen. Das gilt auch für die deutschen Firmen. Mit 56 Unternehmen, 48 Ständen und 950 Quadratmetern Ausstellungsfläche unterhält Deutschland den größten Pavillon auf der Messe. "Man will in den Startlöchern sitzen, wenn sich die Lage im Irak beruhigt", sagt Klaus Friedrich vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), der den Pavillon gemeinsam mit dem Bundeswirtschaftsministerium betreibt.
"Darauf zu warten, dass eines Tages der große Run beginnt, ist der falsche Weg", sagt auch Günter Tesch vom Asphalt-Mischanlagenhersteller Ammann. "Man muss schon heute präsent sein, um den richtigen Zeitpunkt nicht zu verpassen." Ammann ist das gelungen. Schon auf der ersten "Rebuild Iraq", die Anfang 2004 in Kuweit stattfand, knüpfte Tesch Kontakte zu irakischen Interessenten.
Drei Mischanlangen hat die Firma seitdem verkauft, zwei davon in den kurdischen Norden des Landes. Weil in den kurdischen Provinzen die Lage stabiler ist als im Rest des Landes, plant Ammann hier weiteres Engagement. Gemeinsam mit der Dresdner Bank werden Finanzierungsmöglichkeiten ausgelotet.
Chancen nur für alte Hasen
Kurdistan als Sprungbrett in den Zentralirak eine Strategie, die auch andere Investoren verfolgen. Auch die Hamburger Firma Terramar, die für MAN und Roland tätig ist, hat inzwischen eine Niederlassung im nordirakischen Arbil gegründet. Eine Werkstatt in Dohuk ist in Planung. Das Haus in Bagdad habe man vorerst schließen müssen, berichtet Geschäftsführer Peter Mayr. Es sei zu gefährlich geworden.
"Die kurdischen Provinzen stellen schon jetzt so etwas wie ein Modell für den Rest des Landes dar. Schließlich haben sie zehn Jahre Vorsprung", sagt Matt Sherman einer von inzwischen vielen Unternehmern, die Beratung über politische und Sicherheitsrisiken anbieten. Zwei Jahre lang arbeitete Sherman im irakischen Innenministerium, ehe er sich Anfang des Jahres selbständig machte angesteckt vom Pioniersgeist, der viele Aussteller in Amman erfasst hat.
Zwar sind die Erwartungen längst nicht mehr so euphorisch wie bei der ersten "Rebuild Iraq" in Kuweit 2004, die neun Monate nach dem Einmarsch amerikanischer Truppen und ihrer Verbündeten stattfand. Hatten viele Iraker damals noch Probleme, Visa zu bekommen, können sich die ausländischen Aussteller dieses Mal über mangelndes Interesse potentieller irakischer Kunden nicht beklagen.
Im Gegenteil. Mehr als ein halbes Dutzend Minister sind eigens aus Bagdad nach Amman angereist, gut 20 Unternehmen betreiben ihre eigenen Stände - und auf Einladung der US-Botschaft sind weitere hundert Firmenvertreter präsent. Ein weiterer Standortvorteil Ammans: "Ein bis anderthalb Millionen Iraker leben in Jordanien", hebt Peter Mayr hervor. "Das heißt, wir als Aussteller sprechen hier direkt mit Irakern."
Friedrich vom VDMA schätzt, dass derzeit eine dreistellige Zahl von deutschen Firmen noch im Irak tätig ist, trotz der Reisewarnung des Auswärtigen Amtes. Der VDMA rate momentan aber allen von Geschäftsreisen ab, die keine Erfahrung in dem Land haben. Für Neulinge komme die Situation derzeit einem Russisch-Roulette gleich, sagt Friedrich. Nur "alte Hasen" hätten eine Chance, Terror und Entführungen zu entkommen.
Mit dpa