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BENZINPREISE Die Baisse kam

Am Benzinmarkt herrscht Schwemme. Die Preise für Markentreibstoff sanken unter den Stand von Anfang 1976.
• aus DER SPIEGEL 4/1977
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Weil die Internationale des Erdöls falsch spekuliert hatte, können Deutschlands Autofahrer jetzt billig tanken.

Monatelang, seit Oktober vergangenen Jahres, sind Europas Öleinkäufer in den Opec-Ländern hamstern gegangen. Eine ganze Armada rasch gecharterter Tankerriesen schwamm gen Nahost, um noch vor der Opec-Ölpreiserhöhung zum 1. Januar 1977 billige Ware an Land zu bringen. Aber die Hoffnung auf schnelles Geld zerbarst.

»Sie haben à la hausse spekuliert und sich die Baisse geholt«, analysierte ein Multi-Manager Ende vergangener Woche die Lage der Zunft. Vor allem die internationalen Ölgrossisten, mittlere Raffineriegesellschaften, aber auch einige Multis hatten im Herbst mit so rabiaten Preiserhöhungen für Opec-Öl gerechnet, daß jeder vorzeitig eingelagerte Liter Öl baren Gewinn für sie bedeutet hätte.

Doch die Ölpreiserhöhung fiel sanfter aus als erwartet, und der Kurs des Dollars, mit dem die Öleinkäufer ihren Stoff bezahlen müssen, fiel seit Oktober empfindlich. Der Preisvorteil für das gehortete Öl schrumpfte gegen Null -- die Lagerkosten, vor allem die Bankzinsen für das auf Pump gekaufte Öl, aber laufen weiter.

Nun müssen die Ölmanager, koste es was es wolle, ihre überfüllten Lager räumen. Und Pfennig für Pfennig sackten die Preise für Markenbenzin. Noch im Sommer hatten die Ölbosse den Spritpreis über die kritische Grenze von einer Mark je Liter bringen wollen, und schon längst werden neue Zapfsäulen mit Zählwerken hingestellt, die eine zusätzliche Stelle vor dem Komma fassen.

Aber am 7. Januar 1977 waren die Benzinpreise unter den Stand des 7. Januar 1976 zurückgefallen (siehe Graphik): Super-Benzin aus Shell-Säulen kostete im Schnitt 91,1 Pfennig, ein Jahr vorher waren es 91,2 gewesen. Esso-Selbstbedienungstankstellen, die noch im Sommer für den Liter Super-Benzin 97,9 Pfennig kassierten, nehmen jetzt nur noch 88,9 Pfennig, und in der Nähe von Supermärkten mit Billigst-Benzin bekommen die Markengesellschaften magere 85,9 Pfennig je Liter Super.

»Das hatten wir nicht erwartet«, bekannte Esso-Verkaufsvorstand Harald Reiners. Und Shell-Chef Johannes Welbergen klagte: »Wir sind in einer absolut abnormen Situation.« Denn nicht nur die Fehlspekulation von Außenseitern drückte den Preis des Motorenbenzins, auch die Konjunkturlage und das Wetter waren gegen die Ölmultis.

Weil die Konjunktur wieder besser wurde, mußten die Ölgesellschaften der Industrie mehr schweres Heizöl liefern. Weil die Wasserkraftwerke Europas wegen des trockenen Sommers nur wenig Strom produzieren konnten, mußten die europäischen Raffineriegesellschaften rund sechs Millionen Tonnen zusätzliches Heizöl in den Stromverbund schicken. Beides zusammen zwang sie dazu, stillgelegte Raffineriekapazitäten wieder anzuwerfen -- und automatisch fiel dabei auch zusätzlich Benzin ab.

Weitere Mengen stauten sich am Rotterdamer Ölmarkt, wo freie Händler, aber auch Markengesellschaften sich mit Überschußmengen aus europäischen Raffinerien eindecken: Dort gab es Benzin in Massen und zu günstigen Preisen, weil die Aufkäufer aus Amerika, die im Sommer noch jede freie Menge aus Rotterdam abgezogen hatten, plötzlich verschwunden waren.

Das viele Benzin aber traf auf schrumpfende Märkte. Vor allem die Chemie-Unternehmen, die in der ersten Jahreshälfte 1976 ihre Kunststoff- und Faserproduktion noch ausgeweitet hatten, gerieten während der zweiten Jahreshälfte unerwartet in eine Flaute und nahmen den Ölgesellschaften weniger Leichtbenzin (Naphta) ab.

Die von der Chemie verschmähten Mengen an Naphtha mußten nun zu Motorenbenzin verwandelt und über das Tankstellennetz in den Markt geschleust werden. Doch auch die Autofahrer nahmen weniger ab als erwartet. Während sich in Westdeutschland der Absatz an schwerem Heizöl (für Industrie und Kraftwerke) um neun Prozent und der Verkauf leichten Heizöls (für Haushalte) um gut zehn Prozent erhöhten, stieg der Benzinabsatz nur um knappe fünf Prozent. Die Absatzstrategen der Ölindustrie aber hatten spätestens seit dem Sommer mehr erwartet.

Auf der Fahndung nach den Gründen ihres Irrtums stießen sie auf das Wolfsburger Volkswagenwerk. Die neuen in Wolfsburg und Ingolstadt produzierten Leichtbauautos -- vom VW Polo bis zum Audi 80 -- verbrauchen weit weniger Benzin als ihre Vorgänger im Markt: Der VW Polo ist mit acht Liter auf 100 Kilometer zu fahren, der Käfer schluckte elf. Fast anderthalb Millionen Leichtbau-Volkswagen und -Audis rollen inzwischen über Westdeutschlands Straßen.

Dank so schicksalhafter Fügungen fahren die Deutschen trotz Opec und Antibleigesetz wieder billiger als alle anderen Europäer mit Ausnahme der Briten und Jugoslawen. Die Raffineriegesellschaften dagegen produzieren wieder Verluste zwischen acht und fünfzehn Mark je Tonne Öl.

Erst im Frühjahr, wenn die Heizungen langsamer und die Autos wieder schneller laufen, erhofft sich die Branche höhere Preise an der Zapfsäule, die ihnen dann wohl keiner mehr gönnt. »Spätestens zu Ostern«, weiß Shells Welbergen, »werden wir wieder durch den Kakao gezogen.

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