Deutscher Aufschwung: Comeback der Langweiler-Aktien - DER SPIEGEL
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Deutscher Aufschwung Comeback der Langweiler-Aktien

Die wiedererwachte Kauflust der Deutschen wirkt sich auch an der Börse aus. Konsumtitel, die Jahre lang ihre Aktionäre enttäuschten, könnten sich bald zu Stars auf dem Parkett mausern.
Von Arvid Kaiser
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Jahrelang waren Konsumaktien die Langweiler auf dem deutschen Kurszettel. Die Kurse von Metro  , KarstadtQuelle   oder Douglas   knickten schon 1998/99 ein, deutlich früher als der Gesamtmarkt, und blieben auch dann noch im Keller, als sich die übrigen Aktien wieder erholten.

Wenn die Konjunkturexperten der Wirtschaftsforschungsinstitute Recht behalten, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um in Konsumaktien zu investieren. Denn der Aufschwung der deutschen Wirtschaft, bisher noch wesentlich auf den Export gestützt, soll dank wachsender Beschäftigung ein zweites Standbein im Inland bekommen. Hier werden die Investitionen als Wachstumsmotor um den Konsum ergänzt. Die fünf führenden Institute rechnen in ihrem Frühjahrsgutachten damit, dass der private Konsum in diesem Jahr um 0,9 Prozent und 2008 um 2,1 Prozent wächst.

Die Branche Konsum/Handel verzeichnet in der Analystenumfrage des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung von April die mit Abstand beste Entwicklung. Der Erwartungsindex für die Branche verbesserte sich um satte 20 Punkte auf 25,4. Dieses Niveau ist zwar in derselben Liga wie die Branchen Fahrzeugbau und Informationstechnologien, aber immer noch niedrig genug, um als Geheimtipp zu gelten.

Das Comeback des Konsums zeichnet sich bereits ab, ist aber noch nicht in den Gewinnprognosen der Unternehmen berücksichtigt. Deshalb erscheinen deutsche Konsumaktien mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen um 20 derzeit als überbewertet. Das dürfte sich aber im Lauf dieses Jahres ändern. Noch leidet der Handel unter der Erhöhung der Mehrwertsteuer um 3 Prozentpunkte zum Jahreswechsel. Die Delle fiel aber deutlich geringer aus als befürchtet.

Dafür entwickelt sich der Arbeitsmarkt zu gut. "Trotz der staatlichen Abschöpfung haben die Konsumenten mehr verfügbares Einkommen", sagt Einzelhandelsanalyst Jürgen Elfers von der Commerzbank. "Deshalb sind die Konsumenten wieder bereit, mehr Geld auszugeben." Der Konsumklimaindex der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ist im April wieder leicht gestiegen. Die Schwächephase des ersten Quartals sei überwunden, schreibt die GfK.

Die Profiteure der Tarifrunde

Wenn sich zum gefühlten Aufschwung, dessen Ausdruck das Konsumklima ist, auch ein reales Plus auf den Konten der Konsumenten gesellt, kann die Kauflust in Bares umschlagen. Die Unternehmen des Einzelhandels gehören zu den wenigen, die sich über saftige Lohnerhöhungen in der diesjährigen Tarifrunde freuen können - ein Faktor, den die Unternehmer und Marktbeobachter kaum kalkulieren können. Inzwischen spricht aber einiges dafür, dass es ein spürbares Plus gibt.

Laut Frühjahrsgutachten sollen die Nettolöhne und -gehälter in diesem Jahr um 3 Prozent zulegen. Erstmals seit Langem würde das verfügbare Realeinkommen wieder wachsen. Was für die anderen Branchen höhere Lohnkosten bedeutet, verheißt dem Handel größere Absatzchancen. Hinzu kommt, dass der Handel die eigenen Lohnkosten wohl weiter niedrig halten kann. Deutliche Lohnerhöhungen dürfte es vor allem in den exportorientierten Branchen geben. Sie fuhren bereits in den vergangenen Jahren große Gewinne ein und stehen deshalb unter größerem Druck, die Beschäftigten am Erfolg der Unternehmen zu beteiligen.

In der Chemieindustrie haben die Tarifpartner bereits ein Einkommensplus von 4,3 Prozent vereinbart. Auf ein ähnliches Ergebnis könnte die IG Metall kommen, die in diesem Jahr 6,5 Prozent mehr Lohn fordert und besonders offensiv ihre Streikbereitschaft betont, während die Metallunternehmen nah an der Kapazitätsgrenze arbeiten. Im Einzelhandel dagegen steht die Gewerkschaft Verdi in einer deutlich schlechteren Position. Mit Lohnforderungen hat sie sich bisher noch nicht hervorgewagt.

Der private Konsum ist ein klassischer Spätzünder der Konjunktur. In Deutschland kommen die Nachfrageimpulse zuerst aus dem Ausland, regen dann Investitionen an, und erst wenn die wachsenden Gewinne in höhere Einkommen umschlagen, zieht auch der Konsum an. Auch im Aufschwung- und Fußball-WM-Jahr 2006 hat sich deshalb der Handel noch nicht ganz von seiner Dauerkrise erholt - anders als die ebenfalls notorisch malade Baubranche, die direkt von zunehmenden Anlageinvestitionen profitierte.

Wenn nun die fast ein Jahrzehnt andauernde Gewinnschwäche der Handelskonzerne überwunden ist, gibt es auch keinen Grund mehr für die Aktienkurse, wie unter einem schweren Betondeckel horizontal die Zeitachse entlangzukriechen - zumal der Boom auch innerhalb der Branche für Verschiebungen zugunsten der Aktiengesellschaften sorgen dürfte. "Man kauft wieder Marken und höherwertige Produkte", sagt Commerzbanker Elfers. Diese Entwicklung kommt börsennotierten Unternehmen zugute, weil No-Name- und Billigprodukte vor allem von Discountern vertrieben werden.

Favoriten der Analysten

An erster Stelle steht Metro  , mit einem Jahresumsatz von knapp 60 Milliarden Euro der größte Handelskonzern Europas. Metro sei vor allem im Wachstumsmarkt Osteuropa gut aufgestellt, sagt Elfers. Nun bringen vor allem die Cash-and-Carry-Großmärkte und die Elektromärkte der Media-Saturn-Holding auch aus dem Inland kräftige Gewinne. "An dem Unternehmen wird Metro weiter ihre Freude haben", sagt Elfers voraus. Er glaube nicht, dass die Konkurrenz aus dem Internet die Margen von Media/Saturn bedrohe. "Die Kunden wollen auch weiterhin etwas zum Anfassen haben." Metro-Aktien sind zwar mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 18 nicht mehr die billigsten, aber die europäischen Wettbewerber Carrefour   und Tesco   sind weit höher bewertet - weil sie in ihren Heimatmärkten bereits einen Boom erlebt haben.

Als reiner Handelstitel steht Metro im Leitindex Dax   allein auf weiter Flur. Die anderen Branchenriesen wie Rewe, Tengelmann, Aldi oder Schwarz-Gruppe sind nicht an der Börse notiert. Wer etwas tiefer in die Dax-Familie schaut, findet aber schon im Mittelwerteindex MDax   eine Reihe von Titeln aus dem Sektor. "Douglas ist mein Favorit", sagt Elfers. Die Drogeriekette "dürfte es schwer haben, die Umsatzprognose zu halten", meint er - nach unten.

Douglas   rechnet offiziell mit einem Plus von 8 bis 10 Prozent für dieses Jahr. Nach den auf der Hauptversammlung im März verkündeten Zahlen für die ersten Monate und dem guten Ostergeschäft erwartet Elfers aber, dass Douglas schon im ersten Halbjahr ein Wachstum von 13 oder 14 Prozent verzeichnet.

KarstadtQuelle   sei schwieriger zu bewerten, weil Konzernchef Thomas Middelhoff das Unternehmen ständig mit neuen Finanztransaktionen und Umstrukturierungen auf Trab hält. Die Margenziele für 2009 bezeichnet Elfers als "relativ ambitioniert". Das Ergebnisszenario sei aber wahrscheinlich machbar, nur könne man die Zahlen des Unternehmens schwer durchschauen. Allerdings lasse sich so viel sagen, dass sich der Konzern mittelfristig auf Wachstumskurs bewegt. "Middelhoff hat so viel Ballast über Bord geworfen, dass der Tanker schneller werden kann", sagt Elfers.

Auch innerhalb der Konsumtitel sorgt der Aufschwung am Arbeitsmarkt für Verschiebungen. "Wenn die Konsumenten nicht mehr das Damoklesschwert der Kündigung über sich haben, zieht die Renovierungstätigkeit an", sagt Elfers. Deshalb seien Baumärkte auf der Gewinnerseite - obwohl die von ihnen verkauften Produkte unter den vollen Mehrwertsteuersatz fallen. Das macht für Anleger in erster Linie die Aktie von Praktiker   interessant. Die ist allerdings bereits im vergangenen Jahr sehr hoch gestiegen.

Neben den Einzelhandelskonzernen sind auch die Hersteller von Verbrauchsgütern eine Möglichkeit, auf den wachsenden Konsum zu setzen. An erster Stelle stehen Henkel   und Beiersdorf  , die Güter des täglichen Bedarfs produzieren. Aber auch Sportartikel- und Modehersteller wie Adidas  , Puma  , Hugo Boss   oder Escada   profitieren von der zunehmenden Kaufbereitschaft. Ähnlich sieht es mit Elektrogeräteherstellern aus. Da hat Deutschland aber an halbwegs prominenter Stelle nur die SDax-Titel Loewe   und Medion   zu bieten.

Viele dieser Unternehmen haben mit spezifischen Problemen zu kämpfen, sodass sich die generell guten Aussichten für die Branche nicht in jedem Fall in Gewinne umsetzen lassen. Kurzfristig schießen die Aktienkurse gern mal nach unten, wenn die Unternehmenslenker mit ihren vorsichtigen Prognosen unter den Erwartungen der Analysten bleiben, oder nach oben, wenn eine Bank sich die Bewertung einer Aktie genauer anschaut und das Kursziel heraufsetzt. Anleger, die von dem positiven Konsumtrend profitieren wollen, brauchen also einen halbwegs langen Atem.

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