Deutsche Gastarbeiter in Indien: Für eine Hand voll Rupien - DER SPIEGEL
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Deutsche Gastarbeiter in Indien Für eine Hand voll Rupien

Viele Unternehmer haben schon längst die Flucht vorm Standort Deutschland angetreten. Neu ist allerdings, dass immer mehr gut ausgebildete Arbeitssuchende im Ausland ihr Glück versuchen - und zur Not auch zu ortsüblichen Löhnen in Indien arbeiten.
Von Thomas Schmitt
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bangalore - Um die Rekrutierung von Mitarbeitern bei Ebookers Deutschland kümmert sich Dagmar Loehr am liebsten selbst. Auf der Internetseite des Bonner Unternehmens macht die Managerin den Arbeitsuchenden das Jobangebot mit verheißungsvollen Worten schmackhaft. Von einem "dynamischen" und "stimulierenden" Arbeitsumfeld, von einer "einmaligen Arbeitserfahrung" ist da die Rede.

Der Einsatzort: Neu Delhi, die Hauptstadt Indiens. Der Arbeitsplatz: das dortige Callcenter des Onlinereisebüros. Das Gehalt: Bis zu 30.000 Rupien monatlich - umgerechnet sind das etwa 550 Euro.

Deutsche Interessenten müssen sich verpflichten, mindestens ein Jahr in Indien zu bleiben, das Ganze soll sich für Ebookers ja rechnen. Der Trost: Nach sechs Monaten bekommen die Gastarbeiter das Recht auf einen Gratis-Heimatflug zugesichert. Den können sie dann im eigenen Reisebüro buchen.

"Nur wenige kommen mit dem Umfeld zurecht"

Bisher haben indische Callcenter wegen der sprachlichen Nähe vor allem englischsprachige Industrieländer bedient. US-Computerkonzerne wie Dell oder Apple etwa wickeln Teile ihres Telefonservices von Indien aus ab. Mit angelsächsischen Kunden allein geben sich die indischen Outsourcing-Anbieter aber nicht mehr zufrieden. Unternehmen wie Wipro, Infosys, Office Tiger oder HCL Technologies haben ihre Aktivitäten schon auf den deutschen Markt ausgeweitet. Zunehmend setzen sie eigene Headhunter ein, um Arbeitskräfte in Europa anzuwerben.

Das Callcenter von Ebookers wird von Tecnovate eSolutions betrieben - einem eigens gegründeten Tochterunternehmen der Reisebürofirma, das für ihre 14 europäischen Gesellschaften nahezu alle Flug-, Hotel-, Mietwagen-, Last-Minute-, Pauschal-, oder Kreuzfahrtbuchungen abwickelt. Unter den hundert ausländischen Beschäftigten aus elf europäischen Ländern haben in den letzten zwei Jahren ein halbes Dutzend Deutsche mit zeitlich befristeten Verträgen gearbeitet. Bis heute wickeln sie die Ticket- und Pauschalreiseverkäufe an deutsche Kunden ab. Die Unternehmensführung plant, in nächster Zeit noch weitere deutsche Arbeitskräfte nach Indien zu holen.

Start-up in der Garden City

Nach wie vor arbeiten die meisten Deutschen auf dem Subkontinent in der Entwicklungshilfe. Die Callcenter-Branche ist aber nur ein Beispiel von mehreren dafür, dass indische Unternehmen aus Boom-Branchen zunehmend von sich aus Personal auch in Deutschland suchen.

Ein ähnliches Bild bietet sich in Bereichen wie Mode, Gesundheit oder Biotechnologie. Es sei nicht mehr ungewöhnlich, "in Indien hochqualifizierte deutsche Ingenieure oder Manager zu finden, die für ein bis zwei Jahre dort arbeiten", sagt etwa Dirk Matter, Leiter der Deutsch-Indischen Handelskammer in Düsseldorf. Für die meisten bedeute dies allerdings eine große Umstellung: "Nur einige wenige kommen mit dem kulturellen Umfeld wirklich gut zurecht."

Antje Heiermann hingegen fühlt sich in Indien gut aufgehoben - und hofft sogar auf einen Karriereschub. Anstatt in Deutschland ein schlecht bezahltes Praktikum an das andere zu reihen, hat die junge Wirtschaftswissenschaftlerin bei Bosch in Bangalore angeheuert. Jetzt arbeitet sie im hauseigenen Übersetzungsbüro und versucht weitere qualifizierte Studienabgänger aus Deutschland in die Hauptstadt des indischen Tech-Booms zu lotsen.

Nicht als kleiner Backoffice-Angestellter, sondern als Unternehmer ist René Seifert in die auch Garden City genannte Metropole gekommen. Mittlerweile beschäftigte er drei indische Programmierer und vier Deutsche. Noch vor Jahren hätten Start-up-Unternehmer wie er oder Offshore-Unternehmen keine Chance gehabt, deutsche Arbeitskräfte mit Einstiegsgehältern um 400 Euro nach Indien zu locken. Der Arbeitskräfteüberhang in Deutschland und der ökonomische Aufstieg Indiens haben aber dazu beigetragen, das zu ändern.

Die Arbeitsagentur hilft

Schon bieten findige Unternehmen wie das Global Competence Forum in Tübingen Lehrgänge für die neuen ausreisewilligen Billigarbeiter an. Wirklich günstig sind diese Coachings nicht: Wer bei einem dreitägigen Seminar "direkt aus der Praxis" von "Top-Referenten" darüber unterrichtet werden will, welche Behördengänge erledigt werden müssen, wie gut oder schlecht das indische Gesundheitssystem arbeitet oder wie man bei erfolgreicher Arbeitssuche seine Steuererklärung "optimieren" kann, muss 2100 Euro hinblättern - zuzüglich Mehrwertsteuer.

Die Bundesagentur für Arbeit tut das Ihrige, um den Brain drain - nicht nur nach Indien - zu fördern. In der wöchentlich erscheinenden Arbeitsagenturpostille nimmt die Rubrik der "Arbeitsplätze und Praktika im Ausland" mit über 19 Seiten den mit Abstand größten Raum ein. Die Arbeitsagentur bestätigt, dass die Vermittlung ins Ausland auch auf Grund der hiesigen Arbeitsmarktlage deutlich zugenommen habe. Auf Informationsveranstaltungen weist sie unermüdlich darauf hin, dass infolge der niedrigeren Lebenshaltungskosten in Zielländern wie Indien die Ausgaben für den täglichen Lebensbedarf problemlos gedeckt werden könnten.

Wie lange der bedeutende Lohnkostenvorteil Indiens noch bestehen bleibt, ist allerdings fraglich. Vor allem in Ballungszentren wie Bangalore sind die Löhne in den letzten Jahren schon kräftig gestiegen. Die Schwergewichte der indischen IT-Industrie forcieren derweil die Expansion nach Europa, um neue Märkte zu bedienen. "Indische IT-Firmen wie Wipro und Infosys haben ganz große Pläne für Deutschland, insbesondere für den unternehmerischen Mittelstand", erklärt Dirk Matter. "Die sind flexibel und längst schon auf dem deutschen Markt aktiv."