GEWERKSCHAFTEN Dicker Schlamassel
Vergebens bemühte Schatzkanzler Denis Healey arithmetische und Naturgesetze, um die britischen Gewerkschaften von der Notwendigkeit niedriger Löhne zu überzeugen. »Keine Art von Lohnpolitik wird es schaffen«, warnte er die Kollegen, »aus zwei und zwei fünf zu machen, und keine Form von Tarifverhandlungen wird die Wasser des Niagara rauf- statt runterfließen lassen.«
Diese Lektion des Schatzkanzlers beeindruckte Britanniens selbstbewußte Arbeiterführer kaum. Am vergangenen Dienstag lehnte der Vorstand des Gewerkschafts-Dachverbandes Trades Union Congress (TUC) eine in wochenlangen Verhandlungen zwischen führenden Kabinettsmitgliedern und TUC-Vertretern ausgehandelte Vereinbarung über die künftige Strategie im Kampf gegen die Inflation ab.
Die Abstimmungsniederlage für die Befürworter des Papiers war zwar denkbar knapp, dennoch wertete Londons »The Financial Times« die Abfuhr für Regierungschefunterhändler Healey als den »schwersten Schlag«, den ein Labour-Kabinett von den Gewerkschaften »seit dem Bruch mit der Wilson-Regierung über deren Arbeitsgesetzgebungspläne vor zehn Jahren« erhielt.
Mit dem nun gescheiterten Versuch eines neuen Lohn-Konkordats hatte die Labour-Regierung verkleistern wollen, daß es um die von ihr stets hervorgehobenen »speziellen Beziehungen« zu Britanniens Gewerkschaften schon seit längerem nicht mehr zum besten steht.
Erstmals offen aufgerissen war die Kluft zwischen Gewerkschaften und Regierung auf dem TUC-Kongreß Anfang September.
Nach einem dreijährigen »Sozialpakt«, der den Arbeitern strikte Lohndisziplin auferlegt hatte, forderte Premier James Callaghan die Gewerkschaften damals kategorisch auf, sich bei Tarifverhandlungen noch weit stärker als bisher zurückzuhalten: Statt eines Lohnlimits von zehn Prozent im Jahr zuvor sei künftig nur noch ein Zuschlag von fünf Prozent vertretbar.
Doch die erbosten Gewerkschafter wollten nicht länger einsehen, warum sie bei einer von 20 Prozent (im Jahre 1974) auf etwa acht Prozent gedrückten Inflation und wieder anlaufender Konjunktur sich noch einmal zu harter Lohndisziplin verpflichten sollten, zumal die Kollegen vom Kontinent ohnehin deutlich mehr verdienen.
Die Gewerkschaften lehnten jegliche Lohnrichtlinie der Regierung ab und verlangten, endlich wieder die Tarife frei aushandeln zu dürfen -- ein Recht, das ihnen die Labour-Regierung durch die Vorschriften und Regeln ihrer Einkommenspolitik seit Jahren vorenthält.
Zu Callaghans Ärger schloß sich zunächst auch der von Gewerkschaftsvertretern beherrschte Labour-Parteitag dem TUC-Votum an.
»Man kann so etwas ein Jahr oder zwei Jahre machen und mit Sanktionen und Glück sogar drei Jahre«, kommentierte Sir Frederick Catherwood vom British Institute of Management Callagbans Beharren auf weiteren Lohnvorschriften, »aber wenn man ins vierte Jahr geht, ist man im dicksten Schlamassel.«
Souverän setzten sich denn auch Gewerkschaften und Unternehmen in den Tarifverhandlungen der vergangenen Woche über die Lohnnorm der Regierung von fünf Prozent hinweg.
Die seit Mitte September bestreikten britischen Ford-Werke, die ihren Arbeitern zunächst den regierungskonformen Zuschlag von fünf Prozent geboten hatten, erhöhten ihr Angebot schon bald auf mehr als das Dreifache.
Dennoch konnten sie mit dieser Zulage nicht verhindern, daß der Streik von 57 000 Ford-Arbeitern in die neunte Woche ging.
Die Bäcker in Britanniens Brotfabriken traten Ende Oktober in den Ausstand, weil ihnen eine Elf-Prozent-Offerte nicht genügte. Arbeiter des britischen Industriegas-Lieferanten British Oxygen lehnten ein Neun-Prozent-Angebot als zu niedrig ab, und auch die Beschäftigten der britischen Tochter des französischen Reifenproduzenten Michelin wiesen einen Zuschlag von neun bis 11,5 Prozent als zu gering zurück.
Als geradezu maßvoll nehmen sich daher die Arbeiter des britischen General-Motors-Ablegers Vauxhall aus. Im Gegensatz zu den kampffreudigeren Ford-Kollegen gaben sich die Vauxhall-Arbeiter diesen Monat bereits mit 8,5 Prozent mehr Lohn zufrieden.
Um den Bruch mit den Gewerkschaften wenigstens zum Schein zu kitten, bemühte sich die Regierung in den vergangenen Wochen nun, die Gewerkschaften zu einer gemeinsamen Erklärung über die Notwendigkeit des weiteren Kampfes gegen die Inflation zu überreden. Die Regierung wollte dabei an ihrer Fünf-Prozent-Norm festhalten, dem Gewerkschaftsverband wiederum sollte erlaubt sein, seine Forderung nach völliger Tarif-Autonomie zu bekräftigen.
Doch angesichts des TUC-Votums vom vergangenen Dienstag erwies sich dieser Versuch eines Pseudo-Pakts als kapitaler Fehler. Denn damit wurde offenbar, daß die Gewerkschaften nicht einmal mehr einer Vereinbarung mit der Regierung zustimmen mögen, in der man sich lediglich einig ist, daß man verschiedener Meinung ist.
»Ich habe das Gehabe dieser Leute satt«, grollte der maßlos enttäuschte Healey nach dieser Schlappe, »die sich als Sozialisten bezeichnen und dann nicht etwa nur ihren gerechten Anteil verlangen, sondern soviel wie möglich für ihre speziellen Mitglieder herausschlagen wollen.«