Deutsche Telekom Strahle-Obermann enttäuscht die Börse
Berlin - An der Entwicklung des Aktienkurses wollte er sich messen lassen. Zumindest Anschluss an die Entwicklung der Märkte und der Konkurrenz müsse die Telekom-Aktie finden, sagte Telekom-Chef René Obermann vor einem Jahr. Wenn dies nicht gelinge, dann habe er seine Aufgabe nicht gut genug erfüllt.
Noch ist die Frist von rund zwei Jahren nicht verstrichen, die Obermann sich gesetzt hat. Aber die Jahresbilanz, die er und sein Kollege aus dem Finanzressort, Karl-Gerhard Eick, heute vorstellten, ist ein wichtiger Markstein.
Telekom-Chef Obermann: 14.000 Mitarbeiter von der Gehaltsliste getilgt
Foto: REUTERSVor diesem Hintergrund muss die Reaktion der Anleger wie ein blauer Brief gewertet werden, der mit dem Halbjahreszeugnis verschickt wird: Im Verhältnis zu den anderen Dax-Werten schnitt die Telekom heute ziemlich schlecht ab, auch wenn ein Teil der Verluste darauf zurückzuführen sein dürfte, dass die Telekom-Branche insgesamt wenig gefragt war. Auch aufs Jahr gesehen gilt die T-Aktie nicht gerade als Durchstarter - ein wenig hat sie aufgeholt, mehr nicht.
Der Kursverlauf heute ist aber eher der Tatsache geschuldet, dass, dass der Funke nicht so recht überspringen wollte. Dabei sind die Zahlen, für sich betrachtet, ganz zufriedenstellend. Trotz hoher Kosten für den Konzernumbau und starker Konkurrenz auf dem Heimatmarkt lag das bereinigte Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) 2007 mit 19,3 Milliarden Euro leicht über dem Ziel von rund 19 Milliarden Euro.
Mitarbeiter zahlen den höchsten Preis
In guter Erinnerung jedoch ist der Preis, den viele Telekom-Mitarbeiter für die Rosskur bezahlen mussten. Denn es war in erster Linie der Abbau von Stellen, der dazu beitrug, dass die Einsparungen mit 2,3 Milliarden Euro sogar noch höher ausfielen als zunächst geplant. 40 Prozent der eingesparten Summe sind Personalkosten, wie Eick heute erläuterte. 2007 hätten insgesamt 14.400 Beschäftigte das Unternehmen verlassen. Neben dem Verkauf von Call-Centern seien die Mitarbeiter über Vorruhestand, Altersteilzeit, Abfindungen sowie natürliche Fluktuation von der Gehaltsliste verschwunden.
Summa summarum führte der Stellenabbau dazu, dass die Personalkosten allein im Inland um acht Prozent auf 9,5 Milliarden Euro reduziert werden konnten. Mit eingerechnet sind laut Obermann auch schon erste Effekte der Auslagerung von rund 50.000 Service-Mitarbeitern in konzerneigene Gesellschaften. Diese müssen länger arbeiten und verdienen deutlich weniger. Für eine Übergangszeit allerdings gleicht die Telekom den Einkommensverlust noch aus.
Begleitet wurden die Verhandlungen über die Auslagerung 2007 von einem wochenlangen Streik. Die Gewerkschaft Ver.di drohte bereits mit weiteren Konflikten, sollte die Telekom die Geschäftskundensparte T-Systems verkaufen. Dass an dieser Front keine Ruhe einkehren wird, scheint sicher. Denn auch in den kommenden Jahren stehen die Sparanstrengungen bei Obermann im Vordergrund. Der Personalumbau werde weitergehen, kündigte er an. Bis zum Jahresende will die Telekom die Zahl der Mitarbeiter ohne betriebsbedingte Kündigungen um 32.000 reduzieren. Bis 2010 will der Telekom-Boss die Kosten im Konzern um weitere 4,7 Milliarden Euro drücken.
Service bleibt wichtigste Baustelle
Nun ist der Aderlass, der den Beschäftigten zugemutet wurde, aus Sicht der Anleger im Prinzip kein Anlass zur Klage - so zynisch das auch klingen mag. Gleichwohl ist sie von Bedeutung, denn als Unternehmen, dessen Geschäftsmodell zentral auf dem Service für Kunden fußt, ist die Telekom auf motivierte Mitarbeiter angewiesen. Selbstkritisch hatte Obermann noch vor einem Jahr eingeräumt, dass in Sachen Kundenorientierung enormer Nachholbedarf besteht. Die Stimmung aber bleibt nicht zuletzt wegen der Personaldiskussion auf dem Nullpunkt. Die Folge: "Von einem optimalen Service sind wir an vielen Stellen noch immer weit entfernt", räumte T-Home-Vorstand Tim Höttges jüngst in einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin "Capital" ein.
Wie wenig auf diesem Gebiet passiert ist, belegt auch der Skandal um Tausende Beschwerdebriefe, die Servicemitarbeiter einfach ignoriert haben. Nach Angaben vor ver.di war die Arbeit wegen des Streiks gegen die Ausgliederung der Servicesparte im vergangenen Jahr sowie die wiederholte Umstrukturierung des Konzerns liegengeblieben. Höttges hat die Angelegenheit inzwischen zur Chefsache erklärt.
Auch in andere Hinsicht ist Obermanns Performance noch verbesserungsfähig: Die Kundenflucht in der Festnetzsparte konnte auch im vergangenen Jahr nicht gestoppt werden - kein Wunder: 2,1 Millionen Verträge wurden 2007 gekündigt, mehr noch als im Katastrophenjahr 2006. Insgesamt haben damit seit 2002 19,8 Millionen Festnetzkunden der Telekom den Rücken gekehrt.
Ende des US-Booms absehbar
Dass ist in der Jahresbilanz trotzdem für ein Plus reichte, liegt hauptsächlich an der blühenden Mobilfunk-Tochter in den USA. Um immerhin 14,6 Prozent konnte T-Mobile USA die Anzahl seiner Kunden erhöhen, konzernweit betrug der Zuwachs 10,3 Prozent. Doch auch hier melden Experten erste Zweifel an, ob die Wachstumsstory noch um weitere Kapitel erweitert werden kann. So gehen Experten der Landesbank Baden-Württemberg von einer spürbaren Abkühlung der Nachfrage in den USA aus. "T-Mobile USA dürfte als Wachstumslokomotive des Konzerns langsam der Dampf ausgehen", heißt es in der Studie.
Aber nicht allein die Konjunkturschwäche in den USA lässt einiges befürchten. Auch was die Zukunft des Mobilfunks angeht, lässt Mobilfunk-Freak Obermann die notwendigen Antworten für die Zukunft vermissen.
Nach übereinstimmender Einschätzung von Experten ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der - einfache - Zugang zum Internet vom Handy aus zur Grundausstattung gehören muss. Die teure Breitband-Technik UMTS hat in diesem Zusammenhang nur eine geringe Schlagkraft entwickelt. Einzig das iPhone von Apple , das diesen Standard gar nicht nutzt, zählt zu den ernstzunehmenden Vorboten des neuen Zeitalters.
Dass UMTS auch in Zukunft eine geringe Rolle spielen wird, dafür sorgt auch die rasante Verbreitung der W-Lan-Hotspots, hierzulande wie in den USA. Die aber sind für die Telekom nicht annähernd so lukrativ wie das mobile Breitband. Trotzdem dürfte ein dicht geknüpftes W-Lan-Netzwerk nach Überzeugung von Experten der Königsweg für eine gesicherte Zukunft im mobilen Internet sein. Allein - wie so etwas zu ereichen wäre, darüber schweigt sich die Telekom aus.
Mit Material von Reuters