Devisen-Rallye Euro auf Deflationskurs
Frankfurt am Main - Der Euro hat am Dienstag seinen Höhenflug im Vergleich zum Dollar und dem japanischen Yen fortgesetzt und neue Höchststände markiert. Im europäischen Handel kostete die Gemeinschaftswährung am Mittag 1,1921 Dollar. Der Euro peile die Marke von 1,20 Dollar an, sagte Devisenanalyst Stefan Klomfass bei HelabaTrust. Zum Yen kletterte der Euro zwischenzeitlich auf einen neuen Höchststand von 139,11 Yen.
Carsten Fritsch, Devisenexperte bei der Commerzbank, führte die Dollar-Abwertung darauf zurück, dass sich die USA von der "Politik eines starken Dollar" verabschiedet hätten. Die Bush-Regierung ziehe einen schwachen Dollar vor, um die Exporte anzukurbeln, sagte er.
Wirtschaftsforscher warnen vor Deflation
"Je höher der Euro steigt, desto näher rücken wir einer Deflation", sagte ein Händler. Schließlich verteuere diese Entwicklung die Ausfuhren in den wichtigen Exportmarkt USA und bremse die ohnehin lahmende Konjunktur weiter. Im fernöstlichen Handel war der Euro am frühen Dienstagmorgen zwischenzeitlich auf 1,1911 Dollar geklettert. Die Börse in Frankfurt gab aus Angst vor einem weiteren Anstieg der Gemeinschaftswährung nach. Der Dax büßte bereits am Dienstagvormittag 1,6 Prozent ein.
Auch der Chef des Ifo-Institutes, Hans-Werner Sinn, sagte in einem Zeitungsinterview, für Deutschland bestehe bei einer weiteren Aufwertung des Euro und einem Abrutschen der Wirtschaft in eine Rezession die Gefahr einer Deflation (siehe Definition). Am Montag hatte sich der Chef des Wirtschaftsforschungsinstitutes DIW, Klaus Zimmermann, ähnlich geäußert.
Alles schaut auf den Eurotower
"Jetzt warten natürlich alle darauf, dass die EZB handelt - und zwar deutlich", sagte ein anderer Marktteilnehmer. "Das bedeutet, dass sich die Leitzinsen dem US-Niveau annähern." Die europäischen Währungshüter hatten den Leitzins zuletzt im März um 0,25 Prozent auf 2,5 Prozent gesenkt. Der US-Schlüsselzins liegt dagegen bei nur 1,25 Prozent und damit auf dem niedrigsten Stand seit Jahrzehnten.
Zinssenkungen gelten als ein Mittel zur Ankurbelung der Wirtschaft, weil sich Unternehmen dann billigeres Kapital für Investitionen beschaffen können. Die Europäische Zentralbank (EZB) bereitet sich offenbar auf eine weitere Zinssenkung vor. Der starke Euro und die schwache Konjunktur ließen die Inflation im gemeinsamen Währungsraum 2004 auf unter zwei Prozent fallen, sagte EZB-Vizepräsident Lucas Papademos. Mehrere Faktoren deuteten darauf hin, dass sich die günstigen Bedingungen für die angestrebte Preisstabilität in Euroland mittelfristig fortsetzten. Beobachter werten diese Aussage als Signal für eine EZB-Leitzinssenkung bereits Anfang Juni.