Deutsche Telekom Sihlers behutsamer Kurswechsel
Bonn/Frankfurt - Helmut Sihler, seit exakt einem Monat im Amt, muss bei seinen öffentlichen Aufritten eine Gratwanderung bewältigen: Er muss gleichzeitig entschlossen zu wirken, Reformen und Schuldenabbau ankündigen, um das verspielte Vertrauen der Kapitalmärkte und der Kleinaktionäre zurückzugewinnen. Gleichzeitig darf er die Telekom nicht schlecht reden, die Mitarbeiter nicht verunsichern, keine zu großen Zweifel an der Strategie seines Vorgängers Sommer aufkommen lassen.
So können Sihlers öffentliche Aussagen bisweilen sehr widersprüchlich wirken. In einem umfangreichen Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sagte der 72-Jährige einerseits, die Telekom stecke in einer "ernsten Situation". Der Konsolidierungskurs, schon unter Sommer begonnen, werde durch das neue Programm E3 weiter vorangetrieben - E3 steht dabei für Effizienz, Einsparungen, Entschuldung. Die derzeitigen Verluste seien auf die Dauer nicht tragbar, Vorstand und Mitarbeiter müssten sich stark anstrengen - unter anderem, damit die Schulden wie geplant bis Ende 2003 auf 50 Milliarden Euro sinken. Sehr wichtig sei auch das Programm zum Personalabbau. In drei Jahren sollten 22.000 Stellen wegfallen.
Warten auf Taten
Doch selbst wenn Sihler von ernsten Problemen spricht, bleibt sein Tonfall nüchtern und gelassen. Und gleich ein paar Sätze später betont er, wie zufrieden er doch eigentlich ist mit der wirtschaftlichen Lage des Konzerns, der Strategie, und seiner eigenen, diffizilen Sanierungsaufgabe, die er nach eigenen Worten für längstens sechs Monate ausüben will. "Wir hatten ein gutes erstes Halbjahr", sagt Sihler dann zum Beispiel. Die Ergebnisse, die en detail am Mittwoch vorgestellt werden, lägen im Rahmen der Erwartungen.
Damit - und mit seinem Bekenntnis zum Schuldenabbau - hat Sihler es tatsächlich geschafft, an der Börse Zuversicht zu verbreiten. Während der Aktienindex Dax leicht schwächer notierte, stand die T-Aktie am Vormittag mit einem Plus zwischen drei und zwei Prozent an der Spitze der Gewinnerliste. Die Kursgewinne seien vor dem Hintergrund des Sihler-Interviews zu sehen, sagten mehrere Broker. Auch neue Spekulationen über den Verkauf von VoiceStream belebten den Kurs. Nachdem sie im Juni auf Kurse von knapp über acht Euro gefallen war, hat die T-Aktie indes einigen Nachholbedarf, die Erholung ist vermutlich auch Teil einer längerfristigen Gegenreaktion auf die Kursverluste. Auch bleibe abzuwarten, so ein Händler, ob Sihlers Ankündigungen von ihm selbst und seinem Nachfolger auch tatsächlich umgesetzt werden.
Das Privatkundengeschäft bleibt deutsch ...
Mit seiner typischen Vorsicht sprach Sihler aber auch über die Mängel der Internationalisierungsstrategie, die Ron Sommer verfolgt hatte. Aussagen, die durchaus als Start eines deutlichen Kurswechsels verstanden werden könnten. Details zur künftigen Strategie will der Vorstand zwar erst im November bekannt geben. Sihler beabsichtigt aber offenbar, mehrere der von Sommer vorangetriebenen Auslandsengagements zurückfahren.
Die Vier-Säulen-Strategie Sommers, der die Telekom in die Geschäftsfelder Großkunden, Privatkunden, Online-Dienste und Mobilfunk geteilt hatte, sei zwar im Prinzip richtig. Doch nicht jede dieser vier Sparten müsse gleichermaßen international aufgestellt sein, so Sihler. Eine vierfache Auslandsoffensive nannte er schwierig. Man werde nun prüfen, welche Sparten überhaupt nennenswert im Ausland aktiv sein müssten. Zwingend sei die Internationalisierung eigentlich nur für T-Systems, die Großkundensparte - das Privatkundengeschäft lasse sich aber kaum auf ähnliche Weise international aufstellen.
... aber der neue Chef muss kein Deutscher sein
Bei T-Mobile wiederum sei die Internationalisierung sehr weit, sagte Sihler. Ob er sie auch für sinnvoll hält, ließ er in dem Interviewtext offen. Gewohnt ambivalent äußerte sich der Interimschef auch zur US-Mobilfunk-Tochter VoiceStream, zu deren Verkauf manche Analysten raten. VoiceStream habe bei überproportional viele neue Kunden gewonnen und damit die Erwartungen übertroffen. Gleichwohl bleibe die US-Tochter nur die Nummer sechs auf dem US-Mobilfunkmarkt - eine Situation, die "überdacht" und verbessert werden müsse. Sihler sagte nicht, ob er eine Fusion VoiceStreams mit einem Konkurrenten anpeilt oder glaubt, dass das Unternehmen aus eigener Kraft weiter hinreichend wachsen kann.
Wer sein Nachfolger als Telekom-Chef werde, ist nach Sihlers Worten weiter offen. Namen von Kandidaten seien zwischen ihm und Aufsichtsratschef Helmut Winkhaus bislang nicht angesprochen worden. Derzeit sei man dabei, ein Anforderungsprofil zu definieren, danach würden dem Präsidium des Aufsichtsrates zwei oder drei Kandidaten vorgeschlagen. Der neue Telekom-Chef müsse dabei nicht aus der Branche kommen, auch eine internationale Lösung sei möglich. Und dann warnte Sihler wieder gewohnt vorsichtig vor überzogenen Erwartungen: "Es gibt keine Wunderlösungen und Harry-Potter-Manager".